Zwei Zimmermänner pflegen fast ausgestorbene Tradition

Gesellen auf der Walz

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Thilo Juhnke (rechts) und Simon Paulus in Dieburg.

Dieburg - Nicht nur kleine Kinder drehen sich neugierig um, als Simon Paulus und Thilo Juhnke durch die Fußgängerzone gen Marktplatz streben. Von Jens Dörr

Kein Wunder, echte Wandergesellen sieht man heutzutage nur noch selten. „Nur jeder tausendste Handwerker, der fertig ist mit seiner Ausbildung, macht das laut Statistik noch“,verrät Juhnke. Er hat den Schritt gewagt, ist mittlerweile schon seit mehr als einem Jahr nonstop unterwegs. Gepäck trägt er keins bei sich, außer einem kleinen Bündel. „An Kleidung haben wir nur dabei, was wir anhaben“, sagt der 24-Jährige.

Wanderjahre

„Tippelei“ nennen die zünftig reisenden Wandergesellen selbst ihre traditionelle Wanderschaft im Handwerk. Mehr Informationen und Links zu dieser Tradition in Trachten finden Sie hier sowie unter dem Schlagwort „Wanderjahre“ auf wikipedia.de.

Obwohl Paulus mit seinen 26 Lenzen älter ist als Juhnke, ist er als Wandergeselle auf der Walz noch ein Frischling: „Seit drei Wochen bin ich jetzt unterwegs, Thilo führt mich ins Wandergesellen-Dasein ein.“ Das sei üblich so, dass ein Ex-Lehrling, der schon länger auf Wanderschaft ist, einen „Neuen“ daheim abhole und zu Beginn begleite. Da wird auch das Wandern unterhaltsamer, legen die beiden an manchen Tagen doch rund 40 Kilometer per pedes zurück.

Der Sinn ist allerdings ein anderer: „Wir wollen – so ist es auch Sinn der Tradition – die Handwerkskunst in anderen Regionen Deutschlands und des Auslands kennen lernen“, erklärt Juhnke. Wie Paulus hat er eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht, schaut nun überall den Meistern über die Schultern. „An manchen Orten arbeiten wir dann einige Wochen lang mit, lernen so weiter dazu“, sagt Juhnke, der aus der Nähe von Heilbronn stammt. Er sei im ersten Jahr schon in Schweden, Norwegen, Dänemark, Frankreich, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Luxemburg gewesen. Dann hat er Paulus in dessen Heimatort im Fichtelgebirge abgeholt.

Ein Abenteuer für beide ist das Dasein als Wandergeselle, das vor einigen Jahrzehnten aus der Mode gekommen ist, auch noch aus diesem Grund: Sie reisen ohne Geld in der Tasche. „Nur wenn wir irgendwo arbeiten, werden wir nach Tariflohn bezahlt“, so Paulus. Ansonsten sei man auf die Freundlichkeit der Menschen angewiesen, bislang habe es ganz gut geklappt. „Obwohl man mancherorts auch abgewiesen wird“, sagt Juhnke.

Mit Paulus könnte er sich auch vorstellen, nun einige Zeit in Dieburg zu bleiben. „Ein nettes, etwas verschlafenes Städtchen“, ist Juhnkes erster Eindruck. Paulus sind auf den ersten Blick die Fachwerkhäuser aufgefallen.

Die werden indes nicht das letzte Neue sein, was beide auf der Walz sehen. Exakt drei Jahre und einen Tag lang werden die Zwei – so sie durchhalten - unterwegs sein. Für Menschen mit Heimweh eignet sich das Leben als Wandergeselle übrigens nicht: Ihrem Heimatort dürfen sie sich während der drei Jahre auf maximal 60 Kilometer nähern.

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