Gedankenstein erinnert an die jüdischen Familien Dieburgs

Der Dieburger Bildhauer Martin Konietschke hat den „Gedankenstein“ - hier das Gipsmodell - entworfen.Foto: Patrick Liste

Dieburg -  Eine Familie geht fort. Alle sind solide gekleidet, der Vater trägt Koffer und Regenmantel, die Mutter feste Schuhe und einen Rucksack.

Aber wohin geht die Reise der vier Personen, von denen nur das kleine Kind auf dem Arm der Frau zurückblickt - dem Betrachter ins Gesicht? „Als ich gefragt wurde, ob ich die Gedankentafel gestalten könnte, kam mir sofort dieses Bild in den Kopf“, sagt der Dieburger Künstler Martin Konietschke und deutet auf die Szene des Gipsmodells. Es könnte etwas ganz Alltägliches sein, was die Tafel zeigt, einen Ausflug, einen Aufbruch in die Ferien. Tatsächlich aber ist es ein Abschied für immer: Die jüdische Familie geht ihrem Untergang entgegen.

Damit man die Tatsache nicht ignorieren kann, hält das Kleinkind Blickkontakt zum Betrachter. „Zur Reliefmitte scheinen sich die Figuren fast aufzulösen“, erklärt der Bildhauer weiter. Ein Andeutung dessen, was mit den Menschen geschehen wird.

Dieses Relief soll bis Herbst - soweit die Planung - als „Gedankenstein“ aus Bronze in der Nähe der jetzigen Gedenkstätte im Fechenbachpark als Erinnerung an die jüdischen Familien Dieburgs aufgestellt werden. Die Rückseite will Konietschke mit zentralen Strophen der „Todesfuge“ von Paul Celan gestalten. Um den Sockel läuft ein Fries mit den Namen, Geburts- und Sterbedaten der aus Dieburg deportierten Juden.

Die Idee geht auf die Dieburger Michael Maschek und Ulrich Schanze zurück. Die Beiden hatten zuerst die bereits in anderen Städten realisierten „Stolpersteine“ zum Gedenken an jüdische Familien nach Dieburg holen wollen. Da aber das Projekt auch innerhalb der jüdischen Gemeinde Deutschlands nicht unumstritten sei, habe man es schließlich aufgegeben. „Und da kam uns die Idee mit dem Gedankenstein“, sagt Maschek. Die beiden privaten Initiatoren - sie haben im Freundeskreis noch weitere Mitstreiter - arbeiten eng mit Stadtarchivarin Monika Rohde-Reith zusammen, die für Anfang September die Ausstellung „Jüdisches Leben in Dieburg“ im Museum mitvorbereitet. „Es wäre natürlich ideal, wenn der Gedankenstein um diese Zeit dann auch schon stehen würde“, sagt Schanze.

Der Magistrat der Stadt hat das Projekt und die Aufstellung im Park genehmigt. Die Stadt wird die Herstellung des Fundaments übernehmen. Für die eigentliche Finanzierung des über mannshohen Bronzereliefs - geschätzte Kosten: 35 000 Euro - werden Sponsoren gesucht. „Wenn sich jeder Bürger beteiligen würde, wären das fünf Euro pro Bürger“, rechnet Maschek vor. Wer sich beteiligen möchte, kann sich gerne bei ihm ( 06071/81 83 1) oder Ulrich Schanze ( 06071/82 32 70) informieren.

Ein Spendenkonto ist bei der Sparkasse Dieburg unter dem Stichwort „Gedankenstein - jüdisches Leben in Dieburg“ eingerichtet: BLZ 508 526 51, Konto-Nr. 320 957 39.

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