Ahmadiyya Gemeinde Dieburg organisiert Podiumsdiskussion im Internet

Glaube in der Zeit von Corona

Das Podium mit Dieter Schmidt, Haras Najib, Christoph Murmann und Afaq Ahmed (im Uhrzeigersinn). In der Bildmitte Abdullah Uwe Hans Peter Wagishauser.
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Das Podium mit Dieter Schmidt, Haras Najib, Christoph Murmann und Afaq Ahmed (im Uhrzeigersinn). In der Bildmitte Abdullah Uwe Hans Peter Wagishauser.

Dieburg – Was die Pandemie als Notlösung hervorbrachte, ist mittlerweile bei einigen Gemeinden der Ahmadiyya Muslim Jamaat zum Zukunftsprogramm geworden: Jeden Tag ruft der Imam mindestens zehn Gemeindemitglieder an und fragt nicht nur wie’s geht, sondern auch explizit, wo der Schuh drückt und wo es Unterstützung braucht. Das kann ein fehlender Laptop bei der Beschulung der Kinder zuhause sein oder mangelnde Platzverhältnisse beim Homeoffice.

Im Anschluss wird eine Lösung gesucht. Die bestand schon darin, dass Studenten für ein ruhiges Plätzchen zum Lernen in die Moschee kommen. Der Glaube und die Religion in Zeiten von Corona war nun Thema eines Podiums im Netz, das die Ahmadiyya Gemeinde Dieburg organisierte. Im Vorfeld lud sie mit viel Aufwand die lokale Bevölkerung mit Flyern in den Briefkästen dazu ein, das Live-Format auf YouTube zu verfolgen. Die vier Podiumsteilnehmer waren Pfarrer Dieter Schmidt von der evangelischen Kirchengemeinde Dieburg, Christoph Murmann, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats von St. Peter und Paul, Ahmadiyya-Bundesvorsitzender Abdullah Uwe Hans Peter Wagishauser sowie Afaq Ahmed, der als Imam und Theologe für den Landkreis Darmstadt-Dieburg zuständig ist. Als Moderator fungierte Haras Najib. Er hatte mehrere aufschlussreiche Fragen vorbereitet, darunter gleich die erste, wie die Pandemie ganz persönlich erlebt wurde und was dabei überraschte.

Christoph Murmann beschrieb den ersten Lockdown für ihn als sehr wohltuend, quasi eine geschenkte Zeit der Entschleunigung und der Leichtigkeit. Das habe sich mittlerweile umgekehrt: „Gegenwärtig ist vieles nur noch schwer und mühsam, und der Tunnel erscheint lang und endlos“, formulierte der Dieburger. Als überraschend befand er, wie neue Wege der Kreativität und der Energie freigesetzt wurden. Spannende Antworten implizierte die Frage, ob Corona eine Strafe Gottes darstellt. Das Podium verneinte dies einstimmig. Wie Abdullah Uwe Hans Peter Wagishauser erläuterte, seien die meisten Katastrophen durch den fahrlässigen Umgang mit Klima oder Tieren menschengemacht und damit eigenverantwortlich herbeigeführt. In der Konsequenz gelte es, daraus zu lernen und sich zu besseren Menschen zu entwickeln. Über die digitalen und analogen Anstrengungen der letzten Monate, den Glauben mit Gottesdiensten, Seelsorge und Gemeindeleben weiter zu praktizieren, gaben sowohl die christliche als auch die muslimische Seite Zeugnis. Von Einkaufshilfen, dem Musizieren zur gleichen Zeit (räumlich getrennt aber im Geist verbunden), anregendem Glockengeläut bis hin zu Sonntagsbriefen, die per Post oder Mail verschickt werden, waren die Wege vielfältig.

Abdullah Uwe Hans Peter Wagishauser berichtete aus Groß-Gerau, wo sich mit dem neu eingerichteten Freiwilligendienst plötzlich ein riesiges Potenzial auftat, das neben Renovierungsarbeiten in der Moschee auch mehr Ehrenamt ermöglichte. Für Christoph Murmann hat die Pandemie folglich nicht nur schlechte Seiten. „Einige Errungenschaften und Veränderungen können bleiben“, bilanzierte er. Mit dem digitalen Live-Podium, das Moderator Haras Najib gleichermaßen kompetent wie sympathisch leitete, schuf die Ahmadiyya einen informativen Einblick, wie die Kirchen durch die Krise kommen und welche Lehren und Neuerungen daraus gezogen wurden. Auch leisteten die Organisatoren einen hilfreichen Beitrag zum Miteinander der Religionen und Kulturen. Die Ahmadiyya ist eine muslimische Reformgemeinde, die ihren Ursprung im pakistanisch-indischen Raum hat und die immer wieder für das friedliche Miteinander der Religionen eintritt. In ihrer neuen Heimat unterstreichen die Mitglieder etwa mit regelmäßigen Charity-Aktionen, dass sie sich zum Wohl der Gesellschaft einbringen wollen. Von besonderer Bedeutung war die Podiumsfrage, ob Corona zu mehr Religiosität bei den Bürgern führte. Bekannterweise wird in der Not ja mehr gebetet als in guten Zeiten. „Ja und Nein“, gab Pfarrer Pfarrer Dieter Schmidt zu verstehen. Neben einer Intensivierung beklage er parallel auch eine Abwendung mit mehr Kirchenaustritten: „Viele stehen seit Corona wirtschaftlich schlechter da und kehren uns wegen der Kirchensteuer den Rücken.“

In diesem Zusammenhang warnte Abdullah Uwe Hans Peter Wagishauser vor weiteren Ungerechtigkeiten und Krisen, die Corona beschleunigen könnte. Einige Menschen würden durch die Pandemie ungeheure Summen verdienen, andere dagegen finanziell ins Bodenlose stürzen. Noch lebe man in Deutschland durch Milliarden von Hilfsgeldern „wie die Made im Speck“. In ärmeren Ländern verschärfe sich aber die Situation und die Ungerechtigkeit. Hier sollten die Religionsgemeinschaften gemeinsam dagegenhalten und in wohlhabenden Ländern die Sinnfrage forcieren. Mit seinem Handy, das er in die Höhe hielt, versinnbildlichte Moderator Haras Najib am Ende des Abends, dass dieses regelmäßig aufgeladen werden muss. Jene Stärkung brauche auch der Mensch, was das Podium bestätigte. So komme gerade in der Pandemie den Religionen eine wesentliche Aufgabe zu. Alle Gäste bekräftigten, Gott sei und bleibe mit die größtmögliche aller Kraftquellen. Eine Erkenntnis, die Afaq Ahmed mit einem ganz wesentlichen Satz des Abends heraushob: „Momentan liegt mit die beste Möglichkeit vor, seinen Schöpfer kennenzulernen.“

Von Michael Just

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