Der Flughafen ist die Königsdisziplin

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Ausbilderin Tanja Kohl von der Hessischen Blindenführhundschule „Blickpunkt“. Die beiden Hunde auf dem Foto sind bereits im Ruhestand und gehören auf Dauer zur Familie.

Dieburg - Mit der Erziehung von Hunden sei es wie mit der von Kindern, sagt Tanja Kohl: „Manche Menschen sind damit schlicht überfordert. “ Sie schaut dabei an der Leine herab, am anderen Ende Maja: Der Vierbeiner mit dem bienigen Namen war solch ein Fall. Von Jens Dörr

„Überforderte Leute haben uns Maja geschenkt“, schildert Kohl, wie die elf Monate alte Labrador-Retriever-Hündin zu ihnen kam. „Ihnen“, das sind Tanja und Andreas (beide 43) Kohl sowie vier externe Trainer – das Team der Hessischen Blindenführhundschule „Blickpunkt“. Sie ist seit etwa einem Jahr in der Dieburger Römerstraße zuhause und laut Kohl die einzige ihrer Art in Hessen.

Das Hauptgeschäft bilden eindeutig – wie es der Name der Schule schon nahelegt – die Blindenführhunde. Aber auch mit der Ausbildung von Therapie- und Filmhunden, mit einer Hundeschule, Büchern und Produkten rund um des Menschen besten Freund können die Kohls dienen. Bis zu drei Hunde haben sie meist gleichzeitig in der Ausbildung, zehn bis zwölf kann das Team pro Jahr zum fertigen Begleiter blinder Menschen machen. Davor aber sind viel Arbeit und Geduld gesetzt.

Am Anfang steht Haushunde-Erziehung

Labradore eignen sich besonders gut als Blindenführhunde. Maja etwa kam im Alter von zwölf Wochen zu den Kohls, hat seitdem viel gelernt, wird mit etwa anderthalb Jahren ausgebildet sein. Am Anfang steht die Haushunde-Erziehung. Bis die blindenhundspezifische Arbeit am Bügel beginnt, dauert es etwa ein halbes Jahr. Dann stehen während der Ausbildung ein Führgang täglich sowie mehrere Spaziergänge auf der Agenda.

Die Aufgaben sind unterschiedlich, sämtlich jedoch auf den Bedarf blinder Menschen ausgerichtet. Maja lernt etwa das Anzeigen des Bordsteins, damit der Blinde nicht stolpert. Sie lernt – zunächst an der Leine, später am Bügel – Kommandos wie „voran“ oder „stopp“, wird später via Bügel auf Gefahren wie Abgründe oder Ampeln aufmerksam machen. Die Schwierigkeit der Trainingsumgebung steigert sich von Gewerbegebieten über ruhige Wohngebiete und Klein-städte bis hin zum Trubel einer Großstadt wie Frankfurt. „Der Flughafen ist die Königsdisziplin“, weiß die Hundetrainerin.

Erhöhter Stress

Kohl erläutert auch, dass Blindenführhunde beispielsweise bei regelmäßiger Arbeit in Frankfurt erhöhtem Stress ausgesetzt sind – und sich damit auch die Dauer ihrer Lebensarbeitszeit reduziere. In der Regel könne ein Blindenführhund ab anderthalb, zwei Jahren bis hin zu seinem zehnten, elften Lebensjahr für Frauchen oder Herrchen da sein.

Dabei komme es auch auf den Umgang des Menschen mit dem Hund an: „Blinde, die Hunde als reines Hilfsmittel betrachten, bekommen von uns keine“, betont Kohl. Auch ein Führhund brauche Freizeit und Familienanschluss sowie Kontakt zu anderen Hunden.

Maja lässt sich die von Tanja Kohl an einer Ampel im I-Nord aufgetragene Leberwurst aus der Tube schmecken - und hat wieder etwas gelernt, was später einem blinden Menschen zugute kommen könnte.

Prinzipiell wolle zwar nur ein Bruchteil der Blinden einen Hund, dennoch habe ihre Schule ob des geringen Angebots eine lange Warteliste.

„Leider gilt das Motto ,Geiz ist geil’ auch bei den Krankenkassen“, bedauert die 43-Jährige. Während bei „Blickpunkt“ ein fertig ausgebildeter Hund 25.000 Euro koste, gebe es Billiganbieter, die zwar nur 17.000 Euro verlangten; diese garantierten aber keine qualifizierte Ausbildung, ließen keine Gespannsprüfung abnehmen und betrieben auch keine Nachsorge.

„Es geht halt auch um viel Geld“, bedauert Kohl, dass die Tierliebe dabei nicht immer groß geschrieben werde. Es gebe Schulen, die jährlich 40 bis 50 Hunde ausbildeten. Positiv hingegen seien die Bedingungen in der Schweiz, wo für einen Blindenführhund durchaus 45.000 Euro gezahlt würden.

Davon ist auch Qualitätsanbieter „Blickpunkt“ weit entfernt. Dennoch sind die Kohls mit ihrer Situation zufrieden – was auch am neuen Domizil liegt. „Zuvor hatten wir unsere Schule in Bad König, haben uns im Odenwald aber nicht wohlgefühlt. Die Nachbarn haben unsere Arbeit nicht so recht respektiert – die dachten, wir gehen nur ein bisschen mit den Hunden spazieren.“

Schwierige Immobiliensuche

In der Dieburger Römerstraße landeten sie nach einer laut Kohl sehr schwierigen Immobiliensuche. „Dass es so hart wird, in dieser Stadt etwas zu finden, hätten wir nicht gedacht.“ Einen Anteil am Umzug gehabt habe auch der Dieburger Karl Matthias Schäfer, selbst blind und inzwischen alleiniger Geschäftsführer des Frankfurter Dialogmuseums. Auch die Nachbarn erleichterten nach doch noch erfolgreicher Haussuche die „Integration“ des aus Wiesbaden und Darmstadt stammenden Ehepaars. Die Bewohner der Römerstraße luden sie sogleich zum Straßenfest ein.

„Dieburg gefällt uns vom Menschlichen her sehr gut“, freut sich Tanja Kohl denn auch. Die Arbeit wird dadurch nicht weniger, für die Trainingseinheiten im Gewerbegebiet und auch ins Feld hat sie es dafür von der Römerstraße aus nicht allzu weit. Morgens um sieben Uhr geht es mit fünf Hunden an der Leine los – neben den Ausbildungshunden halten die Kohls privat auch noch drei in die Jahre gekommene Labradore. Im späteren Tagesverlauf sind je ein Ausbildungs- und ein Privathund dann paarweise unterwegs.

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