Fastnachtssitzung ein gelungener Mix aus Vorträgen, Musik und Tanz

Karnevalverein Dieburg: Das Äla im Kopf und im Blut

+
Imposantes Finale: Stefan Mann, Leonie Freudl und Helge Tisch (von links) singen zum Auszug. Ein stimmungsvoller Abschluss einer gelungenen Premiere am Samstagabend in der Römerhalle.

Dieburg - „Und, warst du schon in der Sitzung? Wie war’s“ Die Frage hat Tradition in Dieburg, sie wird dieser Tage hundertfach gestellt. Die Antworten werden mit Spannung erwartet. Nun, die Befragten können guten Gewissens sagen, dass es klasse war. Von Ralf Enders

Die wichtigste Zahl vorweg: In sechs von 21 Programmpunkten kriegen die geliebten Nachbarn aus Groß-Zimmern eins ausgewischt. Zieht man Tänze, Liedvorträge und dergleichen ab, ist das ein ordentlicher Schnitt.

Aber mit diesen kleinen Nadelstichen allein lässt sich freilich keine Fastnachtssitzung bestreiten. Der Karnevalverein Dieburg (KVD) hat am Samstagabend bei der ersten von sieben Ausgaben ein Programm auf die Bühne der Römerhalle gebracht, das den gehobenen Ansprüchen der Dieburger Fastnacht gerecht wird: ein gelungener Mix aus Vorträgen, Tänzen, Stimmungsmusik und – Uijuijuijuijuijuijui, auauauauau – ein paar Zoten, die wohl irgendwie dazugehören. Wichtig: Stadt- und Weltpolitik kommen nicht zu kurz. Vielleicht hat man in Dieburg schon bessere Sitzungen gesehen, vielleicht auch schon schlechtere – auf jeden Fall bieten die Akteure ein sechsstündiges Programm, das in weiten Teilen keinen Vergleich mit prominenteren Sitzungen zu scheuen braucht. Und die Aktiven bekommen schließlich kein Geld, sie opfern einfach nur viel Freizeit und Herzblut. Chapeau!

Die Vorträge

  • Die vornehmste Pflicht des Narren ist es ja, der Obrigkeit die Meinung, respektive die Wahrheit zu sagen. Protokoller und KVD-Präsident Friedel Enders, seit 25 Jahren auf der Bühne, weiß das: „Wer sisch in Dibborsch mim Auto bewescht, hat sisch mäi wie uffgerescht.“ Das in der Krise steckende Schlossgartenfest ist ein „überflüssiges Heimatfest-Süppchen“, und die Rochus-Eigentümer haben nichts als die Schließung im Sinn gehabt. Witzig, deutlich, politisch – Fastnacht im besten Sinne.
  • Monika Schledt spielt in ihren „Lebensliedern“ mit der Tatsache, dass man sich die Texte von Gassenhauern besser merken kann als Schillers Glocke und lässt das Publikum singend ihre Vorgaben ergänzen. Respekt: Die Reihenfolge dutzender Schlager am Stück war schwer zu merken, einen kleinen Hänger überspielte sie geschickt.
  • Textlich und szenisch ein Genuss: Das Groß-Zimmerner Kerbmädche (Christel Ludwig) will „haam noch Dibborsch ins gelobte Land“ und lässt sich im Rochus von Bernd Schneider und Thorsten Setzer zur Dieburgerin umoperieren. Wenn man sich verbessern kann ...
  • Verrer Gunkes und Bawett sind Urgestalten der Dieburger Fastnacht. Weil Gunkes Thomas Buchert aus Gesundheitsgründen aber absagen musste, sprang Thomas Jung als Kümmel Andres ein und keifte an seiner statt aufs Vergnüglichste mit Bawett Juliane Kempf. Und dass dabei auch noch das vielleicht genialste Fastnachtslied, der „Kümmel Andres“, wieder zu Ehren kommt, ist wunderbar.

