„Es gibt nicht genug sozialen Wohnungsbau“

2 000 für den Ausbau des Gruppenraums im Obdachlosenheim des Dieburger Vereins „Horizont“ übergaben Dr.-Ing. Hellwig Kamm (links) und Frank Sudhoff (rechts, beide „proaktivHaus“) an Ulrich Freitag (zweiter von links, Michael Diener (Mitte) und Roswitha Nitsche. - Foto: Dörr

Obdachlose: Auch in Dieburg ist die Lage problematisch. 2 000 Euro für das „Horizont“-Haus in Reinheim. Von Jens Dörr

Dieburg - Im Frühjahr schrieb die Stadt Dieburg die Planung von zehn Sozialwohnungen à 45 Quadratmeter aus, die an der Ecke Minnefelder Seestraße/Marienkreisel gebaut werden sollen. Während nicht jeder begeistert ist, wenn derlei Wohnungen in seiner Nachbarschaft entstehen, kommen solche Vorhaben beim Dieburger Verein „Horizont“ gut an: „Horizont“ mit seinen rund 50 Mitgliedern und 30 Mitarbeitern macht sich um die lokale Gesellschaft etwa mit seiner ambulanten Beratungsstelle, den Frauen- beziehungsweise Männerunterkünften „Notwaende“ und „Horizont-Haus“ sowie in Darmstadt mit Hilfen in der Betreuung von Obdachlosen verdient.

An Menschen ohne Dach über dem Kopf sind Geschäftsführer Ulrich Freitag und seine Mitarbeiter also so nah dran wie sonst kaum wer. Und Freitag sagt deutlich: „Es gibt nicht genug sozialen Wohnungsbau.“ Auch in Dieburg sei die Lage problematisch.

Obdachlosigkeit sei in der Regel nicht frei gewählt, das romantische Bild vom freiwillig durch die Republik streifenden Aussteiger treffe die große Mehrheit der Fälle nicht, erläutert auch Michael Diener, Diplom-Sozialarbeiter und Mitarbeiter des „Horizont-Hauses“ in Reinheim. Dort gibt es Platz für zwölf Menschen, die sonst auf der Straße stünden. „Es gibt den Wohnraum für diese Menschen einfach nicht“, betonen Freitag und Diener. Die scheinbar geringe Sozialverträglichkeit der Mieter sei ein Hindernis, dass von privat an Obdachlose vermietet würde. Obwohl der Staat die Miete garantiert bezahlen würde. „Jeder kann aber vermieten, an wen er will“, sagt Freitag. Da nähmen die Vermieter aber doch eher Menschen mit „normalen“ Biografien.

Letzte Rettung nicht nur im kalten Winter ist in der Region dann das vom Dieburger Verein betriebene Übergangswohnheim in Reinheim, dass es seit 2003 gibt. Um aufgenommen zu werden, sei ein „Vorstellungsgespräch“ die Voraussetzung. Zuschüsse gibt es vom Landeswohlfahrtsverband und vom Sozialamt, bei dem der jeweils um Unterkunft bittende Obdachlose zuletzt gemeldet war. Ein halbes bis zweieinhalb Jahre bleiben die Männer - Frauen haben ein separates Haus in Dieburg, auch für sie gibt es aber zu wenig Unterbringungsmöglichkeiten - in der Regel dort. Hilfeplanung und Reintegration würden ihren Aufenthalt begleiten, beschreibt Diener die Arbeit von „Horizont“ in diesem Bereich. In der Regel entwickele sich nach dem Fall in die Obdachlosigkeit und der Unterstützung in Reinheim zwar kein komplett „normales“ Leben mit Vollzeit-Job und Familie; stattdessen blieben viele auf staatliche Leistungen angewiesen. Eine gewisse Stabilisierung in den Lebensumständen finde aber statt.

Die Männer, die im „Horizont-Haus“ nach einem Dach über dem Kopf suchten, seien zwischen 18 und 70 Jahre alt. „Die Tendenz ist, dass immer mehr Jüngere kommen“, so Roswitha Nitsche, Diplom-Sozialarbeiterin und Leiterin des „Horizont-Haus“. Vielen hätten Suchtprobleme zu schaffen gemacht, auch körperliche und zunehmend psychische Probleme. Die Kreisagentur für Beschäftigung wendet sich in Härtefällen ebenso an „Horizont“ wie etwa auch die Justizvollzugsanstalt Dieburg.

Bei knappem Platz gibt es in Reinheim auch innerhalb der bestehenden Größenordnung immer viel zu schaffen. Jüngst baute „Horizont“ den Gruppenraum aus - Möglichkeit für die Bewohner, sich abseits ihrer Zimmer zu begegnen und auszutauschen. Da auch dieser gemeinnützige Dieburger Verein das Geld nicht zum Hinauswerfen mit beiden Händen hat, kam kürzlich ein warmer Regen gerade recht: Das Bauunternehmen „proaktivHaus“, mit Sitz auch in Groß-Umstadt und einem Schwerpunkt der Verkaufsaktivitäten im hiesigen Landkreis, stellte „Horizont“ 2 000 Euro zur Verfügung. Dr.-Ing. Hellwig Kamm (Technischer Leiter) und Frank Sudhoff (Gesamtvertriebsleiter und zugleich Vorstandsmitglied bei „Horizont“) überreichten in Reinheim den Scheck.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare