Ausklang mit der „Lutherin“

Erlebnis-Rundgang von Heimatverein, Odenwaldklub und Dieburger Anzeiger

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Der jüdische Gedankenstein vor dem Landratsamt war eine der Stationen, die die Wanderer ansteuerten.

Dieburg - 50 Männer und Frauen haben sich am Samstagvormittag mit dem Heimatverein, dem Odenwaldklub und dem Dieburger Anzeiger auf einen Erlebnis-Rundgang begeben. Von Jens Dörr 

Vom Gedenkstein bis zur evangelischen Kirche: Vier Orte mit religiösem Bezug waren es, die binnen zwei Stunden von einem interessierten Tross angesteuert wurden; insbesondere Maria Bauer (Heimatverein) und Klaus-Jürgen Scholz (Odenwaldklub) führten die Gruppe an. Vier Referenten und eine Schauspielerin veranschaulichten dort geschichtliches wie aktuelles Wissen rund um den katholischen und evangelischen Glauben in der Gersprenzstadt sowie das einst ebenfalls zu Dieburg gehörende Judentum.

Blick in die Wendelinus-Kapelle – inklusive einer Skulptur, die den Volksheiligen aus dem 6. Jahrhundert zeigt.

Dass die Juden in der Stadt früher durchaus vertreten gewesen waren, erläuterte nach der Begrüßung vor dem Rathaus, wo auch Bürgermeister Dr. Werner Thomas eine Stippvisite machte, wenige Meter weiter im Fechenbach-Park Lothar Lammer. Der Mitarbeiter des Museums Schloss Fechenbach wartete am Gedenkstein nahe des Eingangs am Marktplatz auf die interessierten Teilnehmer. Der Stein erinnere an die Anfangs- und Endpunkte des jüdischen Lebens in Dieburg, erläuterte Lammer. Erstmalig dokumentiert wurden mehrere jüdische Personen im Jahr 1348. Als Endpunkt wurde beim Gedenkstein, der seit 29 Jahren im Park steht, das Jahr 1943 gewählt. „Man musste den Bruch durch das Dritte Reich darstellen“, so Lammer, der darauf verwies, dass es auch in den ersten Jahren nach Kriegsende noch Juden in Dieburg gegeben habe.

Der Auftritt von Elisabeth Förster als Katharina von Bora (die „Lutherin“) in der Evangelischen Kirche bildete den Abschluss des Erlebnis-Rundgangs.

In der Folge jedoch verschwand das Judentum praktisch vollständig aus der Stadt, wie die Teilnehmer am Erlebnis-Rundgang an der nächsten Station erfuhren: Am Gedankenstein vor dem Landratsamt, auf dem die 36 deportierten und ermordeten jüdischen Dieburger auch namentlich genannt werden und der dort seit Oktober 2016 steht, schilderte Michael Maschek, dass es inzwischen kein jüdisches Kulturleben in Dieburg mehr gebe. Maschek, in dessen Familie es einen jüdischen Vorfahren gegeben hatte, war vor längerer Zeit der Ideengeber für den Gedankenstein gewesen. Über sieben Jahre hinweg hatte er für das Projekt Geld gesammelt, insgesamt 35 000 Euro. Mittlerweile fehlen nur noch rund 5 000 Euro, bis der Gedankenstein vollständig bezahlt ist. Als Vorlage diente eine Gipsplastik des Dieburger Künstlers Martin Konietschke; der Buntsandstein stammt aus dem Odenwald, die Bronze wurde ebenfalls in Hessen gegossen.

Heute sei ihm selbst in der Stadt keine jüdische Bevölkerung mehr bekannt, sagte Maschek. Dass dies einst anders war, davon zeugte eine Synagoge am Marktplatz (wo sich heute die Sparkasse befindet). Belegt sei auch eine Judenschule in der Zuckerstraße, hatten die Rundgänger bereits im Fechenbach-Park erfahren. Womöglich habe es eine weitere in der Klosterstraße, wo einst besonders viele jüdische Dieburger wohnten, gegeben. Dies sei aber nicht sicher.

Museumsmitarbeiter Lothar Lammer referierte am jüdischen Gedenkstein im Fechenbach-Park.

