Gut besucht in der Coronakrise

Zufriedenheit auf dem Dieburger Wochenmarkt

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Die Dieburger halten dem etwa ein Dutzend Händlern auch – oder gerade – in Zeiten von Corona die Treue. Statt der Älteren kommen die Kinder und die Enkel.

Dieburg – Verschärfte Ausgangsbeschränkungen, Aufforderungen, doch bitte zu Hause zu bleiben und kühles Regenwetter – das müsste in der Summe einem Wochenmarkt ziemlich zusetzen. Am Samstagmorgen jedoch traten sämtliche Befürchtungen dieser Art in Dieburgs Mitte nicht ein.

Im Gegenteil: „Nahezu alle unsere Stammkunden waren da“, berichtet während des 12-Uhr-Geläuts der Pfarrkirche Obst- und Gemüsehändler Peter Bruck. Die langen Schlangen vor seiner Auslage, die sich fast jedes Wochenende bei ihm bilden, gab es auch am Samstag. Anlass zur Klage bestand auch aus einem anderen Grund nicht: „Die Leute hielten ordentlich Abstand voneinander. Damit niemand im Regen stehen muss, habe ich das noch mit Schirmen unterstützt“, erläutert der Einzelhändler.

Eine Sache fiel ihm besonders ins Auge: die geringe Anzahl älterer Menschen. Dafür seien aber deren Kinder und Enkel gekommen. Sonst besorgen die Älteren für die Jüngeren in der Familie oder der Verwandtschaft etwas mit. Der Mann mit der buntesten Auslage auf dem Markt kommt aus Roßdorf. Nicht jenes bei Darmstadt sondern bei Bruchköbel im Main-Kinzig-Kreis. Damit hat er eine nicht unerhebliche Anreisestrecke. Die Frage, ob es sich unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen überhaupt lohne, nach Dieburg zu kommen, hat sich Bruck nicht gestellt: „Das Kommerzielle ist bei mir alles andere als vorrangig. Ich wäre auch gekommen, wenn vorher schon festgestanden hätte, dass heute deutlich weniger los ist.“ Er sieht es als wichtiger an, die gewohnte Versorgung aufrechtzuerhalten – erst recht für die lieb gewonnene Kundschaft. So bezeichnet sich der Einzelhändler am Samstag als glücklich, eine solche Treue zu erfahren. Auch die Fürsorge der Jüngeren und das disziplinierte Abstandhalten hätten dazu beigetragen.

Die anderen Beschicker rückten ebenfalls fast vollzählig an. Von den rund ein Dutzend Ständen fehlten nur zwei oder drei, darunter eine Blumenfrau. Eine Verkäuferin, die etwas später kam, konnte aufgrund einer Warteschlange, die quer über den Marktplatz reichte, erst mal nicht in ihr gewohntes Eck. Sie improvisierte und stellte sich an eine andere Stelle.

Christiane Bonifer, die Gemüse, Wurst, Käse und Brötchen holte, ist Stammkundin des Marktes und will auch weiterhin hier am Wochenende einen Großteil des Benötigten einkaufen. Denn Internet-Handel mit Lebensmitteln und Hamsterkäufe kommen für sie nicht in Frage. „Die Stände versorgen uns auch in der Krise. Deshalb unterstütze ich sie an einem solchen Tag wie gewohnt“, sagt die 47-Jährige.

Ute Zeidan von Eier-Menges hatte am Wochenende nur geringe Einbußen. Sie hofft wie die rund ein Dutzend Kollegen an den anderen Ständen, dass der Markt weiter stattfindet und keine Ausgangssperre kommt.

„Heute morgen war schon was los. Trotzdem ist der Umsatz bei mir etwa ein Viertel weniger als sonst“, erzählt Eierverkäuferin Ute Zeidan. Die Gesamtbilanz bei Eier-Menges fällt unter dem Strich trotzdem positiv aus. Auch Zeidan bestätigt das vorbildliche Verhalten der Kunden was den Abstand untereinander angeht. Sie hofft, dass der Wochenmarkt weiter bestehen bleibt. Schließlich weiß sie von Märkten in Deutschland, die wegen Corona schon abgesagt oder dichtgemacht wurden. Alternative Absatzmöglichkeiten bieten sich in ihrem Fall noch auf dem Hof, wo die Eltern Verkaufsdienste übernehmen. Im Zuge der Ausweitung der Pandemie stellt der Hofverkauf für sie aber mittlerweile keine Option mehr dar. Schließlich gehören Vater und Mutter zur Risikogruppe. So hofft sie, dass der Dieburger Wochenmarkt und der bekannt gute Zuspruch weiterhin bestehen bleiben.

„Für uns ist es natürlich schon eine seltsame Situation, wenn wir als Verkäufer hier stehen und unweit der Lautsprecher des Feuerwehrautos erklingt, dass die Leute zu Hause bleiben sollen“, meint Ulrike Dietz. Aus dem Vogelsberg kommend, hat sie mit ihren Backwaren die weiteste Anfahrt aller Beschicker. Den Kuchen fertigt sie selbst, das Brot erhält sie von Bäckern und verkauft es weiter. Die Nacht auf Samstag fällt stets kurz aus: Bereits um kurz nach 2 Uhr fährt sie los und baut ab 4 Uhr auf. Um 6.30 Uhr kommen die ersten Kunden. Das geht schon 35 Jahre so. Der Aufwand lohnt sich: Die Geschäfte könnten kaum besser laufen, speziell in den vergangenen Wochen zog der Umsatz noch mal an. Daran haben auch am Samstag der Regen und die Pandemie nichts geändert. „Bei mir bildet sich dennoch nur selten eine größere Schlange. Das liegt vor allem daran, dass ich keine Scheiben schneiden muss wie beim Wurstverkauf nebenan“, sagt die Marktfrau lachend. Ihr gutes Geschäft verdeutlicht sie daran, dass sie die letzten 14 Tage um 10 Uhr kein Brot mehr hatte. Heute habe sie mehr mitgebracht, was dann um 10.30 Uhr ebenfalls weg war. Die Bilanz ist eindeutig: „Wegen Corona ist nichts weniger geworden“, sagt sie. Eher sei sogar noch ein Anstieg zu verzeichnen, da zur Vorratshaltung auch Brot eingefroren werde. Nun müsse man sehen ob es so weitergeht. Wichtig wäre für Dietz, dass keine Ausgangssperre kommt. Mit den gegenwärtigen Auflagen kämen die Beschicker des Marktes und die Kunden noch sehr gut klar.

VON MICHAEL JUST

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