Der entspannteste „Stau“ des Jahres

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Wenn am 29. und 30. Juli das „Traffic Jam“ seine Zelte aufschlägt, pilgern wieder tausende Fans der härteren Klänge nach Dieburg – bis zu 6 000 könnten es ob der Headliner „Agnostic Front“ und „Comback Kid“ werden. In jedem Fall erwarten die Veranstalter eine ausgelassene Party. Foto (Archiv): Patrick Liste

Dieburg - Es ist Sonntagmorgen und Paul Ryszewski stapft über den schwammigen Rasen des Festivalgeländes. Zwei Tage zuvor hat ein Wolkenbruch Gelände und Musikfans ordentlich nass gemacht. Die Laune konnte das nicht vermiesen. Nun herrscht Katerstimmung. Von Sebastian Faerber

Auf dem Campinglatz nahe der verwaisten Bühne recken die wenigen verbliebenen Besucher ihre müden Knochen hinter den Zeltwänden. Davor machen sich andere über die letzten Konserven her oder stopfen Säcke mit allerlei Müll voll.

Die Zapfanlagen und Fressstände sind längst von dannen gezogen. Auch die Johanniter haben ihre Zelte zur Abreise verstaut. Doch deren Rückzug ist ins Stocken geraten. Die „Johnnis“, wie Paul sie nennt, haben sich in einer Traube zusammengeschart. „Komm schon, du musst jetzt wirklich gehen“, fordert einer, den Blick nach unten gerichtet. Als Paul sich nähert, entdeckt er einen Musiker der englischen Band „Bleed from Within“. Eingemümmelt schläft er auf der letzten noch stehenden Liege, die silberne Rettungsfolie wie eine Schmusedecke an die Wange geschmiegt. Nicht im Traum denkt er daran, die Fliege zu machen. Keinesfalls die einzige Geschichte, bei der sich Paul und die anderen Traffic Jam-Gründer in 13 Jahren Festivalgeschichte die Augen gerieben haben.

Veranstalter sind ehrenamtlich tätig

Gründer, das sind neben Paul Martin Völker, der das Areal zur Verfügung stellt, aber auch Alexander Schönig, hat die ersten Anekdoten von Anfang an miterlebt. Als Maschinenbaustudent ist er dafür zuständig, etwa die von Wind und Wetter malträtierten Aufbauten zu verarzten. Aber noch über 20 andere sind darunter, auch Neuzugänge, die Jahr für Jahr ehrenamtlich ihr eigenes Open-Air auf die Beine stellen. Und dafür Zeit opfern, über die sich bestimmt auch die eine oder andere Freundin gefreut hätte.

„Beim ersten Konzert waren wir die Headliner“, sagt Paul Ryszewski und lacht über die „dreiste“ Selbstinszenierung. Damals, 1999 war das, kamen 300 Besucher zum Austragungsort, dem Dieburger Verkehrsübungsplatz. Genauer, zu einer Geburtstagsfeier: Die Clique rund um Martin Völker, dessen Familie die gleichnamige Fahrschule betreibt, hatte zur Party geladen. „Unsere Geburtstage liegen alle im Winter und wir wollten mal im Sommer draußen feiern“, erinnert sich Paul.

Aufhören stand nicht zur Debatte

Und das mit selbst gemachter Musik: „Outrage“ nannte sich die Band, in der die Jungs im jugendlichen Alter die Instrumente prügelten und einige kleinere Gigs hatten, etwa im Dieburger Jugendzentrum. Zur Gemeinschaftsfeier krönten sie sich selbst, indem sie nach drei befreundeten Bands als letzte die Bühne bestiegen.

Die Party kam so gut an, dass einfach aufzuhören nicht zur Debatte stand. Und so hatte das Kind bereits ein Jahr später einen Namen, der als Geheimtipp via stille Post zunächst in der Szene des Rhein-Main-Gebiets kursierte. „‘Traffic’ bildet mit ‘Verkehr’ eine Analogie zum Verkehrsübungsplatz, und ‘Jammen’ bedeute soviel wie einfach drauflos spielen“, erklärt Paul. Keine schlechte Wahl, gibt er doch zu, dass die Freunde damals eher ins Blaue starteten. Erfolgreich. Denn mit 1 200 Musikfans hatte sich die Besucherzahl im zweiten Jahr vervierfacht. Obwohl das Internet damals noch keine Massen mobilisieren konnte, machten sich nicht mehr nur hiesige Rock-Fans an diesem einen Sommerwochenende auf nach Dieburg.

