Vom Gegenwind zerzaust

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Ein in sich versunkenes Tango-Paar im grellen Lichtkegel.

Dieburg ‐  „Unterwegs“ ist Martin Konietschke - das ist für ihn als Künstler aber der Normalzustand. Ob zuhause im Steinweg oder auf Reisen: Von äußeren Bedingungen lässt sich der Dieburger Bildhauer und Maler nicht allzu sehr beeinflussen. Erstens geht es ihm hauptsächlich ums „innerlich Unterwegssein“. Und zweitens hat er sein „Atelier“ sowieso fast überall dabei. Von Lisa Hager

Ich reise eigentlich immer mit Staffelei, Pinseln, ein paar Farben. Manchmal nehme ich sogar meine Ausrüstung zum Modellieren mit“, sagt er bei einer Führung durch die derzeitige Sonderausstellung im Museum Schloss Fechenbach.

Die Vorarbeiten zum „Cellisten“ beispielsweise entstanden während eines Arbeitsaufenthalts bei den Schleswig-holsteinischen Festspielen. „Ich wurde dazu eingeladen, während der Proben und Aufführungen zu zeichnen“, erzählt er. Das Modell der späteren Bronzefigur hat er dann nach jedem Arbeitsgang zum Trocknen aufs Dach gestellt. So konnten die Künstler immer mit verfolgen, wie weit er war. „Die waren ganz neugierig“, sagt er. „Das war für beide Seiten spannend.“

Figuren trotzen den strengen Witterungen

Musiker und ihr Instrument - ein Spannungsbogen, der Konietschke interessiert. Sein „Holzbläser“ ist bewusst kein „Klarinettist“ - darauf wollte er sich nicht festlegen. Und bewusst hat ihn Konietschke von hinten gemalt - damit es das Instrument ist, auf das der Betrachter sein Hauptaugenmerk richtet.

Mit viel Gegenwind haben seine Figuren zu kämpfen, wenn sie unterwegs sind, an einem einsamen Strand oder auch zu zweit, wenn sich der Regenschirm umstülpt im Sturm. Sie trotzen aber den Unbilden der Witterung mit einer teils selbstbewussten, teils auch resignierten Haltung. „So ist es eben, das Leben“, scheinen sie zu denken. „Nicht immer pures Zuckerschlecken.“

Die Verlierer stehen im Mittelpunkt

Der Mann im Wind am Meer vor einem gebogenen Horizont trotzt der Natur und scheint sich dennoch gut in die Umgebung einzufügen.

Apropos Wind: Auch auf einem Kreuzfahrtschiff war Konietschke schon als „Bordmaler“ dabei. Als sie in schwere See kamen, musste er seine Staffelei anbinden, um weitermalen zu können. „Die meisten Passagiere hatten in dem Moment aber keinen Blick dafür, sie haben derweil den Gott der Keramik angebetet“, erzählt er schmunzelnd.

Nicht die Glamourösen und Perfekten interessieren Konietschke, für den immer der Mensch im Mittelpunkt steht. Es sind die Verlierer, die er mit Sympathie, aber auch einer leicht ironischen Distanz betrachtet. Fasziniert hat ihn beispielsweise in Argentinien der alte Tango-Sänger, der sich immer noch im Rampenlicht verdingen muss, obwohl seine Zeit schon längst abgelaufen ist.

Kunst und Humor gehören zusammen

Ein besonderes Verhältnis hat Konietschke nicht nur zur Musik - er hat auch schon ein Opern-Libretto geschrieben, sondern auch zum Tanz, besonders zum lateinamerikanischen. So gehört das großformatige Bild eines Tango-Paars im leuchtend gelben Lichtkegel zu den eindrucksvollsten Bildern der Ausstellung.

Eine gehörige Prise Humor gehört bei dem Preisträger des Georg-Lichtenberg-Preises 2009 immer dazu. Er ist der festen Überzeugung, dass sich Kunst und Humor nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar bedingen sollten. „In Barcelona gibt es ein fabelhaftes Picasso-Museum“, erzählt er. „Man kommt dort aus dem Lachen nicht mehr heraus.“

Nächstes Jahr soll alles rausgeräumt werden

Die Sonderausstellung mit Werken Martin Konietschkes ist im Museum Schloss Fechenbach noch bis 26. Januar zu sehen.

Neben Bronzeplastiken und Acrylbildern zeigt Konietschke Graphitzeichnungen - Porträts von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten. Darunter sind Walter Renneisen (das Porträt entstand sinnigerweise am 11.11. in Konietschkes Atelier), aber auch der Dieburger Fritz Mayer. Porträts gelingen nicht immer auf Anhieb, räumt er ein und erzählt von einer Bekannten, die ihm Modell gesessen hatte. „Das ging in die Hose“, sagt er. „Sobald ich zu ihr hingeschaut habe, hat sie automatisch gelächelt.“ Dabei interessiert ihn das „innere Porträt“, nicht das pure Abbild. Der Porträtierte muss aber auch bereit sein, etwas von diesem inneren Menschen preiszugeben.

2011 hat Konietschke eine große Ausstellung in der Stadthalle und Säulenhalle von Groß-Umstadt vor. „Da habe ich endlich mal Platz, alles zu zeigen, was ich habe, da räume ich alles raus.“ „Dann können Sie ja auch Ihr Atelier mal richtig durchputzen“, meint eine Dieburger Besucherin pragmatisch.

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