Vom Drahtseilakt des Künstleralltags

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Der Meister konzentriert am Werk: Martin Konietschke bei der Bearbeitung seiner Weihnachtsradierung 2009.

Dieburg ‐ Draußen zeigt der Herbst sein unschönes Gesicht. Wolkenverhangen regnet und stürmt es. Derweil läuft in Martin Konietschkes neuem Winteratelier im Steinweg 44, das er Anfang des Jahres bezogen hat, eine CD des Hörbuchs „Der Untergang – Hitler und der Untergang des Dritten Reichs“. Dabei widmet er sich seiner Weihnachtsradierung und nippt hin und wieder an seiner Tasse Milchkaffee. Von Dirk Beutel

Schon seit seiner Jugend interessiert sich der 1961 in Eppertshausen geborene und in Dieburg lebende Künstler für das dunkelste aller Kapitel deutscher Geschichte. Daher stieß die Anfrage einer kleinen Gruppe, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf das jüdische Leben in Dieburg mit einem „Gedankenstein“ aufmerksam zu machen, offene Türen ein. „Mir war schlagartig klar, wie ich dieses Thema künstlerisch umzusetzen hatte“, erinnert sich Konietschke, umgeben von Pinseln, einigen Töpfchen Tusche und diversen Feinwerkzeugen. Aus der Idee ist ein Relief entstanden, das eine vierköpfige jüdische Familie mit Gepäck zeigt, die Abschied nimmt. Das Modell ist im Museum Schloss Fechenbach ausgestellt.

Der Poesie täglich Aufmerksamkeit schenken

Radierung zur Weihnacht

Die Vorstellung von Martin Konietschkes vierter Dieburger Weihnachtsradierung findet am heutigen Samstag, 28. November, ab 18 Uhr in der Bildhauerscheune im Steinweg 43 statt. Gegen Kälte wird mit Feuer und heißen Getränken „eingeheizt“. Die Radierung ist bis Weihnachten zum halben Preis von 80 Euro erhältlich.

Auf der Rückseite befinden sich Auszüge aus Paul Celans „Todesfuge“. Jedoch scheint dieses Gedicht nicht mehr allzu vielen Menschen bekannt zu sein. Konietschke wurde schon von einigen auf das wahrscheinlich wichtigste Gedicht deutscher Nachkriegsgeschichte fragend angesprochen. Lyrik spiele eben im Alltag der meisten Menschen keine Rolle, ist sich Knietschke bewusst. Der Allroundkünstler ist im Gegensatz dazu bemüht, der Poesie täglich ein bestimmtes Maß an Aufmerksamkeit zu schenken. Neben der Bewunderung formvollender Texte von Erich Kästner, Heinrich Heine - und vor allem - Gottfried Benn dient das Lesen auch einem eigennützigem Zweck: Die Lyrik hilft Konietschke abzutauchen und den Rhythmus zu finden, den, wie er bildhaft erzählt, „jeder Mensch durch den Herzschlag der Mutter mitbekommen hat“ und der sich in allen künstlerischen Ausdrucksformen wiederfinde. „Für mich besteht die wichtigste Aufgabe darin, die Poesie wach zu halten und zu hüten, wie ein kleines Pflänzchen, was aber nicht immer einfach ist“, sagt er.

Gemeint ist der alltägliche Drahtseilakt im Leben eines Vollblutkünstlers, der einerseits seiner kreativen Schaffenskraft Ausdruck verleihen möchte, aber andererseits seine Arbeit wie ein Geschäftsmann verkaufen und Rechnungen schreiben muss, um davon leben und weiterarbeiten zu können.

Auch Tiefschläge gehören zu seiner Karriere

Völlig abstrus erscheinen ihm die Unsummen, die Kunstinteressierte an der „Börse“ ausgeben, wie die 43 Millionen Dollar, die jüngst für einen Siebdruck von Andy Warhols bei einer Auktion bezahlt wurden. „Ein Preis, der durch nichts zu rechtfertigen ist“, kritisiert Konietschke. Er selbst zählt sich zum Flügel bodenständiger Künstler, die auch unter der Wirtschaftskrise zu leiden hatten, als Sponsoren lukrative Aufträge platzen ließen.

