Baulücke in Dieburgs Einkaufsmeile

Fachwerkfront in Sicht?

+
Einen traurigen Anblick bietet die Baulücke in der Zuckerstraße 19 mitten in Dieburgs Einkaufsmeile (oben).

Dieburg - Schutzfolie, letzte Reste des Mauerwerks und jede Menge Unkraut: Der Gitterzaun vor dem Grundstück in der Zuckerstraße 19 gibt den Blick auf eine trostlose Szenerie frei. Von Laura Hombach

Gerade jetzt im Frühjahr, wenn die ersten Sonnenstrahlen zum Flanieren in Dieburgs Fußgängerzone oder gar zum Sitzen im gegenüberliegenden Eiscafé locken, fällt die Baulücke besonders ins Auge. Im Februar 2011 kam es zu dem verheerenden Brand, dem eines von Dieburgs ältesten Fachwerkhäusern zum Opfer fiel. Seitdem klafft die Lücke. Das Grundstück ist bereits seit Längerem im Besitz eines Bauträgers aus Münster. Auch Pläne für einen Neubau gibt es schon. Die alte Fassade, die nach dem Brand abgetragen und eingelagert wurde, kann beim Wiederaufbau wohl nicht verwendet werden. „Die Fassade wurde beim Brand auch durch das Löschwasser schon schwer beschädigt. Durch die Lagerung ist sie endgültig marode geworden“, erläutert Architekt Olgun Öztürk, der von dem Bauträger mit den Planungen für den Neubau beauftragt worden ist.

Trotzdem soll das neue Haus dem alten in Größe und Optik so weit wie möglich ähnlich sehen - das verlangt allein schon der Denkmalschutz. Im Erdgeschoss des dreigeschossigen Hauses soll es ein Einzelhandelsgeschäft geben, im 1. Stock sind Büros und im Dachgeschoss eine Wohnung vorgesehen.

Stellplatzsatzung der Stadt Dieburg

Bereits im März 2013 hatte Öztürk die Planungen erstellt und bei den zuständigen Behörden eingereicht. Dass sich trotzdem auf dem Grundstück bisher nichts tut, hat einen einfachen Grund: Die Stellplatzsatzung der Stadt Dieburg würde für diesen Neubau die Schaffung von zehn Stellplätzen, beziehungsweise die Ablösung von zehn Stellplätzen erfordern. Für die Wohnung sieht die Stellplatzordnung zwei, für die Büroflächen pro 20 Quadratmeter einen und für den Laden pro 30 Quadratmeter ebenfalls einen Stellplatz vor, macht insgesamt zehn, rechnet Öztürk vor. Zehn Stellplätze sind an dieser Stelle nicht machbar. Die daraus resultierende Ablösesumme von 75.000 Euro will der Bauträger aus Münster aber nicht zahlen. Er hat das Projekt auf Eis gelegt.

Auch der Stadtverwaltung ist die Baulücke in der Zuckerstraße selbstredend ein Dorn im Auge. Trotzdem kann man die Vorgaben der Stellplatzsatzung hier nicht einfach wegen der Bedeutung des Projekts für das Stadtbild für nichtig erklären. „Alle anderen Anlieger der Zuckerstraße haben die Stellplatzsatzung auch eingehalten und sei es, dass sie die fällige Ablöse bezahlt haben“, erklärt Bürgermeister Dr. Werner Thomas auf Nachfrage. Sollte es eine Regelung für die Baulücke in der Zuckerstraße geben, so müsste diese für alle gelten“, macht der Verwaltungschef deutlich, dass ihm an einer Gleichbehandlung gelegen ist.

Neuregelung für die Innenstadt

Ein Neubau mit Fachwerk-Optik ist für das Grundstück angedacht.

Eine solch klare Linie brächte eine Neuregelung der Stellplatzsatzung speziell auch für die Innenstadt. Eine Änderung zu beschließen, wäre Sache der Stadtverordnetenversammlung. Und tatsächlich soll demnächst einem Antrag der SPD folgend auch darüber diskutiert werden, ob es eine Neuregelung für die Innenstadt geben soll. Das Grundstück in der Zuckerstraße sei ein gutes Beispiel, aber nicht Grund für den Antrag gewesen, erklärt SPD-Fraktionsvorsitzender Ferdinand Böhm auf Nachfrage unserer Zeitung. Es gehe der SPD dabei um die Innenstadtentwicklung insgesamt. Wenn man innenstadtnahe Projekte realisiert wissen möchte, sollte man sich die Frage stellen, ob es dabei sinnvoll sei, an dieser Stelle von den Bauherren Parkplätze „wie auf der grünen Wiese“ zu verlangen. „Wir wollen jetzt aber nicht aufgrund dieser Problematik in der Zuckerstraße ad hoc alles umschmeißen“, sagt Böhm.

Offen für eine Diskussion über die Ssatzung sind auch CDU, Grüne, FDP und UWD. „Die Stellplatzsatzung knirscht an allen Ecken“, sieht etwa auch Herbert Nebel für die Grünen Diskussionsbedarf. „Wir müssen sehen, was vor der heutigen Situation sinnvoll ist“, stimmt auch FDP-Fraktionsvorsitzender Wilhelm Reuscher zu. Der UWD-Fraktionsvorsitzende Heribert Sürder hält ein Überdenken der Stellplatzfrage in der Innenstadt ebenfalls für sinnvoll. Renee Exner, Fraktionsvorsitzender der CDU, spricht sich für die Innenstadtentwicklung aus. Es müssten aber auch innenstadtnahe Parkplätze geschaffen werden. Einig sind sich die Fraktionen, dass die Lücke in der Zuckerstraße 19 so schnell wie möglich geschlossen werden sollte. Trotzdem dürfe es keine Ungleichbehandlung geben. Man will wegen des Projekts keinen Präzedenzfall geschaffen wissen.

Dem Bauträger bleibt – so wie es derzeit aussieht – wohl nur, den Ausgang der Diskussion über eine eventuelle Neufassung der Stellplatzsatzung abzuwarten. Ganz ohne ein Entgegenkommen seinerseits wird es aber wahrscheinlich auch im für ihn günstigsten Neuregelungsfall keine Lösung geben. Und die Blicke der Flaneure werden bis dahin in der Zuckerstraße 19 noch eine Weile auf eine hässliche Lücke statt eine Fachwerkfassade treffen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare