Dreiecksrenn-Fieber grassiert in der Stadt

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Mit diesen Thermometern lässt sich das Dreiecksrenn-Fieber am besten messen.

Dieburg - „Hast du diese Maschine gesehen? Das ist eine echte Rarität!“ „Schau doch mal da drüben, das müssen wir uns unbedingt ansehen.“ Lautes Stimmengewirr schwirrt durch die Luft. Von Lisa Hager

Im Hintergrund tönen Erklärungen durch den Lautsprecher, die der Motorradexperte bei der Fahrzeugabnahme dem Publikum mitteilt. Überall fachsimpeln Besitzer und Besucher, während sich die Fahrer und Teams wie alte Bekannte begrüßen. „Wir sind hier alle wie eine große Familie“, erklärt Hans-Jürgen Vollmeier, der heute als Beifahrer agiert. „Das ist das Schöne an diesem Treffen, man kennt sich seit Jahren.“

Rund 100 Teilnehmer mit ihren historischen Renngespannen hatten sich bereits am Freitagabend versammelt, um am legendären Dieburger Dreiecksrennen teilzunehmen. „Wir hörten von der tollen Atmosphäre, die bereits beim ersten Revival geherrscht hat“, erzählt Winfried Keller aus Frankfurt, „und so wollten wir uns heute selber davon überzeugen.

Schon am Samstagmorgen kommen die Besucher in Scharen: In der langen Schlange der Fahrzeuge steht Bernd Schmidt mit seinem Renngespann, einer BMW Kneeler 750cm. „Diese Maschine ist ungefähr Baujahr 1970 und ein Eigenbau“, erklärt Schmidt, der Beifahrer des Gespanns. „Ich fahre seit über 30 Jahren Motorrad“, blickt Schmidt zurück. „Als meine Tochter geboren wurde, wollte ich sie gerne mal mitnehmen, aber auf einem normalen Motorrad war mir das zu gefährlich“. Also ließ sich Schmidt von seinem besten Freund und Motorradkollegen Jürgen Wilhelm das Gespannfahren beibringen. „Hieraus entstand die Leidenschaft für Oldtimer und als uns dieses wunderschöne Gefährt angeboten wurde, haben wir zugegriffen“, sagt Wilhelm.

Mit dem LKW von Hamburg nach Shanghai

Dieter Bingel aus Kelkheim im Taunus hat sich mit dem Kauf seines Oldtimers „einen Jugendtraum verwirklicht“, wie er lächelnd berichtet. Er nennt eine Original Norton Manx Baujahr 1961 sein eigen und hegt und pflegt das gute Stück wie seinen Augapfel. „Passend zur Maschine habe ich einen Original Helm aus den 50er Jahren kaufen können“, freut sich Bingel.

Hier treffen sich unterschiedliche Persönlichkeiten, die eins verbindet: die Liebe zum Oldtimer und zum Fahren. So wie Hans-Jürgen Centner aus Langen, der mit 73 Jahren immer noch Gespann fährt. „Ich habe noch einen Lehrauftrag an der Uni Frankfurt“, sagt er, „und erfreue meine Studenten mit Renngeschichten.“

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Einen ausführlichen Bericht vom Dreiecksrennen sowie ein Video finden Sie hier.

Oder Hans-Jürgen Kilb aus Kelkheim, der seinem siebenjährigen Enkel Tom das Quadfahren beibrachte und in Dieburg mit einer Original 125 Honda CB92SS Baujahr 1959 an den Start geht. „Ich bin Besitzer einer Honda-Sammlung, die rund zwölf alte Motorräder umfasst“, sagt der 63-jährige Kilb, und erzählt von seinem Abenteuer vor knapp drei Jahren, als er mit einem 46 Jahre alten LKW von Hamburg nach Shanghai fuhr. Jan und Karla Hausener sind extra aus München angereist, um am legendären Dreiecksrennen teilzunehmen. Mit seiner exotischen Maschine, einer ESO 250 Baujahr 1959, hat er eine Rarität in seinem Besitz. „Ursprünglich war das eine Motocross-Maschine“, so Hausener. „Das ist wie ein Spielzeug für reifere Herren“, sagt seine Frau verständnisvoll. Als Rennamazone ist Heike Meub aus Großostheim im Fahrerlager bekannt. „Bei uns ist Motorradfahren eine reine Familienangelegenheit“, sagt Meub. „Mein Vater war begeisterter Motorradfahrer und ich bin mit dieser Leidenschaft groß geworden.“ Bereits mit sechs Jahren saß sie das erste Mal auf einem Motorrad, Oldtimer-Rennen fährt sie seit 1989. „Es finden rund zehn bis zwölf Rennen im Jahr statt und ich starte nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz oder in Frankreich“, so Meub. „Man kennt sich untereinander, es ist wie eine große Familie.“

Ein besonderer Hingucker sind Martin Alfred Ospald und Gerhard David aus Fulda. Die „süßen, kleinen, dicken NSU-Fahrer“, wie sie sich selbst voller Stolz nennen, nahmen bereits am Revival 2005 teil. Damals mit einer Solomaschine starten die beiden heute jedoch in einem Gespann. „Ich besitze 14 NSU“, erzählt Ospald, „und an dem Gespann haben wir acht Jahre restauriert.“

Das Fahrerlager wirkt wie ein Magnet auf die Besucher: So auch auf die beiden Harley-Fans Norbert Konrad Schanz und Walter Kielmann aus Darmstadt. „Wir bewundern vor allem den Mut der Fahrer“, sagt Kielmann, „denn die Sicherheit und Technik der alten Maschinen ist mit der heutigen nicht zu vergleichen.“ Und beide ziehen ihren imaginären Helm vor Respekt.

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