Mit dem Filzhut auf Zeitreise unterwegs

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Dazu muss es nicht mal Fastnacht sein: Den modernen Mann von heute kleidet ein steinzeitlicher Hut sehr gut.

Dieburg - „Somit gehören Sie jetzt alle zu meinem Stamm“, begrüßte Hannelore Stuckart vom Verein Bandkeramisches Aktionsmuseum die Besucher des Erlebnis-Abends. Mit Farbe aus Rötelstein und Schmalz bekam jeder Teilnehmer einen roten Streifen unters Auge gemalt. Von Sabine Klug

Als Steinzeit bezeichnet man den längsten Zeitabschnitt der Menschheitsgeschichte, bevor die Herstellung und Nutzung von Metallen bekannt war. Leider wisse man über die Epoche aber zu wenig, sagte Museumsleiterin Maria Porzenheim.

Was aber bedeutet eigentlich Steinzeit? Mit dem Begriff verbindet man zuerst Werkzeuge aus Stein, aber auch die Entwicklung der Technik (zum Beispiel der Webstuhl aus Knochen) und die Gründung erster Städte. Das Leben in der Dieburger Bucht entwickelte sich erst vor 30000 Jahren, vorher war es zu kalt. Hier entstand ein steinzeitliches Jagd- und Städtegebiet.

Es eignete sich jedoch nicht sehr gut als Siedlungsgebiet, da der Boden zu sandig war. Große Tierherden marschierten durchs Land.

Anhand einer Speerschleuder demonstrierte Stuckart, wie das effektivste Werkzeug des Mesolithikums (Mittelsteinzeit) funktionierte. In dieser Zeit lebten die Jäger und Sammler in Hütten und besaßen nicht viel. Mit Beginn des Neolithikum vor 750 000 Jahren wurden die Menschen sesshaft. In dieser Zeit lebten die Bandkeramiker. Sie bewohnten mit fünf bis acht Personen feste, rund 20 Meter lange Häuser. Darin wurde im Vorratsteil Stroh und Getreide gelagert. Als Küchenutensilien besaßen sie Töpfe, Schalen und Gefäße aus gebranntem Ton, Mahlsteine, Mörser und Stößel.

Im großen Wohnraum spielte sich das gesellschaftliche Leben ab: Dort wurde gegessen und geschlafen. Im Hinterteil des Hauses befand sich ein kleiner abgetrennter Raum, indem sie kleine Figuren (Idole) aus Knochen und Holz aufbewahrten. Kleidung und Kopfbedeckung wurde durch Einkerbungen angedeutet. Die Idole wurden einem Ahnenkult gleich angebetet, Götter aus dieser Zeit sind unbekannt.

Die Menschen in der Steinzeit waren weder stark behaart, noch kann man sie „primitiv“ nennen. Sie wussten, wie man mit einer Spindel die Schafwolle zu Fäden spinnt und an einem Webrahmen aus Knochengestell zu festem Stoff verarbeitet.

Auch damals trug man schon gemusterte bunte Kleidung. Die Stoffe wurden unter anderem mit Holunder- und Zwiebelsaft gefärbt und mit Tonperlen verziert. „Diese Kleidungsstücke sehen schon wieder modern aus, wie eine Öko-Tracht“,kommentierten die Besucher die gezeigten Kleidungsstücke. Die Muster der Kleidung findet man in den Einkerbungen der Idol-Figuren wieder. Für Männer gab es sogar Hüte aus Filz in Form eines Dreiecks oder einer Baskenmütze.

Als Werkzeuge verwendeten die Bandkeramiker ein Dexel (ähnlich der heutigen Axt) zum Fällen von Bäumen oder Pflügen des Feldes. Ein Geweih diente ihnen zum Boden aufhacken, da es sehr strapazierfähig ist. Neben dem Ackerbau, es wurde Emer, Einkorn und Dinkel angebaut, betrieben sie auch Tierhaltung. Zu ihren Herden zählten Rinder, Schweine und das von Archäologen liebevoll „Scha-Zie“ genannte Tier - man weiß nicht genau ob es sich um ein Schaf oder eine Ziege handelte.

Schloss Fechenbach

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Arbeitsteilung gab es damals auch schon: Wer weben, aber nicht backen konnte, der tauschte Stoff gegen Brot oder Leder. Nicht nur mit Stoff und Lebensmittel wurde Handel getrieben, es wurde auch mit Steinen und Muscheln getauscht. Das Mahlen des Getreides war kräfte- und zeitaufwändige Arbeit. Bis zu zwölf Stunden benötigten die Frauen täglich, um genug Mehl für Brot und Brei herzustellen. Bei Skeletten stellten Archäologen Abnutzungserscheinungen fest, die auf die kräftezehrende Getreideverarbeitung zurückzuführen sind.

Safia Lachheb, Schülerin der 6. Klasse, hat einen besonderen Grund für die Teilnahme am Erlebnisabend: Sie nimmt das Thema gerade in Geschichte durch. „Mehl mahlen habe ich mir schwerer vorgestellt“, sagt sie, nachdem sie es einmal ausprobiert hat. „Mit Kraft schafft man es aber ganz gut. Doch die Leute haben das ja zwölf Stunden lang gemacht, dann ist das bestimmt anstrengend. Durch den Besuch hier erhoffe ich mir eine gute Note in der nächsten Arbeit.“

Die Ernährung war nicht so einseitig wie die der Sammler und Jäger, da die Bandkeramiker Brot und Käse auf Vorrat herstellten. Fleisch aßen sie frisch oder räucherten und dörrten es für den Winter. Auch die Würzkraft von Kräutern war ihnen bekannt.

Doch wie schmeckte steinzeitliches Essen? Hannelore Stuckart bot jedem Teilnehmer selbst gebackene kleine Fladen mit Honig und Käsecreme mit Bärlauch an. Anschließend demonstrierte sie, wie mit Zunderschwamm - ein Baumpilz, der in dünne Scheiben geschnitten wird - Feuerstein, Stroh und Luft ein Feuer gemacht wird. Die Glut eines erloschenen Feuers wickelten die Menschen in Blätter und packten sie in Behälter aus getrockneter Birkenrinde - somit konnten sie sie über drei bis vier Stunden transportieren.

Feuerstein wurde aber nicht nur zum Anfachen der Flammen verwendet: Da er geschlagen und nicht geschliffen wird, hat er eine sehr scharfe Kante, mit der man sogar Leder schneiden kann. Das konnten die Besucher selbst ausprobieren und waren sehr überrascht, wie leicht sich das Leder durchtrennen ließ.

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