Fußball aus Zeitungspapier

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Kaum vorstellbar, dass sich Kinder in Deutschland und damit in einem der reichsten Länder der Erde einen Fußball selbst basteln müssen. Dies gehört zu einem pädagogischen Projekt, das derzeit in der Kita St. Martin läuft.

Dieburg ‐  Grausam, grotesk - man könnte viele Bezeichnungen für jemand finden, der Kindern ihr Spielzeug wegnimmt. In der Kita St. Martin haben das die Erzieherinnen gerade für zwei Wochen gemacht. Was nach einem Versuch aussieht, entpuppt sich als pädagogisches Konzept.  Von Michael Just

Für das Projekt „Papilio“ gibt es eine mehrstündige Ausbildung vom Kreis. „Unter dem Motto ,spielzeugfrei' wollen wir späteren Sucht- und Gewaltproblemen vorbeugen“, sagt Leiterin Christiane Bubach. Doch wo ist der Zusammenhang? „Es gilt, sich in einer schwierigen Situation nicht hängen zu lassen und Auswege und Alternativen zu finden“, erläutert die Erzieherin. „Papilio“ (lat. Schmetterling) wurde zuvor mit den Eltern abgesprochen und dann den Kindern langsam näher gebracht. Mit einem Brief „Das Spielzeug braucht Urlaub“ trat der Wendepunkt ein: Alle Fahrzeuge oder Bauklötze wurden gemeinsam weggeräumt. Nur ein paar Malstifte blieben übrig.

Was nach „Schock-Therapie“ klingt, bilanziert Bubach nach der ersten Woche bereits mit positiven Erfahrungswerten. „Viele Kinder wussten zwar zunächst nicht, was sie jetzt machen sollen“, sagt sie mit Blick auf den in der Regel konsumverwöhnten Nachwuchs unserer Gesellschaft.

Kontakte werden ohne Spielzeug intensiver

Dann stellten sich aber die anvisierten Erfolge ein: Die sozialen Kontakte der Kinder untereinander wurden enger, Hilfsbereitschaft und Rollenspiele stiegen, Aggressionen gingen zurück. Plötzlich spielten Kinder, die vorher nie zusammen gesehen wurden. „Wer nichts besitzt, rückt menschlich näher zusammen“, sagt Bubach - eine Erfahrung, die heute oft nur noch ältere Deutsche aus den Kriegsjahren kennen. Wie die Leiterin schmunzelnd einräumt, hätten in den letzten Tagen allerdings „Schmuggelaktionen“ bezüglich Spielzeug von zuhause zugenommen. Das zeige, dass Kinder zu sehr von äußeren Impulsen abhingen. Auch hier setze das Förderprojekt an.

Komplett ohne Spielzeug müssen die Kinder aber nicht auskommen: Sie dürfen sich selbst welches basteln - ein Puzzle oder einen Fußball. Für letzteren gibt es Zeitungspapier, Kleister sowie quadratische Lederbögen.

Aus Palisaden werden Indianderzelte

Aus Pappkartons entstanden kleine Häuser zum Reinkrabbeln und im Garten wurde ebenfalls improvisiert: aus ausrangierten Palisaden entstanden Indianerzelte.

Nach der Aktion soll es künftig jede Woche einen spielzeugfreien Tag geben. Dazu sind in den nächsten Monaten noch zwei weitere „kindorientierte Maßnahmen“ geplant, wo es zum einen um Gefühle und zum anderen um (Spiel-)Regeln geht. Der selbst gebastelte Fußball aus Papier und Lederfetzen steht für Bubach sinnbildlich für den Erfolg von Papilio: „In Brasilien kicken die meisten Kinder mit einem Fußball gleicher Machart und trotzdem ist das Land erfolgreich bei der WM.“

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