Guten Morgen, liebes Knie!

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Noch muss mancher Erstklässler sich mächtig konzentrieren, aber bald sollen die Übungen in Fleisch und Blut übergehen „wie das Zähneputzen“, erklärt Ruth Neumann, die das Projekt „Beweg dich, Schule“ in die Marienschule brachte.

Dieburg ‐ Morgens werden erstmal die Knie begrüßt. Zuerst heben alle das rechte Bein, senken den Kopf – „Guten Morgen, liebes Knie!“ -, dann das linke – „Wie geht´s Dir, liebes Knie?“. Niemandem in der 1a von Lehrerin Stefanie Kantz kommt das komisch vor, eher toll. Von Barbara Hoven

Und alle machen begeistert mit bei den Übungen, die der neue Bewegungsstundenplan an der Wand empfiehlt. Seit einigen Wochen beteiligt sich die Marienschule am Projekt „Beweg dich, Schule - Bildung kommt ins Gleichgewicht“. Nur etwa zwei Minuten dauert, was einige Klassen schon regelmäßig machen und später alle Klassen in jeder Schulstunde machen wollen. Aufwändig ist das nicht; schwere Stühle und Tische müssen nicht gerückt werden. Und Fettverbrennung ist auch nicht das Ziel. Wichtiger: „Das Gleichgewicht der Schüler wird trainiert und damit das Gehirn geschult“, erklärt Ruth Neumann, die in ihrem Job als Wahrnehmungstrainerin von dem Projekt hörte und es in die Schule ihres Kindes trug. Körperertüchtigung gleich Geistesertüchtigung? „Die Aufmerksamkeit der Schüler wird gefördert“, sagt Neumann.

Schüler werden zu „Bewegungsmeldern“

Sie stieß mit ihrem Vorschlag bei Schulleiter Lothar Oberle und dem Kollegium gleich auf offene Ohren. Weil die Sache dennoch an Geldmangel zu scheitern drohte – gut 300 Euro waren für Handbücher und Übungskalender nötig -, bat Neumann in zehn Dieburger Kinderarzt- und Krankengymnastik-Praxen um Hilfe. Die stellten Sparschweine auf, ein Praxisteam steuerte die Kaffeekasse bei. Als die Finanzierung stand, schulte Neumann die Klassenlehrer. Ihnen ist es überlassen, wie schnell und ausführlich sie das Projekt in den Unterrichtsalltag integrieren. In vielen der 14 Klassen hängen die Trainingspläne schon. Jede Woche wird ein Kind zum „Bewegungsmelder“ ernannt, führt den Bewegungsstundenplan, erinnert die Lehrer an die Übungen. Neumann erkennt einen weiteren Effekt: „Solche Aufgaben fördern das Selbstbewusstsein.

Die Methode, die auf einem Buch der Pädagogin Dorothea Beigel beruht und vom hessischen Kultusministerium unterstützt wird, ist medizinisch erklärbar – mit vielen Worten und Fachbegriffen. Oder ganz einfach: Als zentrales Wahrnehmungssystem beeinflusst das Gleichgewicht, wie Menschen sehen, hören und sich selbst erleben. Wird das Gleichgewicht trainiert, hat das unmittelbar positiven Einfluss auf Aufmerksamkeit und Konzentration. Die stündliche Prise Bewegung im Schulalltag erleichtert somit das Lernen. Das gilt für alle Altersklassen und sämtliche Schulformen. 14 Marienschüler, denen die tägliche Dosis nicht reicht, nehmen zusätzlich an einer von Ruth Neumann angebotenen AG teil. Hier stehen „Bewegte Spiele“ auf dem Programm oder auch mal kurios Anmutendes wie Mathejogging oder Aufsatztanz.

Nachtmusik statt unangenehmer Weckerklingel

Und auch sonst bewegt sich so einiges an der Marienschule. Weil dem engagierten Schulleiter die „unangenehme Weckerklingel“ als Pausenzeichen ein Dorn im Auge war, suchte er nach Alternativen. Und fand eine Lösung, die er „Musik statt Klingel“ nennt und die das Angenehme mit dem Nützlichen verbindet. Ein Vater montierte Lautsprecher im Schulgebäude und auf dem Hof, auch dafür fanden sich Spender. Jetzt erklingt viermal am Vormittag Mozarts „Kleine Nachtmusik“, um den Nachwuchs nach der Pause zurück auf die Schulbank zu rufen. Vorher war die „Badinerie“ aus einer Orchestersuite von Bach zu hören, ab Dezember wird es weihnachtliche Musik sein. Dazu soll es bald in den Infokästen Wissenswertes zum jeweiligen Stück geben, und im Musikunterricht werden die Melodien Thema sein. Nicht nur das nun angenehmere Klingelgeräusch erfreut Oberle also. „Im Laufe der Zeit lernen die Kinder so auch Standardstücke der so genannten Klassik kennen.“ Gerne erwähnt er, wie gut die Kinder die Umstellung aufnehmen. „Manche singen die Melodie mit oder tanzen und hüpfen dazu.“

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