Solche Tiefschläge gehören zu seiner Karriere, die vor gut 30 Jahren begann, ebenso, wie das immer gegenwärtige Risiko, Entwürfe für einen Auftrag oder eine Projektbewerbung umsonst gemacht zu haben. Material- und Arbeitskosten werden stets in Vorkasse geleistet, ohne die Sicherheit, dass eine Arbeit tatsächlich akzeptiert und entlohnt wird.

Ich kann jedem nur abraten, professioneller Künstler zu werden, wenn man nicht den nötigen Dickschädel hat und trotz allem weitermacht“, sagt Konietschke. Er selbst hat sich ohne Abitur in der Tasche und gegen den Willen der Eltern unter rund 2000 Mitbewerber am Lehrstuhl für plastisches Gestalten an der Technischen Universität Darmstadt durchgesetzt. Das war der Startschuss. Nur durch Fleiß und die Bereitschaft, viel an sich und seinem Stil zu arbeiten, könne man es als Nachwuchskünstler zu etwas bringen, ist er fest überzeugt. Darüber hinaus müsse - neben einer gesunden Prise Wahnsinn - der Anspruch an die eigene Arbeit so hoch angesiedelt sein, dass man ihn nie erreichen könne. Dies leiste zwar Selbstkritik und Zweifeln Vorschub, sei jedoch der unverzichtbare Nährboden, auf dem das künstlerische Selbstvertrauen wachse.

Qualität und Quantität zählen

Neben der Qualität sei auch die Quantität entscheidend, um Aufträge zu ergattern, ist Konietschke überzeugt. Und so haben sich im Laufe der Jahre mehrere 100 Plastiken in den Lagerstätten des Malers und Bildhauers angesammelt. Nur mit einer großen Palette an Werken könne man das Publikum und potenzielle Kunden von der eigenen künstlerischen Bandbreite überzeugen. „Die Leute haben immer noch die romantische Vorstellung, dass ein Künstler in einem Café sitzt und wartet, dass ihn die Muse küsst. Das ist weder professionell, noch ergiebig“, sagt er. Längst hat sich Konietschke als Maler, Bildhauer und Zeichner etabliert und besitzt das für Künstler enorm wichtige Selbstvertrauen, auch in schweren Zeiten durch den Nebel geradeaus laufen zu können.

Unerwarteten Zusatzauftrieb erfuhr der passionierte Gitarrenspieler durch den Georg-Cristoph-Lichtenberg-Preis 2009, der ihm für die Originalität seiner Arbeit verliehen wurde. Und darin besteht wohl auch Konietschkes größter Vorteil: in seiner Flexibilität, seinem künstlerischem Tatendrang auf mehreren Ebenen Ausdruck verleihen zu können. Ein Beispiel: Vor kurzem erst hat Konietschke in selbst gewählter Isolation auf der Nordseeinsel Föhr den Text für ein Opernlibretto unter dem Arbeitstitel „Die verkaufte Leinwand“ in nur zehn Tagen fertiggestellt. In Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Peter von Wienhardt soll das Stück im nächsten Jahr aufgeführt werden.

Dazu gesellt sich sein erstes Theaterstück mit dem Titel „Kiosk“, das er auf Anfrage für die Schauspielerin und Sängerin April Hailer erarbeitet hat. Es soll auch im kommenden Jahr Premiere feiern.

Doch bis dahin steht noch einiges an: Am heutigen Samstag beispielsweise die Vorstellung seiner vierten Weihnachtsradierung, die in einer Auflage von 70 Exemplaren gedruckt wurde. Das Weihnachtsfest selbst wird Konietschke traditionell mit der ganzen Familie verbringen. Dem Jahreswechsel sieht er entspannt entgegen. Seinen persönlichen Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate will er erst im Frühjahr halten. Dann zieht er wieder in sein altes „Sommeratelier“ um und stürzt sich - wie üblich ohne Netz und doppelten Boden - in neue Projekte.

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