Ein großer Schritt in ein Leben mit mehr Selbstbestimmung

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Christine Pauly (links) und Verena Böhm auf der Verandatreppe ihres neuen Domizils.

Dieburg - Der Verein „Autigra“ betritt Neuland und gründet eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Autismus. Von Lisa Hager

„Mit meinem Kind stimmt etwas nicht“ – diese Ahnung lässt Anneliese Böhm nicht mehr los. Schon als Baby vermeidet Tochter Verena den Blickkontakt, schreit sehr viel – und das anscheinend grundlos. Nimmt sie das Kind in den Arm und trägt es herum, schreit es noch mehr.

„Ich war oft mit meinem Latein am Ende“, beschreibt sie ihre damalige Verzweiflung. Eine Odyssee durch die Praxen von Kinderärzten und Therapeuten beginnt. Immer wieder wird ihr versichert, dass das Kind völlig gesund, also alles in Ordnung sei. Und das obwohl die Tochter erst mit 16 Monaten watschelnd zu laufen beginnt. Sprachlich ist das Kind dafür seinen Altersgenossen weit voraus. Schließlich fällt für die zweieinhalbjährige Tochter die Diagnose: Autismus.

Schule mit nichtbehinderten Kindern

„Einerseits war das natürlich ein Schock“, erzählt die heute 64-Jährige, „andererseits hatten wir endlich Gewissheit und konnten versuchen, unsere Tochter entsprechend zu fördern.“ Da es im Gegensatz zu Baden-Württemberg im nahen Hessen die Möglichkeit gibt, dass Verena auch in einer weiter führenden Schule zusammen mit nichtbehinderten Kindern lernen kann, ziehen die Böhms aus der Nähe von Heidelberg nach Dieburg. Verena liebt den Unterricht in der Roßdorfer Justin-Wagner-Schule, einer kooperativen Gesamtschule. Auch heute noch müssen die Eltern oft mit ihr Schulen besichtigen. Die heute 30-Jährige hat Realschulabschluss und arbeitet halbtags als Bürokraft für ein Ingenieurbüro, an dem ihr Vater, der an der TU Darmstadt die Professur für Umwelt und Raumplanung inne hatte, beteiligt ist. Sie schreibt Geschäftsbriefe nach Diktat, auf Deutsch und Englisch.

Menschen mit Autismus haben wenig Möglichkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Sie erscheinen egozentrisch, manchmal dominant, sind oft gesteuert von inneren Zwängen, sind Gefangene ihres von ihnen selbst ritualisierten Alltags.

Kommunikation mit der Außenwelt ist gestört

Verena beispielsweise hat einen festen Plan für ihren Tagesablauf, der Punkt für Punkt abgearbeitet werden muss. Und so hat ihr Tagesprogramm immer das der Eltern dominiert. „Es gibt viele verschiedene Ausprägungen des Autismus. Aber immer ist die Kommunikation mit der Umwelt gestört“, sagt Hans Reiner Böhm (70).

Zusammen mit anderen betroffenen Eltern in Südhessen hat er 2005 den Verein „Autigra“ gegründet. Und jetzt wagt dieser Verein einen mutigen Schritt: Er hat in Dieburg das Haus Albinistraße 12 für ein ungewöhnliches Wohnprojekt angemietet. Weitere Anstöße gaben die UN-Behindertenrechtskonvention und – ganz wesentlich – der neue Rechtsanspruch auf das persönliche Budget. Das heißt konkret, dass sich ein Mensch mit hohem Hilfebedarf nach seinen Bedürfnissen selbst Dienstleistungen „einkaufen“ kann. Dies alles zusammenzuführen zu einer Wohngemeinschaft von Menschen mit Autismus, die keiner konventionellen „Behindertenkategorie“ zuzuordnen sind, ist neu. Die Böhms vermuten, dass es in ganz Deutschland noch kein vergleichbares Projekt gibt.

Zudem unterstützt auch Hausbesitzer Josef Bürger das Experiment, hat dem Verein für die ersten drei Monate die Miete erlassen. Und mit den Nachbarn habe sich ebenfalls bereits ein gutes Verhältnis entwickelt, sagen die Böhms. Ein Einweihungsfest am 29. September soll die Kontakte vertiefen.

Sozialministerium zeigt Interesse

Verena und Christine - die 43-jährige Tochter von Dr. Hermann Pauly arbeitet in den Werkstätten der Behindertenhilfe – sind die ersten Mitglieder dieser Wohngemeinschaft autistischer Menschen. Mit einem dritten Bewohner würde sich das Projekt gerade so tragen, falls alle beantragten Fördergelder fließen. „Vier Bewohner wären besser“, sagt der 77-jährige Pauly, der sich auch noch um seine kranke Frau kümmern muss. Getrieben ist er vom selben Gedanke wie die Böhms, „dass es mit den Kindern ja auch weitergehen muss, wenn es uns nicht mehr gibt“.

Das Sozialministerium ist sehr interessiert an dem Experiment, hat den Verein aufgefordert, einen Antrag auf Anerkennung als hessisches Modellvorhaben zu stellen – auch um Erkenntnisse und Erfahrungen allgemein zugänglich zu machen. „Autigra“ betritt hier Neuland: Entsprechende Vereinbarungen mit dem Landeswohlfahrtsverband sind Ende Juli getroffen worden. Derzeit laufen Gespräche mit der Lebenshilfe Dieburg, die als Kooperationspartner, die personelle Betreuung übernehmen soll.

Noch ein Mitarbeiter gesucht

Der Verein „Autigra“ wird die Gesamtkoordination des Projekts übernehmen. Dafür wird noch ein Mitarbeiter gesucht, der möglichst auch Berufserfahrung im sozialpädagogischen Bereich mitbringen soll. Denn das Fernziel ist, Leben und Arbeiten für die Wohngemeinschaftsmitglieder zu vereinbaren.

Eine Haushälterin, die demnächst ihren Dienst antritt, wird sich um die hauswirtschaftlichen Belange der Bewohner kümmern. Sie wird auch nachts im Haus sein. „Das geht nicht anders“, so die Eltern der Betroffenen übereinstimmend.

Wer Interesse an dem Wohnprojekt hat oder den Verein mit einer Spende unterstützen möchte, kann sich auch auf dessen Internetseite informieren.

Telefon: 06071-1624

E-Mail: info@autigra.de

Obwohl das Wohngemeinschaftshaus mit Hilfe vieler Unterstützer schon fast komplett eingerichtet ist, hat der Verein noch einiges vor: Im Waschkeller soll ein zweiter Duschraum entstehen, der nötig wird, sobald ein vierter Bewohner einzieht. „Dafür sucht der Verein noch Spenden, sagt Anneliese Böhm.

„Ich freue mich schon, hier zu wohnen“, übernimmt Verena beim Fototermin auf der Terrasse die Rolle des Sprachrohrs der WG. Die viel ruhigere Christine schweigt, schaut entspannt in die Kamera, dann schweifen ihre Augen ab.

Quelle: op-online.de

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