Familien schauen in die Röhre

Fehlende Ü3-Kita-Plätze zwingen erste Eltern zur Klage

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Dieburger Mütter, die in der Stadt noch keinen Kita-Platz für ihre Kinder gefunden haben, haben sich im Rathaus mit Bürgermeister Frank Haus (links) ausgetauscht.

Dieburg - Seit dem 1. August 2013 gibt es in Deutschland einen flächendeckenden Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz. Auf dem Papier, denn die Praxis sieht anders aus. Von Jens Dörr 

Die Kinder-Tagesstätten (Kitas) in Dieburg haben derzeit nicht genügend Plätze, um alle Kinder ab 3 Jahren (Ü3-Bereich) aufnehmen zu können. In den nächsten Monaten können die unter verschiedenen Trägern (Kirchen, Johanniter, Verein Dreikäsehoch) stehenden Kitas in der Stadt nach momentanem Stand 40 Kinder dieser Altersgruppe nicht aufnehmen. Ebenso viele Familien stehen dementsprechend vor einem großen Problem. Das schilderten jetzt im Rathaus noch einmal rund ein Dutzend Mütter eindringlich bei einem Treffen mit Bürgermeister Frank Haus. Eine von ihnen ist Susanne Schneider. Das jüngere Kind der zweifachen Mutter soll in wenigen Wochen in eine Dieburger Kita gehen, weil Schneider dann wieder ins Berufsleben einsteigt. Die Arbeitsaufnahme ist mit ihrem Arbeitgeber fest für den 18. Juni vereinbart. Dies geschah in der Erwartung, dass ihr Kind bis dato untergekommen sein würde – schließlich besteht darauf ein Rechtsanspruch. Doch in Dieburg gibt es im Ü3-Bereich aktuell eben rund 40 Kinder mehr als Plätze. „Das ist für mich und auch für einige andere Betroffene katastrophal“, sagt Schneider.

Dabei bemüht sie sich bereits seit rund einem Jahr um einen Kita-Platz für ihr zweites Kind. Dafür hat sie zunächst das Onlinesystem der Stadt verwendet, in dem sie ihren Anmeldewunsch bei zwei Kitas hinterlegen konnte. Laut Haus ist dies inzwischen für drei Kitas möglich. Abgesehen von einer „Technik, die nicht in Ordnung ist“ (eine Meinung, die auch Haus teilt), ging Schneider wie mehr als drei Dutzend andere dennoch leer aus. Zwar ließ sie nicht locker, schilderte die Lage in der Bürgermeister-Sprechstunde und dem Jugendamt des Kreises. „Dort hat man zwar Verständnis gezeigt“, sagt sie. Eine Zusage bekam sie trotzdem nicht.

Da sogar Versuche, einen Platz in den Nachbargemeinden zu finden, fehlschlugen, und es auch bei den Dieburger Tagesmüttern keine freien Plätze mehr gebe, ist auch drei Wochen vor dem Wiedereinstieg in den Job keine Lösung in Sicht. „Wir gehen nun den juristischen Weg und klagen auf einen Platz“, berichtet Schneider. Andere Eltern dürften es ihr gleichtun. Verklagt wird dabei zunächst der Landkreis Darmstadt-Dieburg. Frank Haus geht davon aus, dass dieser Schadensersatz-Forderungen (wegen der Verhinderung der Arbeitsaufnahme und dadurch ausbleibender Lohnzahlungen) direkt an die Stadt Dieburg weiterreichen würde. Sie ist in letzter Instanz für die Bereitstellung einer ausreichenden Zahl an Plätzen verantwortlich.

Klagen auf den Kita-Platz - aber wie?

Eine juristische Auseinandersetzung will unterdessen im Grunde niemand – sie ist für die ersten Eltern in Dieburg aber eine Art letzter Hilferuf. Haus hofft, dass man in den nächsten Wochen doch noch Abhilfe schaffen kann. Dies könne etwa über den Aufbau von Containern oder die Schaffung eines Waldkindergartens (ein konkretes Objekt ist schon im Visier) geschehen. Zu beantworten ist dabei stets nicht nur die Frage nach dem Platz, sondern auch nach möglicherweise zusätzlichem Personal.

Unabhängig von der derzeitigen Notlage will der Rathaus-Chef zudem weiter versuchen, alle Kita-Träger Dieburgs davon zu überzeugen, dass die Platzvergabe künftig durchweg zentral über die Stadt erfolge. Vor allem bei den kirchlichen Trägern gebe es hierbei jedoch Vorbehalte. „Und wir können keinen Kindergarten dazu verdonnern, dass er uns die Platzvergabe überträgt.“ Klar ist: Die Zeit drängt – für die betroffenen Familien ebenso wie für die Stadt, auf die hohe Zahlungen zukommen könnten.

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