Bilder: Die erste Fastnachtssitzung des Dieburger Karnevalvereins

  • Die „Äla-Kepp“ Achim Weißbäcker, Johannes Spieß und Simone Buschmann präsentieren mit Manfred Müller am Klavier und Annika Fiedler einen extrem gut und anspruchsvoll ausgefeilten politisch-musikalischen Vortrag. Zu viel wird nicht verraten, aber: Merkel, Seehofer, Trump, Erdogan und die Dieburger Bürgermeisterkandidaten auf einem kabarettistischen Parforceritt auf der Römerhallen-Bühne – klasse.
  • Als „Zwei Bedienungen“ von eben jener guten Stube Dieburgs treten Nina Grimm und Sabrina Brandt auf. Das Kellnerinnen-Outfit ist dabei nur Hilfsmittel, die beiden erzählen einen Witz nach dem anderen, meist knapp unter der Gürtellinie. Einem Teil des Publikum gefällt’s, und so hat’s seine Berechtigung.
  • „Der Hauptgewinn“, den Matthias Sahm und Sabine Enders einstreichen, ist eine Reise zum Wiener Opernball, auf die sie der bisher geheim gehaltene Wiener Stiefbruder des Verrer Gunkes, Klaus Gottwald, vorzubereiten hat. Die Übergänge der nicht einfachen Geschichte könnten etwas fließender sein, aber alles in allem eine witzige Nummer. Köstlich: ein Video-Einspieler mit Albrecht Dienst, der in bräsiger Karl-Valentin-Manier den Gewinnern ihr Glück verkündet.
  • Bettina Steinmetz und Petra Hermann-Kahle muss niemand mehr erklären, wie man das Publikum auf seine Seite zieht. Es ist ein Riesenspaß, mit den „Zwei Stewardessen“ der Äla-Airlines abzuheben und den „dicke Bobbes“ in den Sitz zu zwängen.

Die Tänze

  • Das Jugendballett zeigt einen tollen „Schornsteinfeger“-Tanz zum Mitsummen und Kostüme bestaunen.
  • Die Damen des Hofballetts lassen den Herbst Einzug halten. Sportliche Höchstleistung mit – gut angebrachten – bunten Blättern an den Kostümen und knallroten Regenschirmen. Nach der Pause kommt das Hofballett genauso beeindruckend als „Harlekins“ daher.
  • Der Gardetanz der Prinzengardistinnen steht dem Ballett in nichts nach. Eine blau-weiße Augenweide in atemberaubendem Tempo.
  • Waren die „Heihupper“ seinerzeit eigentlich der wahre Grund für den Umzug von wackligen Ludwigshallen- auf die stabile Römerhallen-Bühne? Egal, denn das Männerballett ist wie immer ein Pfund und gewährt in „Russisches Rol let“ tiefe Einblicke in russische Seele und Unterwäsche. Man beachte zudem die glattrasierten Achselhöhlen der Tänzerinnen ...

Die Schlager

  • Ex-Büttenredner und Neu-Sänger Thomas Gelfort scheint einen Knaller geschrieben zu haben. Sein mit Annika Fiedler leidenschaftlich zelebriertes „Äla im Blut“ (Arrangement Manfred Müller) hat das Zeug zum Evergreen.
  • „Die Hände nach oben“, toll vorgetragen von Leonie Freudl (Musik Victor Rodrigues, Text Jürgen Schaarvogel, Arrangement Manfred Müller), braucht beim Publikum dagegen noch Übung.
  • Helge Tisch singt mitreißend „Du bist moi bestes Stück“ (Arrangement Manfred Müller). Schwungvoller Schlager in der Tradition von „Mein liebes Schnückelchen“.
  • Das Kontrastprogramm bot Stefan Mann mit „Außer Rand und Band“, eine bärenstarke, rockige Äla-Nummer. Sitzungspräsident Bernd Wolfenstädter: „Es muss nit immer Schunkele soi.“ Stimmt.
  • Die Äla-Fetzer (Leitung Klaus Becker) konnten mit ihrem Medley bekannter Fastnachtsschlager nichts verkehrt machen. Machten sie auch nicht und rissen das Publikum von den Sitzen.

Kindersitzung des Karnevalvereins Dieburg: Bilder

Und sonst?

  • Sitzungspräsident Wolfenstädter ist nicht nur wegen seines ausgeprägten Idioms die beste Wahl für das Amt. Souverän führte er die vielköpfige Narrenschar durch sechs Stunden.
  • Das gilt auch für die Hofkapelle, die „Mike Nail Band“.
  • Die Show- und Marchingband „Happy Sound“ aus Michelstadt muss unbedingt wiederkommen. So macht man aus dem undankbaren Platz nach der Pause eine mitreißende Nummer!
  • Der Einzug der Prinzengarde ist und bleibt imposant. Mit diesem Schlussbild lächelt man sich gerne in den Schlaf – oder feiert weiter.
  • Heute Abend ist Manöverkritik. Für die noch folgenden sechs Sitzungen sind aber nur kleinere Justierungen zu erwarten.
  • Um 22.59 Uhr war Schluss, ein Minute früher als geplant. Hat’s das schon mal gegeben?

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare