Sauerkraut, Böller und Esskastanien

Wie eine junge Japanerin den Jahreswechsel erlebt  

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Dieburg - Silvester in Dieburg – das spielt sich größtenteils im privaten Rahmen und auf dem Marktplatz ab. Um Mitternacht ist dieser ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt. Von Michael Just 

Mit dabei ist auch Familie Schäfer, die einem ganz besonderen Gast deutsche Neujahrsbräuche näher bringt. Als die Uhr Mitternacht anzeigt, ist auf dem Marktplatz nahezu überall das gleiche Bild zu sehen: Nach kurzem Prosit ist endlich der Moment da, die mitgebrachten Böller zu entzünden und den Nachthimmel bunt zu gestalten. Während sich die verschiedenen Personenkreise weiträumig auf dem großen Platz verteilen, beobachtet neben dem Mini-Café eine Frau sehr interessiert die Szenerie. Bei besonders lauten Kanonenschlägen zuckt sie zusammen, manchmal holt sie ihr Handy aus der Tasche und schießt ein Foto. Es ist Main (29), die aus Japan zu Besuch ist.

„In ihrem Land kennt man die Böllerei an Silvester nicht“, erklärt ihr Lebensgefährte Florian Schäfer. Zum Jahreswechsel geht man dort in den Tempel und nimmt an einer Zeremonie teil. Beim ersten Tempelbesuch des Jahres werde vor allem für Glück und Gesundheit gebetet. „Dabei dürfen dann besonders viele Leute die große Glocke läuten. Das passiert eher zurückhaltend und reserviert“, erklärt der Physiker die religiösen Gepflogenheiten, die aus dem Shintoismus und Buddhismus entspringen.

Komplett fremd sei den Japanern das Feuerwerk aber nicht. Laut Schäfer gibt es große Showvorführungen, die meist im Sommer stattfinden. Dann würden ganze Choreografien abgefackelt. Aus sicherer Entfernung beobachteten die Japaner dann das Spektakel. Vorstellen müsse man sich das wie an einem breiten Fluss: „Auf der einen Seite sitzen die Zuschauer, auf der anderen gehen die Raketen hoch. Seit ein paar Jahren lebt und arbeitet der Physiker in Kyoto. Zum Jahresende ist er nun ein paar Tage auf Heimaturlaub. Am Donnerstag geht es schon wieder zurück, denn er hat dort wesentlich weniger Urlaub als er in Deutschland hätte. „Von ihren rund zehn Tagen nehmen die Japaner selten alle. Ein paar lässt man aus Wertschätzung gegenüber der Firma oder dem Chef meist verfallen“, schmunzelt Schäfer, der auch ein wenig Japanisch spricht. „Die Sprache ist für uns deshalb so komplex, weil ihr eine ganze andere Denkweise zugrunde liegt“, führt er weiter aus. Auf den Dieburger Marktplatz ist das Paar mit Florians Eltern Reinhard und Hannelore gekommen. Beim Anstoßen um Mitternacht teilt sich das Quartett einen Piccolo. Zuhause gibt es dann noch ein Gläschen mehr.

Böller haben die Vier keine im Gepäck. „Beim Feuerwerk waren ich und meine Frau schon immer nur Zuschauer“, sagt Reinhard Schäfer, an den natürlich auch die Frage geht, ob er schon in Japan war. „Bisher haben wir den langen Flug gescheut“, so die Antwort des 77-Jährigen. So freue man sich auf den seltenen Besuch des Sohnes, der einmal im Jahr für ein paar Tage kommt.

Beim Äußern von Neujahrswünschen gibt sich Main, die in Kyoto als Japanisch-Lehrerin für Ausländer arbeitet, bescheiden: Vor allem hofft sie, dass sie Schritt für Schritt ihre berufliche Zukunft weiter aufbauen kann. Bevor es für die Vier auf den Marktplatz ging, kam bei den Schäfers Raclette auf den Tisch. Damit entsprach man einem Wunsch von Main. „Raclette ist in Japan nicht geläufig. Es hat ihr aber geschmeckt“, stellten Reinhard und Hannelore glücklich fest. Die eigentliche Bewährungsprobe stand aber am Neujahrstag an: Dann sollten Sauerkraut und Rippchen in den Magen der 29-jährigen wanderrn.

Florian Schäfer will beim Servieren erklären, dass Sauerkraut nicht nur ein Traditionsessen zu Neujahr darstellt, sondern auch ein wenig Aberglaube dabei ist. Bekanntermaßen soll das Geld dann die kommenden 365 Tage ja nicht ausgehen. Auch wenn dem Gast aus Fernost einiges fremd vorkommen mag, wird der jungen Frau diese Erklärung einleuchten. Denn 9 500 Kilometer östlich von Dieburg ist man nicht weniger abergläubisch. „Auch dort gibt es Lebensmittel, die mit erhofften Entwicklungen im neuen Jahr verbunden sind. Beispielsweise die Esskastanie, deren Glanz an Edelmetall erinnert“, weiß Schäfer. Und da ist die Parallele zum deutschen Sauerkraut: „Was den Geldbeutel angeht, ist dann das neue Jahr gerettet.“

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