Kunterbunt in den Mai

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Die Cheerleader der Darmstadt Diamonds kamen offenbar auch bei Clown Kunterbunt (hinten) bestens an.

Dieburg - 227 Meter über Normalnull sind nicht genug - jedenfalls nicht für die kleine Anna: Auf dem Spielplatz des Naturfreundehauses erklimmt sie die Rutsche und setzt noch einmal zwei Meter drauf. Von Jens Dörr

Spaß an der Sache hat bei den „Massilia Voices“ offenbar auch der Dieburger Chorleiter Markus Hertwig.

Für sie wuchs der Mainzer Berg, Dieburgs Hausbuckel und eigentlich für jeden nur die „Moret“, am 1. Mai auf 229 Meter an. Bei Beginn des Familienfests der Naturfreunde sind es überwiegend noch die Sängerinnen und Sänger der „Massilia Voices“ aus Messel, die die Bänke vor dem überdachten Podium im Außenbereich bevölkern. 40 Minuten später, als der gemischte Chor des Vereins „Treue“ unter Leitung des Dieburgers Markus Hertwig die erste Nummer anstimmt, ist kaum noch ein Platz frei. Für „California Dreaming“ geben sogar einige der Gäste ihre Plätze auf, die zuvor auf der Terrasse vor der Gaststätte die Sonne anbeteten. Zum Glück war der prognostizierende Wetterfrosch offenbar ein Lehrling, denn von Wolken sehen am 1. Mai zumindest in Dieburg selbst die beständigsten Himmelsgucker wenig.

Auf der Moret also ist die Atmosphäre entspannt. Der gern zitierte Bratwurstduft steigt dort dank der Bewirtung durch die Dieburger Naturfreunde in der Tat verführerisch in die Nase, lenkt aber nur Banausen vom Krimi, ohne den die Mimi „nie ins Bett“ geht, ab. Den singen die „Massilia Voices“ mit spürbarer Freude ebenfalls im ersten Teil, dem noch ein weiterer folgte. Ob Gospel, Pop oder Schlager, Deutsch oder Englisch - musikalisch eingeschränkt hat Chorleiter Hertwig seine Truppe nicht. Der Nachwuchs der sich später vom Toben mit dem „Spielmobil“ erholt und seine Zitronenlimo auf der Moret noch für 80 Cent ersteht, spürt am Dienstag wie alle anderen: Bei den Naturfreunden ist zumindest am 1. Mai die Welt noch in Ordnung.

Ein gesetzlicher Mindestlohn müsse her

Das sieht rund fünf Kilometer weiter östlich etwas anders aus - zumindest in der Rede von Arno Grieger. Der Reinheimer, pensionierter Lehrer, Lokalpolitiker und Mitglied im Kreisvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), ist auch in diesem Jahr wieder der Hauptredner der Mai-Kundgebung auf dem Marktplatz. In seiner pointierten Ansprache geht es um Verfehlungen von Aldi und HSE, Selbstbedienern an Konzernspitzen und „Hunderttausende, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können“. Der DGB - und auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, in dessen Kreisvorstand Grieger sitzt - würden wichtige Gerechtigkeitsfragen aufwerfen. Mehr noch: „Wir zeigen Wege zu notwendigen Veränderungen auf - gerade auch am 1. Mai.“ Ein gesetzlicher Mindestlohn müsse her, zudem bleibe die Forderung „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Da gebe es kein Wackeln: „8,50 Euro als erster Schritt. Und zwar jetzt.“

Es muss nicht immer organisiert sein: Dieser BMX-Sportler trainierte am 1. Mai mit seinen Kumpels auf der Skater-Anlage.

Mit dem Gewerkschaftsbund treten auch SPD und Arbeiterwohlfahrt auf. Thomas Bischoff, für die Sozialdemokraten im Stadtparlament und zudem DGB-Ortsvorsitzender, berichtet, seit 8 Uhr habe man die Veranstaltung vorbereitet. Auf der tanzen unter anderem die Cheerleader der Darmstadt Diamonds, sorgt Clown Kunterbunt für Kinderunterhaltung und spielen die Gruppen „Schwarzworz“ und „Midlife Specials“. Das lockere Programm wechselt sich mit nachdenklich stimmenden Worten von Bischoffs Fraktionskollege Robert Mueller ab. Er erinnert daran, dass allein die Dieburger „Tafel“ inzwischen 2000 potenzielle Zuwendungsempfänger zähle. Rund 150 Personen auf dem Marktplatz bekommen das mit, laut Bischoff seien rund 50 davon eigens wegen der Kundgebung gekommen.

Großer Andrang im „Club Biergarten“

Sind der Zuspruch auf Moret und Markt am 1. Mai gut, so ist er im Außenbereich des „Club Biergarten“ immens. Die Kulteinrichtung hat sogar einen Mitarbeiter abgestellt, der auf dem Parkplatz für Ordnung sorgt - bei den Fahrrädern. Hunderte haben ihre Drahtesel vor dem Eingang abgestellt, tun das nach Aufforderung gründlich deutsch in exakten Reihen. Drinnen rocken bei freiem Eintritt „The Pins“ und musizieren die „Hinnergassebuwe“. Vor den Ausschänken stehen die Menschen in langen Schlangen.

Hinter der Theke kommen bei Temperaturen von bis zu 25 Grad jene ins Schwitzen, die das tun, was am „Tag der Arbeit“ die Wenigsten tun: arbeiten.

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