Echte Teufelskerle

Verlorener Fahrer springt wieder auf

Die Nr. 121 zeigt Hans Baltisberger (1922-1956) auf seiner stromlinienförmigen verkleideten 250er NSU. Mit einer solchen verkleideten Maschine war er auch in Dieburg am Start. Das war damals eine Sensation. Die Aufnahme zeigt ihn im Streckenabschnitt Kettelerstraße. Baltisberger war 1955 Deutscher Meister in der Klasse bis 250 Kubik. Er verunglückte 1956 tödlich in Brünn beim Rennen um den Großen Preis der CSSR.

Dieburg - Helmut Breitwieser hat das Dieburger Dreiecksrennen als Schüler der Marienschule miterlebt. Hier seine privaten Erinnerungen und zwei bislang unveröffentliche Stücke aus seiner Fotosammlung zum Rennen.

Im April 1951 wurde ich in die Marienschule eingeschult, zum damaligen Zeitpunkt war gerade das Rennen Nr. 3 in Vorbereitung. Da ich Erstklässler war, waren natürlich die Eltern sehr besorgt und ich musste damals unverzüglich nach Schulende immer über die Klosterstraße nach Hause gehen, so konnte ich nur wenige Eindrücke sammeln. Ich erhaschte aber mit vorsichtigem Blick, dass beispielsweise das Haus Ecke Kettelerstraße/Altstadt 21 (heute das Gasthaus „Kleine Glocke“) mit Strohballen auf Fassadenhöhe gänzlich umstellt war. Später wurde mir auch klar, warum: Hier war ja eine rechtwinklige Kurve und zur Sicherheit für die zu „schnellen“ Rennfahrer wurden dort die Ballen – wie auch an allen Bäumen der Kettelerstraße – vorsorglich zur Vermeidung von Verletzungen aufgestellt.

Als ich dann in der zweiten, dritten und vierten Klasse war, wurde ich schon etwas forscher und betrachtete mir auch mal nach Schulschluss die Rennen. US-Pioniere hatten extra zur Überquerung der Rennstrecke auf Höhe Gnadenkapelle/Häfnerweg eine Fußgängerbrücke gebaut. Natürlich war es für uns Schüler damals eine „Pflichtübung“, diese Brücke in Augenschein zu nehmen und auch mindestens einmal zu überqueren.

Unterricht ging trotz Lärm weiter

Das am 13. September bevorstehende Dreiecksrennen hat auch die Dieburger Geschäftswelt erfasst: In etlichen Schaufenstern der Innenstadt – wie hier bei Optik Wiese in der Zuckerstraße – ziehen historische Flitzer die Blicke auf sich. - Foto: Hager

So saß ich dann auf der alten Friedhofsmauer der Gnadenkapelle gegenüber dem Gefängnis und beobachtete fasziniert die Rennfahrer mit ihren lauten Maschinen, die wir schon vormittags bei den Trainingsläufen bis in unseren Klassenraum hören konnten. Aufregend war für mich, wenn der Rennpulk mit zehn bis 15 Fahrern mit ihren bunten Helmen und schwarzen Lederanzügen aus Richtung Aschaffenburger Straße/evangelische Kirche kam, am Gefängnis scharf abbremste, um die Kurve Haus Altstadt 21 (heute Gasthaus) zu nehmen und dann wieder mit Vollgas in der Kettelerstraße davon brauste. Ein paar Nachzügler fuhren hinterher, die später teilweise sogar überrundet wurden. Trotz des Höllenlärms und des Spektakels ging der Unterricht in der Marienschule bei unserem Klassenlehrer Hugo W. unvermindert weiter. Wir mussten uns auf den Schulstoff konzentrieren, was für uns Grundschüler ja bei diesen Ablenkungsmöglichkeiten nicht gerade leicht war!

So zählte ich im Stillen vor mich hin, wie lange man für eine Runde brauchte .und sondierte welche Kubikzentimeter-Klasse gerade die Strecke befuhr – denn an den Klängen konnte man mit großer Sicherheit einschätzen, welche Motorradklasse trainierte: Die hellen Töne waren den 125- und 250-Kubikzentimeter-Klassen und die dunklen Töne den 350 und 500-Kubikzentimeter-Klassen zuzuordnen. Besonders die schweren BMW-Maschinen konnte ich gut heraushören. Rennautos starteten in den Fünfziger Jahren nicht mehr. Freitags und samstags starteten die Trainingsläufe und dann am Sonntag die Wertungsläufe, beginnend mit den leichten Klassen.

Straße von Zuschauern gesäumt

Zum Schluss kamen die ganz schweren Beiwagenmaschinen (bis zu 1200 Kubik). Hier waren überwiegend die Beiwägen rechts von der Maschine montiert, es gab aber auch „Außenseiter“, die den Beiwagen links montiert hatten. Die Wertungsläufe betrachtete ich an der B 26 am Abschnitt Tankstelle Kistner und Kettelerstraße. Die Straße war von Zuschauern gesäumt. Als kleiner Schüler musste man da sich schon einen guten Platz mit Blick zur Kurve Kettelerstraße hart erkämpfen.

Die Maschine Nr. 21 zeigt Walter Zeller (1927-1995 ) auf seiner 500er BMW. Er fuhr immer wieder mal im Windschatten des legendären Georg Maier mit der Nr. 1 (auch BMW). Zeller war unter anderem 1949 Vizelweltmeister in seiner Klasse auf BMW.

An Maschinentypen waren im allgemein vertreten: Adler, DKW, Horex, NSU, BMW, Norton, AJS, Matchles, MV-Agusta, Moto-Guzzi und auch Raritäten wie Eigenbaumaschinen. Für mich waren die Rennen der Seitenwagengespanne am aufregendsten. Je nach Montage des Beiwagens mussten sich die Mitfahrer in den Kurven mal über den hinteren Sattelteil oder aus dem Beiwagen legen, wobei sie fast den Asphalt berührten. Einmal erlebte ich sogar, dass der Mitfahrer vom Sattel fiel, sich aber geschickt abrollte, der Maschine nachspurtete, der Fahrer bremste kurz ab, der verlorene „Fahrgast“ sprang mit Schwung in den Beiwagen und schon rasten sie wieder mit donnerndem Motor Richtung Kistner davon.

Nach jedem Wertungslauf fuhr der Sieger, geschmückt mit einem Ehrenkranz und unter dem Jubel der Zuschauer, eine Ehrenrunde. Dieser Bericht hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist aus meiner Erinnerung als damaliger Schüler-Zeitzeuge abgefasst. Wie wir alle wissen, wurden für spätere Rennen keine Genehmigungen mehr erteilt, wobei wohl auch ausschlaggebend war, dass zur damaligen Zeit in Frankreich bei Le Mans ein schwerer Rennunfall mit über 70 Toten passierte.

Dieburger Dreiecksrennen

Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass die Fahrer-Crews recht spartanisch in einem Zeltlager im angrenzenden Wald Richtung Groß-Umstadt – in der Nähe der heuten Polizeistation – untergebracht waren. Hier war auch Start und Ziel mit einer Tribüne fürs Publikum. Berühmtere Rennfahrer hatten aber auch in Dieburg feste Quartiere.

Als Junge fand ich die Rennen einfach toll und empfand das Motorengedonner als liebliche Musik. Heute – fast 65 Jahre später - verabscheue ich Raserei und Lärm von überlauten Maschinen, die ja auch noch in der Neuzeit manchmal in Dieburg zu hören sind.

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