Erinnerung für Enkelgeneration

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Joseph Coy (vorne) und seine Tochter Cornelia (hinter ihm) freuen sich, die Geschichte Friedrich Johann Coys jetzt auch auf CD zu sehen. Anne Sattig (links) und Astrid Kreuz vom Heimatverein haben das Projekt verwirklicht. Die CDs werden die Lehrer Volker Emich (hinten von links), Karl Rupp und Heiko Schledt im Unterricht verwenden.

Dieburg ‐  „Wenn sie nur endlich mit dem Krieg aufhören würden.“ Diese kurze Bemerkung - geäußert im Kollegenkreis in der Molkerei Höchst - hat Friedrich Johann Coy das Leben gekostet. Von Lisa Hager

Der Familienvater aus Hering starb am 3. Juli 1944 im Zuchthaus Brandenburg/Havel unter dem Fallbeil. Vor dem Volksgerichtshof des Nazi-Unrechtsregimes galt diese Äußerung als Wehrkraftzersetzung. Darauf stand die Todesstrafe. Das Urteil wurde vollstreckt, nachdem ihn seine Frau noch kurz besuchen durfte. Seine beiden Söhne, die beiden älteren Brüder des sechzehnjährigen Joseph - waren zu der Zeit an der Front und kämpften in einem sinnlosen Krieg. Als sich in Hering die Kunde von der Hinrichtung Coys rumsprach, läutete ein Bruder des Ermordeten heimlich das Rosenkranzglöckchen in der Kirche unterhalb der Veste. Die große Kirchenglocke hatte der gläubige Katholik Coy zusammen mit seiner Frau selbst gestiftet: Sie war allerdings in den Kriegsjahren vom Turm geholt und eingeschmolzen worden.

Das Schicksal des gläubigen Katholiken Coy, der als Soldat im Ersten Weltkrieg hoch ausgezeichnet wurde, beschäftigt seine Familie bis heute. Und es hat Eingang gefunden in das Jahrbuch des Heimatvereins (wir berichteten). „Davon müssen vor allem die jungen Leute erfahren“, sagt Vorsitzende Anne Sattig. „Damit so etwas nie wieder geschehen kann.“ So hat sie nach weiteren Möglichkeiten gesucht, vor allem Jugendliche zu erreichen. So kam die Idee auf, die Geschichte Coys, die dessen Sohn Joseph und die Enkelin Cornelia im Jahrbuch schildern, auf moderne Datenträger zu speichern. Astrid Kreuz, die die Jahrbücher des Heimatvereins setzt, hat die Geschichte als PDF-Datei auf CD gebrannt. Sie werden jetzt den Schulen zur Verwendung im Unterricht zur Verfügung gestellt. Bei einem Übergabetermin nahmen die Lehrer Volker Emich (Alfred-Delp-Schule), Karl Rupp (Goetheschule) und Heiko Schledt (Landrat-Gruber-Schule) die CDs entgegen und versprachen, sie in den Geschichtsunterricht einzubauen.

Friedrich Peter und Joseph Coy sammelten Dokumente ihres Vaters

Der lokale Bezug ist für die Schüler ganz wichtig“, weiß Karl Rupp aus seinen Erfahrungen mit dem Thema. Er hat zusammen mit seinen Klassen schon etliche Projekte zur Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit und der Verfolgung jüdischer Mitbürger auf die Beine gestellt. Regelmäßig fährt er mit Schülern auch nach Verdun zu Kriegsgräbern gefallener Dieburger.

Und hier schließt sich der Kreis: „Dort war ich auch im Krieg“, erinnert sich Joseph Coy, der bei der Schilderung der Geschehnisse um den Verrat an seinem Vater immer wieder mit den Tränen kämpft. Gesammelt hatte die Dokumente um den Tod seines Vaters schon sein älterer Bruder Friedrich Peter Coy vor Jahrzehnten. Seit 1988 erinnert ein Gedenkstein auf dem Ehrenfriedhof in Hering an den Ermordeten, der für die Zentrumspartei auch im Gemeindeparlament saß - bis ihn die Nazis dort entfernten.

Coy wurde schon einmal angezeigt

Bereits 1940 hatten ihn Nazi-Mitläufer schon einmal angezeigt, als er Zweifel am Sieg der Deutschen geäußert hatte. Damals war er davon gekommen, beim zweiten Mal kostete ihm das Denunziantentum das Leben. „Sechs Wochen nach seiner Hinrichtung ist Darmstadt in Schutt und Asche gelegt worden“, weiß Joseph Coy.

Aus dem Abschiedsbrief des Vaters geht hervor, dass er gefasst in den Tod ging. „Nach Kriegsende wollte ja niemand von diesen Dingen etwas wissen“, erinnert sich sein Joseph Coy, der in Dieburg 40 Jahre lang ein Steuerberaterbüro betrieb. Richter, Lehrer und Bürgermeister, die in der Naziherrschaft Unrecht taten, waren bald wieder in Amt und Würden.

„Vielleicht bleibt ja doch etwas hängen bei den jungen Leuten“

Die jetzige junge Generation, also die Enkel, gehen ganz anders an die Sache heran, sind neugierig und wollen vieles wissen“, sagt Joseph Coy, der selbst zwei Enkel hat. Und er ist froh, dass er ihnen vom Schicksal ihres Urgroßvaters erzählen kann, einem Schicksal, das symptomatisch für viele andere steht. Schließlich wurden mit Coy am selben Tag noch 14 andere hingerichtet. „Vielleicht bleibt ja doch etwas hängen bei den jungen Leuten - es darf nie wieder Krieg geben“, sagt er erschüttert.

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