Ein Gott an der Zeitenwende

Dieburg - „Man weiß nur wenig Genaues über den römischen Mithraskult und seine Mythologie“ begann Philologin Dr. Marion Giebel ihren Vortrag vor einer großen Interessenten-Schar im Museum Schloss Fechenbach.

Dafür gäbe es zwei Hauptgründe: Zum einen war der Kult in seiner römischen Variante eine Mysterienreligion, bei der es den Anhängern streng verboten war, etwas Konkretes über Glaubensinhalte und Rituale zu erzählen oder niederzuschreiben. Zum anderen bemühte sich das siegreiche Christentum, die Erinnerung an den Mithraskult möglichst zu unterdrücken.

Der Mithraskult wird als Wegbereiter und als Konkurrent des frühen Christentums bezeichnet. Mithras wurde - so eine Überlieferung - von einem Vatergott ausgeschickt, um die Welt zu retten. Er wurde aus einem Stein in einer Felsenhöhle geboren. Sein Geburtstag wird auf den 25. Dezember datiert. Er wird als Jüngling dargestellt, bekleidet mit einer römischen Tunika und einer phrygischen Mütze (eine Art Helm). Die Innenseite seiner Tunika ist oft wie ein Sternenhimmel dekoriert.

Im Perserreich ist die Figur des Mithra bereits seit dem 14. Jahrhundert v. Chr. belegt. Er war ein Gott des Rechtes und des Bündnisses. Er war der Führer zur rechten Ordnung und wachte auch über die kosmische Ordnung, wie den Wechsel von Tag und Nacht und die Jahreszeiten. Er pflegte die Tugend der Gerechtigkeit, schützte die Gläubigen und strafte die Ungläubigen. Mithras wurde auf einem Streitwagen dargestellt, der von weißen Pferden gezogen wurde. Seine Waffen waren ein silberner Speer, er trug einen goldenen Panzer und war mit Pfeilen, Äxten, Keulen und Dolchen ausgerüstet.

Seine wichtigste Aufgabe war es, das königliche Glück beziehungsweise die göttliche Gnade zu schützen. Eine zentrale Rolle im Mithraskult spielt die Stiertötung. Mithras verfolgte den Stier, der das Böse symbolisierte, über die Erde. In einer Höhle tötete Mithras den Stier und aus diesem Opfer entstand neues Leben: der Schwanz verwandelte sich in eine Ähre und aus der Wunde wuchsen Trauben.

Doch woher stammt Mithras und wie kam der Kult nach Europa? Ursprünglich stammt der antike Kult aus Persien und gelangte von Kommagene, einer antiken Landschaft im Südosten Kleinasiens, in die Türkei. Römische Legionäre brachten den sittlich strengen, ausschließlich auf Männer abgestellten Mithraskult von Doliche, einer Stadt in der Türkei, in das Römische Reich. Er erreichte dort seinen Höhepunkt im 2. und 3. Jahrhundert. Der Kult verbreitete sich rasch entlang des Limes und an Rhein, Main und Donau bis hin nach England.

Abgehalten wurde der Gottesdienst in Höhlen, den sogenannten Mithräen. Typischerweise enthielten sie zwei lange Reihen von Liegen, die durch einen Mittelgang voneinander getrennt waren, der vom Eingang auf das Kultbild hinführte. Dieses zeigte die Stiertötung durch Mithras. Die Mithräen waren relativ klein mit einer Größe von acht mal 22 Metern, also auf nur kleine Kultgemeinschaften von 20 bis 40 Personen ausgerichtet. Wuchs die Gemeinschaft, so wurde eine neue Höhle errichtet.

Die Anhänger des Kultes glaubten an die Unsterblichkeit der Seele und dass die Seele als göttlicher Funken in den Himmel übergeht. Pflichterfüllung und Loyalität zählten zu den Grundsteinen des Kultes. Auch nach Abzug der römischen Soldaten verbreitete sich der Kult weiter. Im 4. Jahrhundert unterlag der Mythraskult letztendlich dem Christentum. Kaiser Konstantin sprach ein Verbot des Heidentums aus und führte so den Siegeszug des Christentums ein. Die Christen zerstörten die Mithräen oder errichteten genau über ihnen Kirchen. Archäologische Überreste sind heute noch im gesamten Gebiet des Römischen Reiches zu finden. Etliche Mithräen wurden auch in Südwestdeutschland gefunden, etwa bei Saarbrücken, Heidelberg und Dieburg.

Die Dieburger Wallfahrtskirche wurde über einem ehemaligen Mithräum erbaut. Der 1926 bei Ausgrabungen in der Minnefelder Seestraße/Ecke Forsthausstraße gefundene Mithras-Stein wurde von drei Mitgliedern der Familie Silvestrius gestiftet. Wer diese Familie war, weiß man nicht genau, ein Familienmitglied soll Handwerker gewesen sein. Aufgrund eines weiteren Fundes bei Ausgrabungen, kann man mit großer Gewissheit sagen, dass Dieburg früher eine Hochburg des Mithraskultes war. Nach Ende des Vortrages führte Museumsleiterin Maria Porzenheim die Besucher zum im Dieburger Museum ausgestellten Mithras-Stein.

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