Gewalt im Mini-Harem

Dieburg ‐  Es kommt am Dieburger Amtsgericht nicht alle Tage vor, dass massive Polizeipräsenz eine Verhandlung absichert. Am Donnerstag war das so: Unter Beisein mehrerer Beamter verhandelte das Schöffengericht unter Leitung von Richter Dr. Gerd Oefner einen Fall, in dem es - oberflächlich betrachtet - um Bedrohung, Freiheitsberaubung und gefährliche Körperverletzung ging. Von Jens Dörr

Vor allem wegen Letzterer wurde ein 32-jähriger in Dieburg lebender Kurde zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt sowie zu 100 Arbeitsstunden und Kontaktverbot zum Opfer. Die Prozessbeobachter tauchten in eine bizarre, patriarchalische Welt ein, in der Frauen wenig wert sind.

Das erste Mal spricht das 24-jährige Opfer auf Deutsch, als es dem Gericht seine Narben zeigt. Bis zu diesem emotionalen Moment hat eine Übersetzerin die Worte der Kurdin übertragen. Die Frau krempelt den Ärmel hoch und zeigt einen verheilten Schnitt, hebt ihre Stimme, bleibt ansonsten aber relativ gefasst. Erstaunlich, denn nur wenige Meter entfernt sitzt der Mann, der mit ihr vier Kinder zeugte - nach ihren Angaben drei davon gegen ihren Willen - und ihr ein jahrelanges Martyrium bereitete.

Täter A., der seit 1994 in Deutschland lebt, hatte Y. vor einigen Jahren über eine Schlepperbande in die Bundesrepublik bringen lassen. In der Türkei hatten sich A. und Y. kennen gelernt, der offenbar charmant daherkommende A. machte damals Eindruck auf Y., die ihm freiwillig folgte. Zumindest aus westeuropäischer Sicht brisant: A. war bereits verheiratet, ist es auch heute noch und hat mit seiner Ehefrau fünf Kinder. Hinzu kam nun Y. als Geliebte, die alsbald ihre eigenen Räume in der Wohnung in einem Dieburger Außenbezirk erhielt, wo A. mit seiner Frau lebte. Weder für Frau noch Geliebte ein Problem, wie selbst das Opfer sagt. Obwohl A. unverhohlen mit beiden geschlechtlich verkehrte - auf wen er gerade Lust gehabt hätte und wer nicht gerade im Krankenhaus zum Entbinden eines Kindes gewesen sei, wie sowohl Opfer als auch Täter angaben.

Am Ende gesteht A. die Vorwürfe

All das wäre vermutlich heute noch so, hätte A. noch mehr Kinder als die fünf von seiner Frau und die vier von seiner Geliebten, würden Ehefrau und Geliebte - die er auch vor einem Imam heiratete - noch heute unter einem Dach leben. Doch dann kam Gewalt hinzu: Sei Y. anfangs noch nicht misshandelt worden, wurde es bald immer schlimmer. „Wenn ich dich an den Haaren packe, kann ich dich besser schlagen“, zitierte Y. ihren Peiniger. Er soll sie immer wieder geschlagen und gegen ihren Willen sexuell mit ihr verkehrt haben.

Verhandelt wurde der Fall, der zur Flucht von Y., die heute in einem Frauenhaus lebt, mit ihren Kindern führte: A. soll ein Küchenmesser gegen den Hals seine Opfers gerichtet und sie mit dem Tod bedroht haben. „Aber ich will nicht, dass du tot bist, sondern ich werde dich quälen, ich werde dich nicht in einem Zug töten“, soll A. dann gesagt haben. Im Anschluss prügelte er mit einem Holzstuhl auf Y. ein, packte sie an den Haaren und schleuderte sie von einer Wand zur anderen. Er schmiss sie auf den Boden und trat mit seinen mit Hausschuhen bekleideten Füßen nach ihr, schlug mit Händen und einem Schlüssel auf ihren Kopf. Die ausgerissenen Haare sind nachgewachsen, die seelischen und körperlichen Narben noch heute sichtbar.

Am Ende rückt A. von seinen Lügen ab und gesteht die Vorwürfe weitgehend. Y. hält ihm vor, er bedrohe sie noch heute mit dem Tode. Er habe gesagt, er gebe erst Ruhe, wenn er vier Frauen und 20 Kinder habe. Die dritte Frau sei bereits in Deutschland, sitze in einer Wohnung in Groß-Zimmern. Das sagt das Opfer auf Deutsch - die Sprache hat sie erst im Frauenhaus gelernt.

Rubriklistenbild: © dpa

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