Als Flaneur im Schlossgarten

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Elegante Damen in barocken Gewändern lustwandeln ab und an im Schlossgarten: Der Verein der Museumsfreunde bezieht den Park immer mal wieder bei Veranstaltungen mit ein.

Dieburg ‐ Ananas aus dem Schlossgarten? Was heute als Witz erscheint, kann im 19. Jahrhundert durchaus gräfliche Tafeln geziert haben. Das Ananashaus des Freiherrn von Groschlag wurde mit einem Öfchen beheizt. Über die Erntemenge ist allerdings nichts überliefert. Von Lisa Hager

Der Schlossgarten ist heute hauptsächlich als „grünes Hinterzimmer“ des gleichnamigen Heimatfestes bekannt. Dass er zwischen seinen Bäumen und Hecken interessante „Histörchen“ verbirgt, ist nicht so weit verbreitet. Die Dieburger Museumsfreunde hatten schon einige Male die „Hoch-Zeiten“ des Schlossgartens wiedererweckt: Da wandelten Damen in Barock-Gewändern durch die Lindenallee, Christian Eidenschink und Peter Maack stellten im Zwiegespräch als Freiherr Groschlag und aufmüpfiger Gärtner Szenen nach.

Zwischen 1699 und 1799 ließen die Freiherren von Groschlag südlich von Dieburg - die Stadt hatte um die 2 000 Einwohner - einen repräsentativen Park anlegen. Johann Philipp Ernst von Groschlag hatte 1687 die südlich von Dieburg liegende Mühle und das dazugehörige Gelände „auf der Stockau“ gekauft und mit dem Bau des Schlosses begonnen.

Der Plan des kurfürstlichen Geometers Josef Mantel aus Aschaffenburg zeigt die Groschlag'sche Parkanlage im Jahre 1789. Ausgehend vom Schloss Stockau (Mitte) folgen die Rasenparterre und die Alleen der barocken Partie. Die Hauptachse lenkt den Blick zum Obelisken (oben). Die Querachse bilden Hauptlindenallee und Trapezteich. Unten im Vordergrund sind die ausgedehnten Nutzgärten zu sehen. Die englische und anglo-chinesische Partie (links und oben) gehörten zu den frühesten Gärten diesen Stils in Deutschland.

Sein Sohn Karl Friedrich Willibald von Groschlag war von den Ideen der Aufklärung begeistert. Er verwirklichte seine Philosophie in der englischen und anglo-chinesischen Anlage des Schlossgartens. Zudem versuchte er, die großen Denker der Zeit um sich zu scharen. Und so kam es, dass Johann Wolfgang von Goethe eine Silvesternacht hier verbracht hat. Allerdings soll er von der Verpflegung nicht besonders angetan gewesen sein.

Aktuell ist mit 4,5 Hektar nur noch ein kleiner Teil der im 18. Jahrhundert 25 Hektar großen Parkanlage vorhanden. Wo sich heute die Schrebergärten Richtung der alten B 26 anschließen, lagen damals die Nutzgärten der Familie Groschlag.

Der Großteil des Gartens aber sollte dem „Lustwandeln“ dienen. Den Flaneur wollte man mit Sicht- und Lichteffekte überraschen, immer wieder neue Perspektiven bieten. Geschickt ins Grün eingebettet waren Statuen und Gebäude. Tempel, Lusthäuser und sogar eine antik anmutende Ruine schmückten den englischen Landschaftsgarten, der zu den frühesten Parks dieses Stils in Deutschland gehörte. Die Kunstruine, die Altenau, stand nordöstlich des Obelisken. Sie sollte mit ihren drei Bögen an ein römisches Triumphtor erinnern. Man vermauerte in ihr einen echten antiken Grabstein. Sie sollte möglicherweise auch an die römische Bedeutung Dieburg erinnern, die damals wiederentdeckt wurde.

Ionischer Tempel als Blickfang

Es gab aber auch Bereiche, die im französischen, holländischen und sogar anglo-chinesischen Stil angelegt waren. Dazu gehörte ein chinesisches Gartenhaus mit einem Hügel und einem See samt Bogenbrücke. Das Häuschen wurde später wohl versetzt und an seiner Stelle ein türkisches Zelt errichtet. Am Rande des Wegs Richtung Gundernhausen stand ein dreieckiges Lusthaus. Ein ionischer Tempel bildete einen weiteren Blickfang.

Erhalten ist die barocke Partie mit dem Obelisken als „Point de Vue“, der auf dem jetzigen Konviktsgelände steht. Immer wieder wurde in modernen Zeiten überlegt, die Sichtachse freizumachen. Diese Pläne ruhen, da die Zukunft des Geländes im Ungewissen liegt, nachdem die Rochus-Stiftung ihr Vorhaben, dort ein Seniorenheim zu errichten, verworfen hat.

Zum Politikum in Dieburg wurde vor 13 Jahren die Fällung der alten schief gewachsenen („schepp“) Lindenallee. Mit der Neupflanzung wollte man den historischen Zustand wieder herstellen: Inzwischen sind die Linden wie gewünscht weitgehend zu einer „grünen Mauer auf Stämmen“ herangewachsen, wie sie stellvertretender Gartenamtsleiter Dirk George bezeichnet.

Beim Ausbaggern Teile von Skulpturen gefunden

Historische Szene: Karl Friedrich von Groschlag (Christian Eidenschink, links) im Gespräch mit seinem Gärtner (Peter Maack).

In der Verlängerung der Lindenallee stand einst ein Rundtempelchen, das später abgerissen wurde. Auch der Trapezteich wurde im Jahr 2000 nach historischen Plänen saniert - bei allen Pflanzungen und Veränderungen im Park hat übrigens der Denkmalschutz mitzureden. Die dortigen Linden sollten ähnlich „geformt“ werden wie die der Hauptallee. Die Idee scheitert allerdings an der Praxis: Auf der einen Seite ist nicht genügend Platz für die schweren Maschinen, die für den aufwändigen Beschnitt nötig wären, auf der Seite zum Trapezteich hin ist die Böschung zu abschüssig. „So werden die Bäume jetzt kandelaberartig wie Platanen geschnitten“, sagt George. Dennoch sollen sie einmal eine Art grünen Tunnel bilden.

Der Trapezteich selbst hat einiges aus der Vergangenheit hergegeben: Beim Ausbaggern wurden Teile von Skulpturen gefunden, die einst die Rondelle des Parks zierten. Der heutige Holzpavillon erinnert an seinen steinernen achteckigen Vorgänger.

Nachdem die Groschlags ausgestorben waren, geriet auch der Schlossgarten immer mehr in Vergessenheit. Das Schloss wurde mehrfach verkauft und 1853 schließlich abgerissen. Die Anlage wurde nicht mehr gepflegt. Viele der Bäume fielen der Holzgewinnung zum Opfer. Der letzte Privatbesitzer, Freiherr von Brüselle, verkaufte die Anlage 1863 schließlich an die Stadt.

Die „Hoch-Zeit“ des einst fürstlichen Lust- und Landschaftsgarten war passé.

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