Sicher hingegen ist, dass über die meisten Jahrhunderte hinweg die Juden in der Stadt einen schweren Stand hatten. Ende des 15. Jahrhunderts musste sie gar alle Kurmainz’schen Orte – also auch Dieburg – verlassen. Einfacher hatten es da die Katholiken, die in Dieburg mit Abstand am stärksten sichtbar sind und noch immer auch quantitativ (rund 6 000 der mehr als 15 000 Einwohner) die größte Glaubensgemeinschaft darstellen. Ein kleiner, aber markanter Ort der Dieburger Katholiken ist dabei das Wendelinushäuschen. Es stand bis 1903 auf der anderen Seite der Straße Minnefeld, ehe es nach Unwetterschäden am heutigen Standort an der Nordseite der Straße unweit des Klosters errichtet wurde.

Neben der kleinen Kapelle befindet sich das Elternhaus des Dieburgers Wolfgang Hönche, der auch dem Heimatverein sowie dem Odenwaldklub angehört. Ehrensache, dass es Hönche selbst war, der vom Volksheiligen aus dem 6. Jahrhundert und auch vom Dieburger Kleinod berichtete. Das heutige Häuschen mit der Statue des Wendelin, der als Hirte und Einsiedler besondere Fähigkeiten in der Heilung von Nutztieren gehabt haben soll und besonders im Raum des heutigen Rheinland-Pfalz und des Saarlands verehrt wurde, hatte die Stadt Dieburg vor 114 Jahre aus erhobenen Sühnegeldern erbaut. Sie entsprachen den heutigen, ebenfalls von den Kommunen erhobenen Ordnungsgeldern. Ein Großteil des Geldes, das dann in die Wendelinuskapelle floss, hätten eher unfreiwillig Dieburger Metzger aufgebracht, „die vielleicht mal den Finger mit auf die Waage gehalten haben“, so Hönche schmunzelnd. Seine Großeltern, seine Eltern und schließlich er kümmerten sich in den vergangenen Jahrzehnten maßgeblich um Pflege und Erhalt des Häuschens, für die heute die Dieburger Ortsgruppe des Odenwaldklubs verantwortlich zeichnet. In die Kapelle neben dem Parkplatz, wo Ende des Monats wieder das Wendelinusfest des OWK stattfindet, durften die Teilnehmer am Samstag auch selbst einen Blick werfen.

Zum Abschluss der Tour, die einst als Neubürger-Rundgang seine Anfänge genommen hatte, längst aber an alle Dieburger (am Samstag waren darüber hinaus vereinzelt auch Personen aus Nachbargemeinden mit von der Partie) gerichtet ist, spazierte die Gruppe in die Evangelische Kirche. Dort begrüßte Pfarrerin Dorothee Benner die Gäste, verwies auf die noch eher junge Geschichte der protestantischen Gemeinde Dieburgs (die im neugotischen Stil errichtete Kirche an der Spieß-Kreuzung gibt es erst seit 1889, eine eigene evangelische Gemeinde in der Stadt rund zwei Jahrzehnte länger), schilderte aber auch ihre heutige Größe (3700 Mitglieder).

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Benner und Maria Bauer leiteten gegen Ende des insgesamt zweistündigen Rundgangs zum Ausklang mit einem kleinen Schauspiel über. Die Dieburgerin Elisabeth Förster mimt in einem normalerweise einstündigen Ein-Personen-Stück Katharina von Bora, die als 26-Jährige Martin Luther heiratete und später als die „Lutherin“ bekannt wurde.

Am Samstag spielte Förster, die im Luther-Jahr 2017 ein halbes Jahrtausend nach der Veröffentlichung der 95 Thesen in Wittenberg damit durch südhessische Kirchengemeinden tourt, die ersten Szenen. Sie schilderte darin ihre Kindheit im Kloster, nachdem die Mutter gestorben war, und riss die Rolle an, die Katharina als verheiratete Luther an der Seite ihres Mannes gespielt haben soll. „Von der Frau eines großen Mannes wird viel verlanget, aber wenig gesprochen“, sprach sie dabei zu den Zuschauern. Um dann die Frage aufzuwerfen: „Aber ohne sie – wäre er da denkbar?“

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