Das große Schweigen hat ein Ende

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Für das „Kindernest“, eine integrative Kindertagesstätte der Behindertenhilfe, wird im Wirtschaftsplan 2013 mit 70 000 Euro der größte Einzelfehlbetrag erwartet. Damit es gar nicht so weit kommt, werden die Karten neu gemischt, indem die Einrichtung besser ausgelastet wird. Bereits nach den Osterfeiertagen wird eine zusätzliche Gruppe für 15 Kinder in Betrieb gehen.

Dieburg - Das Schweigen hat ein Ende: Mit großer Offenheit spricht Michael Knoll, kaufmännischer Geschäftsführer des Vereins für Behindertenhilfe Dieburg und Umgebung, jetzt über die wirtschaftliche Lage der Werkstatt für behinderte Menschen und anderer Einrichtungen des kleinen „Sozialkonzerns“.

Er will deutlich machen: Der Wirtschaftsplan für das aktuelle Jahr weist zwar einen Fehlbetrag aus, aber der beläuft sich auf ganze 70 000 Euro, die in der Öffentlichkeit kolportierte rote Zahl von 1,8 Millionen Euro ist Ergebnis einer Modellrechnung zu einem möglichen Liquiditäts-Engpass am Ende des Jahres. „Solche kurzfristigen Fehlbeträge haben wir immer mal wieder“, sagt Knoll und nimmt damit auf eine weitere Zahl Bezug, die derzeit kursiert. Der kaufmännische Geschäftsführer bestätigt zwar den aktuellen Fehlbetrag in der genannten Höhe, erklärt ihn aber mit der Tatsache, „dass wir gegen Monatsende die Gehälter für unsere Mitarbeiter auszahlen, die Refinanzierung durch unsere Träger, vor allem den Landeswohlfahrtsverband, aber noch nicht auf unserem Konto ist“.

Eine ähnliche Problematik liege der Modellrechnung zu Grunde, in der vom Zusammentreffen verschiedener Umstände und der Tatsache ausgegangen worden sei, dass zum Jahresende nicht nur die Monatsgehälter, sondern auch die Jahresgratifikationen für die Mitarbeiter fällig werden. Gleichwohl müssen bei Verein und seinen Gremien angesichts des Ergebnisses dieser Rechnung Alarmglocken geschrillt haben, denn der potenzielle Fehlbetrag in deutlich siebenstelliger Höhe war Anlass zu einem Grundsatzgespräch, an dem Vereinsvorstand, Vertreter des Verwaltungsrates und der Sparkasse als Hausbank teilgenommen haben.

Absteckung des Rahmens

 Ein Krisengespräch? Dieburgs Bürgermeister Dr. Werner Thomas, seit einigen Jahren Vorsitzender des 15-köpfigen Verwaltungsrats, will das begrifflich lieber ein wenig tiefer hängen. „Wir haben sondiert, wie sich auch beim Zusammentreffen verschiedener widriger Umstände kurzfristig die Liquidität des Vereins sichern lässt.“ Mit anderen Worten: Es ging um die Absteckung des Rahmens für etwas, was man als „Dispokredit“ kennt.

Jeder Bankkunde weiß aber auch, dass solche kurzfristigen Überziehungen mit einem höheren Zinssatz belegt werden als Vertragskredite. Mit der Frage konfrontiert, warum der Verein deshalb nicht einen Betriebsmittelkredit aufnimmt, gibt Knoll zu bedenken: „Diese Fehlbeträge bestehen meist nur wenige Tage, und ein langfristiger Kredit mit dauerhafter Verzinsung käme daher kalkulatorisch teurer.“

Miese für Kindertagesstätte prognostiziert

Ein anderer Aspekt, wenn auch Teil der Gesamtlage, ist die rote Zahl von 70 000 Euro unterm Wirtschaftsplan 2013. „Wir geben mehr aus als wir einnehmen“, räumt Knoll ein und weist darauf hin, dass in den Werkstätten für behinderte Menschen aktuell 15 Plätze frei sind.

Die WfbM haben aber nur einen Anteil von 25. 000 Euro am Fehlbetrag. Weitere 10 000 Euro stammen aus dem Bereich stationäres betreutes Wohnen, 70. 000 Euro „Miese“ werden für die integrative Kindertagesstätte „Kindernest“ prognostiziert. Das macht zusammen ein Minus von 105 .000 Euro, von denen 35. 000 Euro aufgefangen werden durch Erträge der Photovoltaik-Anlagen auf den Werkstatt-Dächern.

Diese Zahlen bedeuten für Knoll: „Wir müssen gegensteuern. Dabei richtet sich unser Augenmerk vor allem auf eine Verbesserung der Einnahme-Situation.“ So sei man mit der Stadt vertraglich überein gekommen, die Kapazitäten des Kindernestes mit einer weiteren Gruppe besser auszulasten und damit den Fehlbetrag von 70  000 Euro zu beseitigen.

Ob darüber hinaus „Leichen im Keller“ liegen, wird eine Sonderprüfung der wirtschaftlichen Lage erweisen. Ergebnisse sollen in sechs bis acht Wochen vorliegen.

sr

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