Digitale Rückblende auf den Spuren des Bösen

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Verzweiflung und Angst im Blick: das Bild, das gleichzeitig, die DVD-Hülle schmückt, zeigt Florian Pahler als er fünf Jahre alt war.

Dieburg ‐ Florian Pahlers Abschlussarbeit, ein animierter Kurzfilm, ist für den mit 7 500 Euro dotierten Hessischen Hochschulfilmpreis nominiert worden. Ein Film über eine Familientragödie. Es ist ein intimer Einblick in Pahlers persönliche Vergangenheit als Kind. Von Dirk Beutel

Florian Pahler sitzt entspannt auf dem hölzernen Barhocker in einer kleinen Studentenbar auf dem Campus. Er lacht und nippt an seinem Milchkaffee. Heute morgen ist noch wenig los in der Studentenbar Zeitraum auf dem Campus. Vor kurzem hat er seinen Bachelor in Medienproduktion gemacht. Also hat er auch allen Grund gelöst zu sein. Mittlerweile kann der 33-jährige Pahler locker mit diesem dunklen Kapitel seiner Familiengeschichte umgehen, dass er in seinem Film thematisiert. Doch bis dahin war es ein schwieriger Weg.

Angefangen hat die Aufarbeitung mehr oder weniger unfreiwillig mit einem kurzen Aufsatz zu dem Thema „Wann hattest du das letzte Mal Angst?“ bei einem Drehbuchkurs an der Hochschule. Ein Wendepunkt in Florian Pahlers Leben. Sein Beitrag füllte genau eine Seite. Ein überschaubarer Text - quantitativ. Inhaltlich die schonungslose Offenlegung dunkler Erinnerungen aus Kindertagen. Das war vor zwei Jahren.

Ab diesem Zeitpunkt ließ den Studenten seine Geschichte, die er sonst gut zu verdrängen wusste, nicht mehr los. Bis der Gedanke weiter reifte, diese Seite Papier nicht in einer Schublade verschwinden zu lassen, sondern mehr aus ihr heraus zu holen. „Das Thema als Geschichte für einen Film zu verwenden, hat sich geradezu angeboten“, erinnert sich Pahler. Da kam ihm die nahende Abschlussarbeit für seinen Bachelor in Mediaproduction an der Fachhochschule Dieburg gerade Recht.

Düster, trostlos, unheimlich und bedrohend

Das gleiche Augenpaar am Grafiktablett: Florian Pahler bei der digitalen Nachbearbeitung des Bildes.

Aus dem kleinen Essay wurde ein Drehbuch, für das nötige Storyboard und natürlich um seine Erinnerungen zu ergänzen oder etwaige Lücken zu schließen, nutzte Pahler alte Familienfotos als wichtigstes Recherchemittel. Mehr noch: Die Motive der alten Bilder dienten Pahler als grafische Vorlage für seinen Animationsfilm. „Oftmals habe ich die Bilder auf einem Grafiktablett digital nachgezeichnet und aufgehübscht. Später wurden aus Fotos bewegte Bilder.“ Bewegte Bilder in schwarz-weiß, musikalisch flankiert von schwer anmutenden Klavierklängen, die seine Kommilitonin Silvia Hundegger eigens für diesen Film komponiert hat. Alles um einen Leinwandeffekt zu erzeugen, der so nah wie möglich an die Atmosphäre von damals herankommt: düster, trostlos, unheimlich und bedrohend. Diese Stimmungen greift auch der Titel des Films auf: „ Krieg im Kopf “.

Ein doppeldeutiger Titel, absichtlich gewählt: „Mein Großvater hat unsere gesamte Familie psychisch und physisch tyrannisiert. Sein Sohn, also mein Vater, leidet noch heute unter Depressionen“, sagt Pahler nüchtern. Doch auch ihm selbst graut es manchmal noch, wenn er an damals denkt.

Waren Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg schuld?

Als ehemaliger Kriegsgefangener in Russland kehrte Pahlers Großvater nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in seine Heimat nach Riedstadt zurück. Danach war nichts mehr wie es früher war. Pahlers Großmutter erklärte sich die ungebremsten Wutausbrüche ihres Mannes mit seinem Leid, das er in der Gefangenschaft erdulden musste. Im Film heißt es dazu: „Er ist im Krieg verrückt geworden.“

Florian Pahlers Vater hat schwer unter den Attacken des Familienältesten gelitten. So sehr, dass auch die eigene Ehe auseinander brach, und Florian, damals fünf Jahre, mit seinem jüngeren Bruder zurück in das Haus der Großeltern ziehen mussten. Warum? Das ist für Pahler bis heute ein Rätsel geblieben.

Für den kleinen Florian avancierte der eigene Großvater zu etwas bösem. Vielleicht war er sogar das Böse selbst. Die Angst eines kleinen Jungen, die hinter dieser Vorstellung steckt, wird im Film in eine simple Frage verpackt: „Warum war mein Großvater nur so böse? Ist man böse von Geburt an oder wird man erst durch schlimme Erlebnisse böse?“, so die Stimme aus dem Off. Eine gute Frage, und eine, die sich Pahler nun selbst beantworten kann. Zumindest was seinen Fall anbelangt. Warum der eigene Großvater soviel Wut und Hass in die Familie brachte, erfährt jeder, der den Film bis zu Ende ansieht. Jedoch sollte ausgerechnet Pahlers Großmutter, die jahrelang den Tyrannen ertragen musste, das Geheimnis, das der alte Mann in sich trug, tragischerweise nicht mehr erleben. Auch die Nachfahren haben vereinzelt noch heute mit den Auswirkungen aus dieser Zeit zu kämpfen. So wie noch vor kurzem Florian Pahler.

„Es soll nicht umsonst gewesen sein“

Die stetige Auseinandersetzung mit dieser belastenden Geschichte, die ganze Familiengenerationen beeinflusste, hat Florian Pahler effektiv dabei geholfen, auf seine eigene Art damit umzugehen und mit der Angelegenheit abzuschließen. „Ich bin sogar soweit, dass ich meinem Großvater verziehen habe.“

Mit der Nominierung zum Hessischen Hochschulfilmpreis könnte sich für Pahler, seinen Film und seine persönliche Familiengeschichte ein größeres Publikum auftun. Und genau das möchte der 33-Jährige auch: „Dass so viele Leute wie möglich meinen Film sehen.“ Doch für Pahler ist es irrelevant, wie sein Animationsfilm bei der Preisverleihung am 8. Oktober in der Frankfurter Alten Oper abschneidet. Er will seinen Film an alle möglichen Filmfestivals versenden - national und international - so oder so. Denn Festivals sind für Filmemacher der wichtigste Markt: sehen und gesehen werden. Das weiß auch der Bachelor-Student, der noch einen Master of Direction dranhängen und später seine eigene Produktionsfirma gründen möchte. Pahler enthusiastisch: „Die Produktion hat mich soviel Kraft und Herzblut gekostet, jetzt soll jeder daran teilhaben können. Es soll nicht umsonst gewesen sein.“

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