Dieburg + Zimmern = Fassenacht?

Äla und die Gänserchen ...

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Da haben wir den Salat: Liebe zwischen Dieburg und Zimmern und Ober-Gänserich Achim Grimm rockt die Dieburger Fastnachtssitzung.

Dieburg - Jetzt ist es soweit: Groß-Zimmern rockt die Dieburger Fastnacht. Knapp zwei Jahre nach der Verleihung der Holzisch Latern an die Kerb-Dixie-Stompers steht Zimmerns Bürgermeister Achim Grimm auf der Äla-Bühne. Von Ralf Enders

Da bekommt die Liedzeile „Äla unn die Gänserchen“ eine ganz neue Bedeutung. Heute Abend treffen sich die Bühnenaktiven des Karnevalvereins Dieburg (KVD) zur Nachbetrachtung und eventuellen Nachjustierung. Die erste von sieben großen Fastnachtssitzungen ist gelaufen, da gibt es einiges zu besprechen. Aber allzu viel werden sie nicht verändern (müssen), die mit Spannung erwartete Sitzung ist als Gesamtpaket stimmig und wird dem gehobenen Anspruch der Dieburger Fastnacht gerecht. Hunderte Menschen haben wieder daran mitgewirkt, haben ehrenamtlich viel Freizeit, Schweiß und Herzblut in ein tolles Programm investiert. Respekt!

Zum Luftsprünge machen: die Prinzengarde und der Gardetanz zum Abschluss der Sitzung.

Das heißt nicht, dass am Samstagabend in der Römerhalle alles bestens war – sechs Stunden sind lang. Einige Witze dürften aus Illustrierten im Wartezimmer bestens bekannt sein und werden nicht besser, wenn sie im Dialekt daherkommen. Und ein bisschen mehr aus der Königsdisziplin – Bissiges zur Lokalpolitik – könnte auch nicht schaden. Vielleicht liegt’s ja an dem kleinen politischen Vakuum nach der Bürgermeisterwahl in Dieburg. Dafür kriegen die Nachbarn ordentlich ihr Fett weg; 10:5 stand es am Ende bei Groß-Zimmern gegen Münster. Die Gänsflitsch aus Zimmern sind halt Lieblingsziel des Äla-Spottes, auch wenn die Doaschde aus Münster durch ihre Namenszusatzänderung – „in Hessen“ statt „bei Dieburg“ – respektabel aufgeholt haben.

Aber sind die Zimmerner wirklich noch die Deppen und nicht schon längst die heimlichen Äla-Stars? Die Frage ist berechtigt.

Dieburger Vortragsreihe

  • Das Gejohle im Saal war jedenfalls mächtig groß – nicht nur bei der Abordnung des Kerbvereins – als Zimmerns Bürgermeister Achim Grimm im Rahmen des ohnehin schon herrlichen Vortrags „Hexenjagd“ von Matthias Sahm, Klaus Gottwald und „En Haufe Leit“ als Überraschungsgast die Bühne betrat und völlig verhext das Loblied sang: „Dieburg ist glatt – die schönste Stadt“ ...
  • Den anspruchsvollsten Auftritt lieferten wieder einmal die Äla-Kepp Johannes Spieß, Achim Weißbäcker, Lothar Wolf und Annika Fiedler mit ihrem musikalisch-politischen Vortrag. Für den Parforce-Ritt durch Welt-, Deutschland- und Lokalpolitik samt origineller Accessoires und tollen Kostümen gab’s laute Zugabe-Rufe. Und die Erkenntnis, dass die Kreiselgestaltung in Dieburg nur mit einem christlichen Bajazz auf dem Motorrad funktionieren kann.
  • Protokoller Friedel Enders kam seiner närrischen Chronistenpflicht gewohnt souverän und bissig nach. Deutliche Worte zu Trump, dem Pfungstädter Haifischbecken oder den Aufregern in Dieburg – so muss Fastnacht sein.
  • Als Beamtin kam Monika Schledt daher und bediente sämtliche Vorurteile über die Berufsgruppe. Da sind die Lacher sicher.
  • Luft nach oben haben die Bühnenneulinge Felix Herz und Julian Spieß als „Zwei Urlauber“. Timing und Gags saßen nicht so recht. Zudem passt der Vortrag nicht zu zwei jungen Burschen, denn chronisches Lästern über die eigene Frau schreibt man eher älteren Semestern zu. Aber Talent haben die beiden, es wäre schön, sie in anderen Rollen zu sehen.
  • Eine Frau als Sitzungspräsidentin? Bernd Schneider, Torsten Setzer und „Schackelinsche“ Christel Ludwig machen’s möglich. Dialektreich, defitg, witzig.
  • Ein gelungenes Debüt mit viel Applaus feierten Tom Bonifer und Manuel Enders als sich kappelnde Vertreter von Hofballett und Damengarde. „Mit so ner Jugend tut’s weitergeh’“, meinte Sitzungspräsident Bernd Wolfenstädter. Richtig!
  • Verrer Gunkes (Thomas Buchert) unn soi Bawett (Juliane Kempf) sind Klassiker der Dieburger Fastnacht. Und wenn Gunkes seine gesundheitliche Pause im vergangenen Jahr so schlüssig erklärt („So lange nicht geklärt ist, warum die Dinosaurier ausgestorben sind, darf man Männergrippe nicht verharmlosen.“), warten wir gerne auf den Fastnachts-Dino.
  • „Jugend vergeht – de Dorscht bleibt“: Bettina Steinmetz und Petra Herrmann-Kahle sind auch als „Zwei Omas“ des Dieburgerischen herrlich mächtig. Die beiden könnten auch das Telefonbuch von Groß-Zimmern vorlesen, und man würde sich köstlich amüsieren.

