Sie ist das Gedächtnis der Alfred-Delp-Schule

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Schulleiterin Renate Stiebing (l.) kann sich die ADS ohne Sigrid Weber gar nicht vorstellen.

Dieburg ‐ Wer einst über die Flure der Dieburger Alfred-Delp-Schule wandelte, der weiß: Er hatte keine Chance. Keine Chance zum Schwänzen des Unterrichts zumindest – denn sie wusste alles: Sigrid Weber. Von Jens Dörr

Welcher Schüler zu welcher Stunde bei welchem Lehrer zu sitzen hatte, war und ist ihr noch immer bei den aktuelle Schülern jederzeit präsent: „Wenn mich heute ein ehemaliger Schüler besucht, kann ich dem manchmal noch sagen, wo früher sein Platz in der Klasse war“, sagt Weber von sich selbst. Das brillante Gedächtnis wird der Mathe-, Physik- und Informatik-Lehrerin niemand abstreiten, nicht einmal ärgste Feinde. Von denen Weber trotz nun 40 Jahren im Schuldienst aber kaum welche haben dürfte: Weber blieb und bleibt immer Mensch, behält diese Ausstrahlung gar, wenn sie über Schaltkreise und binomische Formeln spricht. „Frau Weber macht mehr als nur Unterricht“, sagt auch ADS-Leiterin Renate Stiebing. Sie ist voll des Lobes, wenn sie über die 66-Jährige redet, und das wirkt zu keiner Zeit geheuchelt.

Stiebing kann auch jetzt, da Weber eigentlich die wohlverdiente Pension genießen könnte, nicht auf sie verzichten: „Sie ist das Gedächtnis der Alfred-Delp-Schule.“ Denn Weber kümmert sich an der Schule federführend um die Übergänge von der Mittelstufe in die elfte Klasse. Drei Zubringerschulen gilt es da in jedem Jahr zu berücksichtigen, außerdem 200 weitere Einzelbewerbungen. Aus Stockstadt oder Mainaschaff kommen die manchmal, alle wollen an die Dieburger ADS, der ein sehr guter Ruf als Schule mit campusartigem Flair vorauseilt.

120 Schüler wurden in diesem Sommer abgelehnt, obwohl die elfte Klasse nun schon 13 statt elf Stammgruppen hat. 300 Schüler nahm die Schule unter Webers Führung neu auf, hinzu kamen etwa 20, die die elfte Klasse an der ADS wiederholen.

Seit 1969 ist sie im Staatsdienst

Seit 1985 koordiniert Weber diese Aufgabe, ist fraglos ein Urgestein der Dieburger Schullandschaft: Am 1. März 1969 – das exakte Datum kommt bei der Lehrerin natürlich wie aus der Pistole geschossen – trat sie in den Staatsdienst ein, hatte zuvor Mathematik und Physik an der TH Darmstadt studiert. Das Abitur machte die Dieburgerin 1963 in der Goetheschule. In den Schulen war sie zunächst als Referendarin unter anderem in der Max-Planck-Schule in Groß-Umstadt tätig, es folgte ein Abstecher von sechs Monaten Dauer an die Schumann-Schule Babenhausen. Von 1971 bis 1974 lehrte Weber an der Dieburger Goetheschule, wo sie ein Jahrzehnt zuvor noch selbst die Schulbank gedrückt hatte. Dann ging die sympathische Frau an die ADS, an der 1973 der Unterricht begann und die sich 1974 auch räumlich von der Goetheschule trennte. „Die ersten Abiturienten haben wir dort 1977 verabschiedet“, erinnert sich die studierte Physikerin.

Für Sigrid Weber, die auch bei der Erstellung der Stundenpläne und dem Ausstellen der Zeugnisse involviert ist, war das Jahr 1988 ein besonderer Einschnitt: „Ab da haben wir alle Zeugnisse im Haus mit dem PC erstellt“, erzählt Weber. „Das war damals noch unüblich.“ Ansonsten sei sie froh, „nie fachfremd“ habe unterrichten zu müssen.

Auch heute noch – wo sie eigentlich schon ihren Hobbys Garten- und Handarbeit sowie Computer nachgehen könnte – ist ihr Wissen und ihre Erfahrung als Physiklehrerin gefragt in Dieburg. „Doch in ganz Deutschland gibt es eine Suche nach Physiklehrern“, weiß Weber.

Als Persönlichkeit, die man sich eigentlich gar nicht aus der ADS wegdenken mag, würde die 66-Jährige ohnehin eine unschließbare Lücke hinterlassen. „Sie macht einfach alles mit Herzblut“, lobt Schulleiterin Stiebing. Bei den Schülern und Ehemaligen hat sie vielfach ohnehin schon Kultstatus erreicht. Bezeichnend für ihr Wesen ist, dass Weber – obwohl mit der Mathematik bestens vertraut – im Sommer noch nicht einmal wusste, wie hoch ihre Pension ausfallen würde. Das Schulgeschäft am Laufen zu halten, hatte Vorrang – in ihrer Position auch in den Sommerferien ein Vollzeit-Job. Gefehlt hat Weber in 40 Berufsjahren trotz Problemen mit der Hüfte nur sage und schreibe zweimal. Ein Vorbild an Beständigkeit durch und durch – und an Bescheidenheit trotz des Geleisteten sowieso. Anstatt über sich zu sprechen, denkt Weber in erster Linie immer an die Delp-Schüler: „Eine große Freude für mich ist es, wenn ich sehe, dass ein großer Prozentsatz weiterkommt.

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