Job für Gerichtigkeits-Fans

Dieburg sucht händeringend Schiedsmann

Dieburg - Der Nachbar lässt die Thuja-Hecke über den Zaun wachsen. Die Radfahrerin heißt den Autofahrer „Blöder Hund“. Das muss nicht gleich vor Gericht enden, wenn Schiedsmänner und -frauen schlichten. Problem: Dieburg hat keine. Von Ralf Enders 

Am 12. und gegebenenfalls am 26. März wählen die Dieburger einen neuen Bürgermeister. Fünf Kandidaten bewerben sich um das Amt. Das ist eine stattliche Anzahl – und leider nicht zu vergleichen mit der, die in Dieburg Schiedsmann oder -frau werden wollen. Die beträgt derzeit nämlich null. Der Direktor des Dieburger Amtsgerichts, Frank Richter, und Bürgermeister Werner Thomas (CDU) sind deshalb in Sorge. Denn am 1. März endet die Amtszeit des Schiedsmannes Stefan Baumgart. Der 64-Jährige hat das Amt 15 Jahre lang ausgeübt und will nun Jüngere ranlassen. „Wenn zwei Parteien, die sich vorher nicht mehr in die Augen gesehen haben, auseinandergehen und zumindest wieder miteinander reden, ist das sehr erfüllend“, wirbt er für das Ehrenamt. Die Arbeitsbelastung sei nicht allzu hoch, auf fünf bis sechs Fälle pro Jahr kam Baumgart eigenen Angaben zufolge.

Auch seine Stellvertreterin Maria Bauer legt ihr Amt zum 1. März nieder; zu sehr nimmt sie ihre engagierte Arbeit für den Heimatverein in Anspruch. Die drohende Vakanz ist freilich seit längerem bekannt, und die Stadt hat das Amt auch bereits zweimal ausgeschrieben – ohne Erfolg. „Hauptamtliche Stellen sind offenbar leichter zu besetzen“, sagt Gerichtsdirektor Richter, der die Schiedsperson nach der Wahl durch das Stadtparlament letztlich ernennt, mit Blick auf die Bürgermeisterwahl. Das Schiedsamt aber ist ein Ehrenamt, und zwar ein anspruchsvolles. „Nachbarschaftsstreitigkeiten müssen einem liegen. Die Schiedsperson sollte jemand sein, der die Kommune kennt und Dinge einordnen kann, vor allem aber ausgleichend wirkt“, umreißt Richter die Stellenbeschreibung. Und stets müsse er oder sie das Motto „Schlichten statt richten“ vor Augen haben. Denn: „Nicht alles muss vor Gericht“, sagt Richter.

In der Tat: Rund 300 Fälle pro Jahr verhandeln die Schiedsleute im Bezirk des Amtsgerichts Dieburg, im Wesentlichen ist das der Altkreis von Babenhausen über Groß-Umstadt und Dieburg bis nach Fischbachtal und Groß-Bieberau. Es geht um überwachsende Hecken, Beleidigungen, Lärm oder Tiere. Kleinkram für die Gerichte, eine immense Belastung für die Betroffenen. „Vor mir haben schon Menschen gesessen, die wegen einer Hecke geweint und gezittert haben“, sagt Richter. Und so landen denn auch viele Fälle trotz Schlichtungsversuch vor Gericht. Vielleicht auch, weil die Fronten so verhärtet sind, dass der beste Schlichter nichts nutzt. „Es ist ein Ehrenamt für einen Gerechtigkeits-Fan“, sagt Bürgermeister Thomas, der den Schiedsmann gerne auch als „Friedensrichter“ bezeichnet. Der hat im Wilden Westen Paare getraut, hier und heute führt er zerstrittene Nachbarn wieder zueinander.

Tierische Gerichtsprozesse des Jahres 2016

Und wenn partout niemand friedensstiftend wirken will? „Dann muss zunächst die amtierende Schiedsperson im Amt bleiben“ erklärt Amtsgerichtsdirektor Richter. Am Ende könnte ein anderer Schiedsmann zwangsverpflichtet werden, sich der Dieburger Fälle anzunehmen. Vielleicht am Ende gar ein Groß-Zimmerner, meint Richter augenzwinkernd mit Verweis auf die Fastnachtszeit. Dort ist Achim Grimm Bürgermeister und Schiedsmann in Personalunion.

Weitere Information über das Schiedsamt.

Rubriklistenbild: © dpa

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