Ausstellung über „Displaced Persons“

Fester Platz in der Geschichte

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Die Wanderausstellung des „International Tracing Service“ (ITS) über „Displaced Persons“ (DP) bildet den Hauptteil der Präsentation, die zudem durch Materialien zum DP-Lager 560 in Dieburg ergänzt und in lokalen Bezug gesetzt wird.

Dieburg - „Displaced Persons“? Der Begriff bedarf der Erklärung. Von Sebastian Richter

Er kann übersetzt werden mit „Person, die nicht an diesem Ort beheimatet ist“, und beschreibt Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs zwangsweise an ihnen zugewiesene Orte verbracht und nach der Befreiung 1945 nicht unmittelbar – oder auch gar nicht – in ihre Heimat zurückkehren konnten. Ihnen wurden von den Besatzern Übergangslager eingerichtet – auch in Dieburg. Daran erinnert jetzt einer Ausstellung, die noch bis zum 22. Oktober im Museum Schloss Fechenbach zu sehen ist.

Vom NS-Staat verschleppte Ausländer, Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge – die Zahl der Displaced Pesons (DP) wird für ganz Europa auf 10 bis 13 Millionen Menschen geschätzt, die mit dem Kriegsende durch alliierte Truppen befreit worden sind. Eine ungeheuer große Zahl, in der die deutschen Vertriebenen nicht eingeschlossen sind.

Viele DPs waren traumatisiert, gesundheitlich geschädigt, ohne Perspektive – Durchreisende, die in den Orten ihrer Zwischenstationen nicht immer wohlgelitten waren und dort wohl ebenso gerne wie schnell vergessen wurden. Gegen dieses Vergessen richtet sich eine Wanderausstellung des „International Tracing Service“ (ITS), die das Thema auf ebenso vielfältige wie allgemeine Weise darstellt. Sie bildet den Hauptteil der aktuellen Ausstellung im Museum Schloss Fechenbach, die allerdings durch Materialien zum DP-Lager 560 in Dieburg ergänzt und in lokalen Bezug gesetzt wird.

Die Ausstellung lenkt den Blick nicht nur auf die alliierten Strategien im Umgang mit den DPs, sondern zeigt insbesondere auch das Schicksal Überlebender und die Realität des Lebens in den DP-Camps. Sie dokumentiert auch den unbändigen Lebenswillen vieler DPs, den Wunsch nach einem möglichst „normalen“ Leben nach all dem Schrecken. So wurden durch DPs Parteien gegründet, Theater und Orchester gespielt. In manchen DP-Camps war sogar ein regelrechter „Baby-Boom“ zu verzeichnen, wie die Produktion eigener Kinderwagen zeigt.

Unterstützt wurde das Ausstellungsprojekt des IST von der „Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ), für die Annemarie Hühne aus Berlin zur Eröffnung angereist war. Sie blieb an diesem Tag nicht die einzige, die Bezüge zur aktuellen Flüchtlingssituation herstellte und dabei das Stichwort „Syrien“ nannte.

In der amerikanischen Besatzungszone gab es 1946 rund 450 DP-Lager, in denen etwa 380 000 Menschen betreut wurden. Die Verantwortung für die Lager teilten sich die amerikanische Armee, die für Einrichtung, Kontrolle und Sicherheit zuständig war, während Ausstattung und Versorgung von der „United Nations Relief and Rehabilitation Administration“ (UNRRA, Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen) besorgt wurde.

In der Stadt Dieburg waren zwischen 1946 und 1949 im Durchschnitt rund 800 Personen im DP-Lager 560 untergebracht, wobei „Lager“ falsche Bilder erzeugt. Als Sammelunterkünfte genutzt wurden das Konvikt und der Ort der Ausstellung, das Fechenbach-Schloss. Museumsleiterin Maria Porzenheim-Schäfert nannte es in ihrer kurzen Ansprache zur Eröffnung der Ausstellung eine „Ironie der Geschichte“, dass ausgerechnet in diesem zuvor von den Nazis als lokales Hauptquartier genutzten Adelssitz Menschen jüdischen Glaubens unterkamen und sogar eine provisorische Synagoge einrichteten. Sie berichtete auch von Mäusenestern mit Papierschnipseln voller hebräischer Buchstaben, auf die man vor Jahren bei Sanierungsarbeiten gestoßen sei. Die meisten DPs waren jedoch in Privathäusern untergebracht – rund 50 an der Zahl, die von der amerikanischen Militär-Administration beschlagnahmt worden waren.

Die Versorgung durch die UNRRA war anscheinend in dieser bitterbettelarmen unmittelbaren Nachkriegszeit so gut, dass sie bei manchen Dieburgern einen gewissen Sozialneid hervorrief. Aber auch Fremdenangst und andauernder Antisemitismus führten zu Spannungen, auf die Bürgermeister Ludwig Steinmetz mit einem Aufruf zu Besonnenheit und Toleranz reagierte und die amerikanische Militärbehörde mit dem Verbot der Fastnacht drohte, falls es zu Übergriffen komme.

In gewisser Weise knüpft diese Ausstellung an eine im Museum Schloss Fechenbach vorangegangene an: „Befreiung am Palmsonntag“, über die letzten Tage des zweiten Weltkriegs in Dieburg und die erste Zeit der amerikanischen Militäradministration, aus der auch die Reproduktion eines amerikanischen Plakats stammt, das jetzt wieder zu sehen ist. Darauf ist zu lesen, dass von den 7000 Einwohnern Dieburgs 1000 Nazis waren – wahrscheinlich etwas zu hoch gegriffen für das stark katholisch geprägte Städtchen, das deswegen eine gewisse Widerstandkraft gegen die Nazi-Propaganda zeigte.

Auch der frisch gebackene Dieburger Bürgermeister Frank Haus stellte in seiner Rede zur Ausstellungs-Eröffnung einen aktuellen Bezug zur Flüchtlings-Situation auf der Welt und in Europa her, vermerkte allerdings auch gravierende Unterschiede: „Damals traf oftmals Not auf Not. Heute treffen Flüchtlinge in ihrer Existenznot auf eine Wohlstands- und Überflussgesellschaft, die viele Fluchtursachen nur noch aus den Medien und nicht aus der eigenen Erfahrung kennt. Heute braucht es andere Antworten, die wir bisher nicht gefunden haben.“

Bevor er dann wieder zu einem aktuellen Munitionsfund aus dem zweiten Weltkrieg im Dieburger Wald eilte, gab er der Ausstellung auf den Weg: „Geben wir den Displaced Persons, den Personen, die wenige Jahre Dieburger waren, mit dieser Ausstellung ein Gesicht zurück, geben wir ihnen einen festen Platz in unserer Geschichte.“

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