Zukunftsvisionen vorm „Greenscreen“

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Feinjustierung: Kurz vorm Dreh wird über die Kameraeinstellung diskutiert. Die Szene steht: Der Neo-Native streicht dem toten Wolf übers Fell. Eigentlich hätte er ihn mit dem Speer töten wollen, um als Mann in die Sippe aufgenommen zu werden.

Wie sieht die Welt im Jahre 2352 aus? Das stellen sich Dieburger Media-Studenten in ihrem Masterprojekt filmisch vor: Ein „postapokalyptischer Western“ entsteht. Von Fabian Sell

Dieburg - Kriege haben die Welt unbewohnbar gemacht. Die letzten Menschen leben in der Antarktis. Es gibt keinen Strom, keine Heizung, keinen Luxus - nur eiserne Kälte. So lautet zumindest das Zukunftsszenario der 4-teiligen Webserie „MEM“, die die drei Dieburger Studenten Thomas Meudt, Stephan Zimmermann und Christian Stadach als Masterprojekt drehen. Mit ihrem Genre des „postapokalyptischen Western, der in der Antarktis spielt“ wollen sie dabei Neuland betreten.

Zehn Tage haben sich die drei „Media Direction“-Studenten Zeit genommen, um den Film hauptsächlich in einer Darmstädter Lagerhalle zu drehen. Die Zielsetzung ist klar: Am Ende soll er nicht wie ein typischer Studentenfilm aussehen.

„Der große Anspruch ist die Glaubwürdigkeit“, sagt Stephan Zimmermann eine Woche vor Drehbeginn. Denn der Großteil der Szenen werde vorm „Greenscreen“ (Grüne Leinwand) aufgenommen. Viele Hintergründe werden erst später eingefügt. Außerdem: „Der Sound fängt bei Null an. Den werden wir komplett künstlich erschaffen“, ergänzt sein Kollege Thomas Meudt. Mithin ist das Filmprojekt für die beiden Sounddesigner vor allem eines: eine kreative Herausforderung.

Menschliche Extremsituationen

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen indes menschliche Extremsituationen in einer unbarmherzigen Zukunft. In dieser eisig kalten Welt leben zwei Gruppierungen: Neo-Natives und Siedler – eine Konstellation, die an das Western-Genre erinnert: So sind die Neo-Natives schon vor langer Zeit in die Antarktis gezogen und versuchen im Einklang mit der Natur zu leben. Die Siedler hingegen sind gerade angekommen, als das Leben anderswo unmöglich wurde – unter ihnen gilt das Recht des Stärkeren.

„Es gibt die klassischen Westernelemente“, sagt Zimmermann, und nennt den Stand-off oder den Salon samt Alkohol als Beispiel. Ein „Gut und Böse“-Schema soll es aber nicht geben. „Ein Charakter kann in einer Szene ein super Typ sein und in einer anderen kaltblütig. Wir überlassen es dem Zuschauer, das zu beurteilen.“

Eine Woche später ist der Dreh in vollem Gange. Wer die Lagerhalle betritt, wird von kühler Luft begrüßt. Haarspraydosen, Nägel und Felle liegen auf zwei hölzernen Tischen. Wasserflaschen und Bierkisten türmen sich dahinter auf. Vorne wird geprobt. Die beiden Schauspieler Micky Jukovic und Christoph Stein stehen sich gegenüber. Stein trägt Leder – er spielt einen Siedler. Jukovic hingegen ist in dickes Fell gekleidet – er spielt einen Neo-Native.