Hoch das Bein

Die zahlreichen Tänze in der Sitzung sind eine Augenweide. Unvorstellbar, wie viel Training in dem prächtigen Ergebnis steckt.

  • Das Jugendballett unter Annika Fink und Julia Kern macht als „Horror-Barbies“ zum Auftakt keine Angst, sondern Lust auf mehr.
  • Zwei Auftritte hat das Hofballett (Leitung: Svenja Fink und Katrin Kern) – als „Pink Panther“ und mit dem Tanz „Charleston“. Tolle Choreographien, tolle Kostüme.
  • Emotionaler Höhepunkt: „40 Jahre Hofballett“ mit Tänzerinnen und Musik aus vier Jahrzehnten. „Fit wie die Forellscher“ sind die Mädels noch, und Ann Cathrin Resch-Zierbach kann ganz schön kraftvoll die Rock-Version von „Wann’s Fastnacht iss“ röhren. Fast 40 Damen nehmen beim eindrucksvollen Schlussbild die Zugabe-Rufe entgegen.
  • Der Gardetanz der Prinzengarde (Leitung Franzi Franz und Kaja Euler) steht dem Hofballett in nichts nach. Artistisch, schwungvoll, imposant.
  • Zumindest Letzteres gilt freilich auch für das Männerballett Heihupper bei der „Beach Party“ samt Striptease-Klassiker „You Can Leave Your Hat On“ ...

Schlagermusik

Zu jeder Kampagne gibt es neue Fastnachts-Schlager – und die Evergreens. Oft hat Manfred Müller seine musikalischen Hände im Spiel.

  • „Fastnachter vom Scheitel bis zur Sohle“ sind Annika Fiedler und Thomas Gelfort – und wem’s nicht passt, den holt de Deiwel fort. Ein schönes Lied über die vielen Narren an der Basis.
  • Stefan Mann und das Ä-Team bringen eine rockige Nummer, bei der die Zuschauer „Freudentränen“ vergießen. Der Fastnachtshit 2018?
  • Die Äla-Fetzer haben die Klassiker im Programm, selbstverständlich mit Deiweilsgeije. Fastnachtslieder, die jeder kennt, weil sie einfach gut sind. Genau wie die Fetzer.
  • Geschmackssache im Wortsinn ist das „Hütche Lied!“, gesungen vom ansonsten formidablen Helge Tisch. Mag ja sein, dass Asbach-Cola beliebt ist, aber eine konkrete Weinbrand-Marke gemischt mit amerikanischer Brause quasi als Dieburger Nationalgetränk zu besingen, das ist doch etwas daneben. Dann lieber „Weck, Worscht und Woi“ – neutral und weniger hochprozentig, mithin jugendfreundlicher.

Auftaktsitzung des Karnevalvereins Dieburg: Bilder

Der Rest vom Fest

  • Der Elferrat hat neue Jackets. Sieht schick aus. Und Präsident Bernd Wolfenstädter ist mit seinem breiten Dialekt der Beste für den Job. Zudem agiert er beweglicher als üblich, steht auch mal im Stile eines Alleinunterhalters auf der Bühne.
  • Die Prinzengarde bietet wie immer ein prächtiges Abschlussbild. Sie sind viele, sie sind blau und weiß, sie sind einfach unverzichtbar.
  • Uijuijuijuijuijuijui – auauaauauauau: Die Hofkappelle Mike Nail Band weiß, wann sie einen Tusch setzen muss.
  • Die Nebelmaschine auf der Bühne ist ein wenig schwach auf der Brust. Sieht eher aus wie Zigarettenrauch.
  • Schade, dass Besucher jenseits der 30 nach der Sitzung keinen Absacker nehmen können. Die Gaststätte ist zu, der Saal muss von der Crew verständlicherweise für den Neujahrsempfang hergerichtet werden, und im Foyer ist Halligalli-Party – Gehörschaden inklusive.

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