Der Dieburger Holger Hinze hat die USA in 62 Etappen mit dem Rad durchquert

„Eisen-Holger“ und das Abenteuer seines Lebens

Geschafft! Holger Hinze in Kalifornien, wo die legendäre „Route 66“ in Santa Monica nahe Los Angeles endet.
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Geschafft! Holger Hinze in Kalifornien, wo die legendäre „Route 66“ in Santa Monica nahe Los Angeles endet.

Dieburg – Die Liebe zum Radfahren ist bei Holger Hinze schon deutlich älter als die Liebe zum Schreiben. „Ich mache Radtouren, seit ich 14, 15 bin – aber in Deutsch hatte ich immer eine Vier“, lacht der 52-Jährige, der aus Münster stammt und in Dieburg wohnt. Insofern hätte er es bei jenem Abenteuer belassen können, das er von Juli bis Oktober 2019 unternahm: mit dem Rad quer durch die USA zu fahren. In etwa so lautet auch der Untertitel von Hinzes Buch „Zwischen Wüste und Eis“: Denn der Ausdauersportler, ob seiner Triathlon-Wettkämpfe von Freunden auch mal „Iron-Holger“ („Eisen-Holger“, in Anspielung auf die „Ironman“-Langdistanz) genannt, hat in die Tastatur gehauen und die verrückteste Reise seines Lebens samt vieler Fotos auf 364 Seiten festgehalten. Nun ist das Buch erschienen. Eigentlich wollte Holger Hinze „nur eine tolle Tour fahren, das Buch war eigentlich nie geplant“. Doch nach der Rückkehr mehrten sich beispielsweise im Musikverein Münster, wo der Dieburger im großen Orchester spielt, Nachfragen, ob er das Erlebte nicht niederschreiben wolle. Hinze überlegte lange, „schließlich habe ich früher Ewigkeiten für ein paar Zeilen gebraucht, und unter meinen Texten in der Schule stand meist: etwas kurz geraten“. Doch die Aussicht, den außergewöhnlichen Trip und nicht zuletzt die schönsten der 10 000 (!) geschossenen Fotos mit anderen zu teilen, gab den Ausschlag.

Und siehe da: Nach und nach flossen die Kapitel aus Hinzes Fingern, darunter viele Anekdoten, stilistisch locker und persönlich formuliert. Nur selten wird’s in „Zwischen Wüste und Eis“ schematisch: etwa auf einer USA-Karte, auf der er seine Route von New York an der Ost- bis San Francisco und schließlich Los Angeles an der Westküste skizziert. Oder auf einer Statistikseite, die die sportiven Eckdaten der gigantischen Radtour auf den Punkt bringt. Beispielsweise die Gesamtstrecke: Insgesamt radelte Hinze, der erstmals in den USA war, von Ost nach West 7 200 Kilometer, aufgeteilt in 62 Etappen, minimal 50 und maximal 198 Tageskilometer lang. Zugleich kamen 45 000 Höhenmeter zusammen. Neben vier Zeitzonen und 14 US-Staaten passierte der Dieburger nahe den Niagara-Fällen auch den Süden Kanadas. Er nächtigte in 68 verschiedenen Unterkünften, campte wild, errichtete sein Zelt auf Campingplätzen oder schlief auch mal im Motel. Sein Cyclocross-Rad mit Rennradreifen und Triathlonaufsatz verzeichnete acht Pannen – sieben Platten und eine gebrochene Gepäckträger-Halterung. Wer Details liebt und selbst schon längere Radtouren geplant hat, wird sich am Ende des Buchs auf zwei Seiten verlieren, auf denen Hinze bis auf die zweite Kilogramm-Nachkommastelle aufgeführt hat, welche Dinge mit welchem Gewicht er mit sich führte und wo er die Dinge verstaute.

In der Summe radelte Holger Hinze mit 14 Kilo Zusatzgewicht – vom Kochtopf mit Garaufsatz über Schlafsack und Zelt bis hin zu den Klamotten. Bei der Wahl der Utensilien habe er vieles richtig gemacht; beim nächsten Mal würde er lediglich einen wärmeren Schlafsack mitnehmen, blickt der Ausdauerathlet zurück – „und einen Pullover!“ Manchmal musste er die Kleidung binnen einer Etappe wechseln: „In der Wüste bin ich morgens um vier losgefahren und habe um zehn Schluss gemacht.“ Überhaupt legte er sich seine Route so, dass sie besondere Stationen beinhaltete und er auch abseits des Sattels Impressionen sammeln konnte. Mehrere Nationalparks zählten zu den Höhepunkten, auch Chicago – und von dort immer weiter auf der legendären „Route 66“ bis Los Angeles. „Auf direktem Weg wären es 6 000 Kilometer gewesen“, rechnet Hinze vor. Die gewollten Schlenker verlängerten die Strecke jedoch. Gerade zu Beginn kam sich der Dieburger in den Staaten recht exotisch vor: „In den ersten vier Wochen habe ich nie einen Radfahrer getroffen.“ Später, an der Westküste, änderte sich das, „da bin ich fünf Tage lang zusammen mit zwei Franzosen gefahren“. Ignoriert wurde der Abenteurer freilich nicht: „Ich habe viel Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft erlebt“, lobt er die US-Amerikaner. Körperlich gesehen sei der Trip für ihn als austrainierten Triathleten, der auch gern wandert und Gleitschirm fliegt, „nicht so schwierig“ gewesen. Mit der Orientierung sei es hingegen nicht immer ganz so leicht gewesen. „Doch wenn ich wieder mal hilflos mit meiner Karte und dem Handy am Straßenrand saß, hat es nie lange gedauert, bis mir jemand helfen wollte.“ Aufgrund der weit überwiegend positiven Eindrücke, die er auch noch in eine zwölftägige Hinfahrt auf einem Containerschiff ab Bremerhaven und einen Abschluss in Las Vegas bettete, will Holger Hinze sein großes Abenteuer nicht missen. Sein Chef – Hinze arbeitet in der IT - hatte 2019 den Weg für die längere Auszeit freigemacht. Schon 2017 hatte ihn ein Fernsehbeitrag über einen Hanauer, der Ähnliches tat, inspiriert. „Das war mein Vorbild“, sagt Holger Hinze. „Und ich bin froh, dass ich dieses Highlight gesetzt habe!“

Weitere Informationen
Das Buch ist erhältlich zum Preis von 24,95 Euro in der Dieburger „Bücherinsel“ oder direkt beim Autor, z  0170 1676274, E-Mail hhinze@ed-die burg.de.

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