Siedler versteht Sprache des Neo-Natives nicht

„Kia? Kia?“, ruft der Neo-Native. Vor ihm liegt eine Attrappe eines toten Wolfes. Er ist wütend, denn der Siedler hat den Wolf erschossen. Dieser aber versteht die Sprache des Neo-Natives nicht. Er hört nur den bedrohlichen Ton in der Stimme. Die Pistole erhoben erwidert er: „Zwing mich nicht, dich umzubringen!“ Aber die Beiden verstehen sich nicht – und so drückt er ab. Der Neo-Native ist tot. „Scheiße, scheiße“, murmelt der Siedler verzweifelt vor sich hin und zieht den Wolf beiseite. „Danke“, ertönt die Stimme von Regisseurs Christian Stadach aus dem Hintergrund. Damit ist die Szene zu Ende.

Doch wie kam es zu dieser Dilemma? „Der Neo-Native“, erklärt Regisseur Christian Stadach, „steht gerade vor seinem Mannwerdungsritual.“ Seine Aufgabe bestand darin, mit dem Speer einen Wolf zu töten. Doch als er diesen in die Enge getrieben hat, tauchen zwei weitere Wölfe auf. In dem Glauben, den Neo-Nativen damit zu retten, erschießt der Siedler das Tier. Doch der Neo-Native reagiert wütend, denn er Siedler hat ihm seinen Initiationsritus vermasselt. Dieser Hintergrund bleibt dem Siedler wegen der Verständigungsprobleme aber verborgen.

Diese Szene, erläutert Stadach, spiele auf das filmische Grundthema der „Mensch-Natur-Bedrohung“ an. Die Hauptaussage der Szene sei jedoch: Die größte Bedrohung gehe von den Menschen untereinander aus.

Ursprünglich sollte „MEM“ Spielfilmlänge haben

Stadach ist mit den Szenen eng vertraut, ist doch das Drehbuch von „MEM“ eine Abwandlung des ersten Drehbuchs, das er zusammen mit dem Art Director Mike Noll verfasst hatte. Ursprünglich sollte „MEM“ Spielfilmlänge haben. Doch schnell stellte sich heraus: Für ein Masterprojekt ist das zu umfangreich. So entschieden sich die drei Filmemacher dafür, ein neues Drehbuch zu verfassen – diesmal für vier Episoden mit einer Länge von jeweils fünf bis sieben Minuten.

Um diese Episoden in die Tat umzusetzen, sind nun täglich etwa 15 bis 25 Personen am Set. Insgesamt spielen etwa 20 Schauspieler und Komparsen mit. Auch einige Bachelor-Studenten des Mediencampus Dieburg helfen bei den Dreharbeiten. Und obgleich viele der Schauspieler umsonst oder für eine geringe Aufwandsentschädigung spielen: Die Kosten des Drehs sind zu hoch für die drei Filmemacher. Bereits im Vorfeld haben sie sich deshalb einen Ausweg überlegt: Spenden sammeln – via Crowdfunding im Internet. Auf einem entsprechendem Portal haben sie ein Video hochgeladen, in dem sie ihr Projekt vorstellen. 5000 Euro möchten sie so sammeln, um damit zumindest einen Teil der Kosten zu decken. Bisher sind die Einnahmen noch gering. „Wir möchten nun mehr Einblicke vom Set geben, um mehr Spenden zu bekommen“, sagt Christian Stadach.

Arbeit wird sich noch lange hinziehen

Die Arbeit an ihrem Masterprojekt jedenfalls wird sich wohl noch lange hinziehen - denn nach dem zehntätigen Dreh folgt die Postproduktion. Dann gilt es, zu schneiden, Farben zu korrigieren, 3D-Hintergründe zu gestalten und das Sounddesign zu erstellen. „Für jede Episode planen wir einen Monat ein“, sagt Stadach. Und sein Kollege Stephan Zimmermann hofft, dass die Webserie vielleicht die Möglichkeit eröffnet, Geldgeber zu finden – am besten für „MEM“ in Spielfilmlänge.

‹ Weitere Informationen zu der Webserie „MEM“ gibt es auf der Crowdfunding-Website http://www.startnext.de/mem-die-serie oder über die Facebook-Seite https://www.facebook.com/MEM.Serie. Die erste Episode wird voraussichtlich im Juli erscheinen.

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