Besucher zeigen amüsanten Erfindungsreichtum

Allen war klar, soll das Festival in derart rasantem Tempo weiterwachsen, muss sich einiges ändern. Das Open-Air fortan an zwei Tagen auszurichten war der erste Schritt. Und nötig, um mehr Geld für die Gagen der Bands in die Kasse zu spülen: „Wir dachten uns, an zwei Tagen werden mehr Getränke gekauft als an einem. So einfach.“ Der Durst der Besucher macht einen großen Anteil der Einnahmen aus.

Klar, dass es verboten ist, alkoholische Getränke in großen Mengen mitzubringen – so, wie es bei vielen Festivals üblich ist. Das führt gelegentlich zu Erfindungsreichtum, mit dem sich sonst wohl nur der Zoll konfrontiert sieht. „Wir haben am Eingang mal einen erwischt, der hatte einen Laib Brot sorgfältig ausgehöhlt und darin Flachmänner versteckt“, erinnert sich Alexander Schönig. „Das hatte was vom Schmuggel im Knast.“

Richtige Headliner, wie es die meisten Konzerte halten, gab es bis 2003 nicht. Den Wechsel läutete ein Jahr später die ungarische Combo „Ektomorf“ ein. „Ich glaub‘ keiner von uns hatte damit gerechnet, dass die so eine Wahnsinns-Show bieten werden“, blickt Paul Ryszewski zurück. Damals hätten sich so viel Fans versammelt, gefeiert, „geheadbangd“ und getanzt, dass die gesamte Bühne nach dem Auftritt der Metal-Band gefühlt einen Meter weiter hinten stand.

Gemeinnützigen Verein "Schallkultur" gegründet

Den gemeinnützigen Verein „Schallkultur“ zu gründen, mit Vorstand und allem, was dazu gehört, war 2005 ein weiterer Schritt. Denn obgleich der Erfolg noch in den Sternen stand – den Charme eines „Low-Budget-Festivals“ sollte die Party nicht verlieren. „Für 25 Euro das Wochenende inklusive Zeltplatz? Andere Festivals kosten deutlich mehr!“, weiß Paul. Weil der Verein mit dem Musikevent kein Geld verdienen will beziehungsweise Gewinne etwa der Dieburger Tafel spendet, können sie die Tickets so günstig anbieten.

Welche Bands überhaupt auf dem „Traffic Jam“ spielen sollen, machen die Jungs unter sich aus. Da viele unterschiedliche Musikgeschmäcker zusammentreffen, sprang dabei immer ein abwechlungsreiches Line-up heraus. „In den letzten Jahren haben sich bei den Kids aber Metal-Core und verwandte Stile als Favoriten abgesetzt“, weiß Paul Ryszewski, der die Bands in den ersten Jahren gebucht hatte.

Headliner: „Agnostic Front“ und „Comback Kid“

Beim kommenden Spektakel geben sich insgesamt 26 Künstler aus den Genres Hardcore, Metal, Rock, Ska und Punk die Klinke in die Hand (Running Order unter: www.trafficjam.de). Allen voran die Headliner „Agnostic Front“ und „Comback Kid“. Agnostic Front gehört zu den ältesten heute noch aktiven Hardcore-Punk-Bands. Seit den 80er stehen die Amerikaner für harte Klänge und Texte.

Den „New York Hardcore“, der sich als eigener Stil abgesetzt hat, haben die tätowierten Mannen um Frontmann Roger Miret wesentlich geprägt. Also eine echte Größe ihrer Zunft. Beste Voraussetzungen, um an den Besucherrekord von 2006 anzuknüpfen: 6 000 Besucher, teils schräge Typen, kamen und feierten eine Party, die in der Region immer noch ihresgleichen sucht.

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