Erinnerungen gegen das Vergessen

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Annelies Gaißer.

Dieburg - Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, saß Annelies Gaißer vor dem Fernseher und weinte die selben Tränen wie Millionen andere. Sie sah die selben Bilder - mit einem anderen Blick. Als sie 1957 mit ihrer Mutter aus der DDR floh, gab es noch keine Mauer. Aber ein System, das in seiner unüberwindlichen Härte und Kälte keines Steinwalls mehr bedurft hätte. Von Barbara Hoven

Die Geschichte ihrer Flucht und ihres Neuanfangs bei Tante Gretel in Darmstadt hat die heute 68-jährige leidenschaftliche Verfasserin von Gedichten vielfach aufgeschrieben, ohne zur längst langen Liste von Vermarktern der Vergangenheit gehören zu wollen. Annelies Gaißer kämpft gegen das Vergessen, schreibt für die Nachkommen.

Ihre Erinnerungen sind oft aufwühlende, aber immer unaufgeregt und in sich ruhend erzählte Schlaglichter auf ein Leben, das so gar nichts zu tun hatte mit dem, das sie und ihr Mann Norbert seit 1974 in Dieburg führen. „Jetzt sind wir beide Rentner und dankbar für jeden Tag, den wir gemeinsam verbringen“, sagt Gaißer und lächelt ihr zufriedenes Lächeln, während sie mit Norbert bei einer Tasse Kaffee den Blick aus dem Wintergarten auf das spätsommerliche Blumenmeer im Garten genießt.

Mit 4 aus der Heimat vertrieben, mit 16 Flucht aus der DDR

1941 im Sudetenland - im heutigen Tschechien - geborgen, erlebte Annelies ihre erste Flucht bereits 1945, als sie mit ihrer Familie aus der Heimat vertrieben wurde. Der Vater wurde an der tschechisch-deutschen Grenze von Tschechen festgenommen und in ein Internierungslager gebracht. Er kam nie mehr zurück. Nach vielen Tagen in Not und Elend landete die Familie in Schernberg im Kreis Sondershausen, in der sowjetisch besetzten Zone, der späteren DDR, und fand dort eine neue Heimat.

Doch 1952 wurde ihr Bruder Norbert, damals Student in Jena, von der Stasi seiner Freiheit beraubt. „Das will ja heute keiner mehr wahr haben, aber er wurde einfach weggesperrt, weil er in Opposition zum Staat stand“, erzählt Gaißer. Auch nach seiner Entlassung 1956 war es ihm verboten, das Studium wieder aufzunehmen. Deshalb flüchtete er in die Bundesrepublik. Annelies war 16, als ihre Mutter 1957 den Entschluss fasste, nach zwölf schweren Jahren in der DDR dem Sohn zu folgen. Dass die Flucht ein risikoreiches Unterfangen sein würde, wussten Mutter und Tochter. Bei einer Festnahme drohten langjährige Haftstrafen wegen Republikflucht. Also bereitete die Mutter in dem kleinen thüringischen Dorf, wo jeder jeden kannte, alles gründlich vor. Sprach von einem Umzug nach Mecklenburg. Schickte sogar Alibi-Pakete. Dann endlich kam der lang ersehnte Abreisetag - der Aufbruch in die Freiheit.

Die Grenzsoldaten standen schussbereit am Bahnsteig

Ein Gedicht von Annelies Gaißer:

„Deutschland einig Vaterland“, uns allen ist der Spruch bekannt. „Wir sind das Volk“, so riefen sie. Die Freiheit jetzt oder nie.

DDR wurde sie vierzig Jahre genannt. Im November '89 sind die Menschen weggerannt, über Ungarn, Polen und die Tschechoslowakei, Alte und Junge waren dabei.

Der Staat konnte die Menschen nicht halten, sie wollten ihr Leben selbst gestalten. Viel zu oft hatte man sie belogen, der Westen wurde vorgezogen.

Demonstrationen gab es im ganzen Land, bis man freie Wahlen und Reisefreiheit zugestand. Die friedliche Revolution war gelungen, die Menschen haben getanzt und gesungen.

Am 18.3.90 wählte das Volk mit Verstand, Deutschland ist heute ein vereintes Land. Die Wende brachte nicht allen das erhoffte Glück, Unbelehrbare wünschen sich die DDR zurück.

Mit klopfendem Herzen ging die junge Annelies mit ihrer Mutter früh morgens zum Bahnhof - nicht wissend, ob sie Freunde und Bekannte je wiedersehen würden. „Die Fahrt mit der S-Bahn von Ost- nach Westberlin, die 1957 noch möglich war, werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen“, erinnert sich Gaißer. „Besonders die letzte Station im Ostsektor war aufregend: Auf dem Bahnsteig standen die Grenzsoldaten, mit dem Gewehr über der Schulter und jederzeit schussbereit. Uns stockte der Atem.“ Sie erlebten, wie bei den endlosen Zugkontrollen einige Mitreisende abgeführt wurden. „Als dann der Pfiff zur Abfahrt der Bahn ertönte, war unsere Erleichterung unbeschreiblich. Nun waren wir auf dem Weg in die Freiheit.“ In Westberlin angekommen, mussten die beiden Frauen mit zwei schweren Koffern eine endlos erscheinende Straße bergauf zum Flüchtlingslager gehen und dabei einen Fluss überqueren. „Meine herzkranke Mutter war sehr erschöpft und mit den Nerven am Ende“, erinnert sich Gaißer. Am Fluss habe sie zu weinen begonnen und gesagt: „Ich kann nicht weiter, am besten ist es, wenn wir hier ins Wasser gehen.“ Das konnte ihr die Tochter nur mit größter Mühe ausreden, und mit letzter Kraft erreichten sie das Lager. Von dort wurden sie - nach abermals aufregenden Wochen und unzähligen Verhören von amerikanischen und deutschen Behörden - am 2. November endlich nach Frankfurt ausgeflogen.

„Wir haben vor Glück geweint“

Arm und überglücklich landeten wir in unserer neuen Heimat Hessen und kamen zunächst bei Tante Gretel in Darmstadt unter“, erzählt Gaißer. Danach lebten sie im Darmstädter Flüchtlingslager, später sogar in einer eigenen kleinen Wohnung. „Als meine Mutter nach vielen Monaten einen neuen Kleiderschrank in Arheilgen kaufen konnte, weinten wir vor Freude und Glück“, sagt Gaißer.

1974 heiratete sie den gebürtigen Dieburger Norbert Gaißer und will seither aus dem „idyllischen Städtchen“ nicht mehr weg. Und es ist ihr wichtig, der Pressefrau am Ende noch in den Block zu diktieren: „Bitte schreiben Sie, dass ich mich in Dieburg sehr wohl fühle, dass das Verhältnis zur Nachbarschaft in der Römerstraße toll ist und wie gerne ich seit über 25 Jahren bei der Freien Sängervereinigung mitsinge.“

Sie ist wohl wirklich angekommen.

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