Halt und Zuspruch in den schlimmsten Momenten

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Interview mit Christine Fröhlich und Alexander Krahmer, zwei von 14 Notfallseelsorgern im Dieburger Land

Dieburg - Es gibt Situationen, auf die niemand vorbereitet ist - etwa den plötzlichen Tod eines Angehörigen. Nicht selten bricht dann eine Welt zusammen: Betroffene sind fassungslos oder überfordert, wenn sie die schlimme Nachricht erhalten. Von Jens Dörr

Und nicht immer sind die Vertreter staatlicher Stellen – etwa Polizisten – jene, die die erste seelische Hilfe am besten zu leisten vermögen.

Christine Fröhlich (37) und Alexander Krahmer (56) sind auch keine Polizisten. Fröhlich arbeitet beim Magistrat der Stadt Dieburg, Krahmer ist Finanz- und Versicherungsmakler. Aber immer wieder lassen die beiden mitten in der Arbeit alles stehen und liegen oder steigen nachts aus dem Bett: Die Groß-Zimmernerin (wird während ihrer Arbeit für die Einsätze freigestellt) und der Dieburger engagieren sich ehrenamtlich in der Notfallseelsorge.

Die wird im Ostkreis Darmstadt-Dieburg (plus Messel) von Pfarrer Winfried Steinhaus und dem Pfarramt für Notfallseelsorge in Lengfeld koordiniert, in enger Zusammenarbeit mit Rettungskräften und Polizei.

14 Menschen stellen sich im Dieburger Land aktuell in den anspruchsvollen Dienst einer sehr guten Sache. Fröhlich und Krahmer sind zwei von ihnen. Im Interview mit unserem Mitarbeiter Jens Dörr sprechen sie über ein Thema, dessen Bedeutung oft erst wahrgenommen wird, wenn Menschen selbst die Unterstützung der Notfallseelsorger in Anspruch nehmen.

Christine Fröhlich, Alexander Krahmer: Wenn wir über die Notfallseelsorge im Ostkreis Darmstadt-Dieburg sprechen - um welches Einsatzspektrum geht es dann?

Christine Fröhlich: Meist geht es um häusliche Todesfälle, um Verkehrsunfälle, den frühen Kindstod oder das Überbringen von Todesnachrichten. Wobei das Überbringen dieser Nachrichten in Deutschland per Gesetz erst einmal Staatsaufgabe ist. Notfallseelsorger kommen aber auch in Fällen wie dem in Babenhausen zum Einsatz, als in einem Lebensmittelmarkt Menschen mit der Waffe bedroht wurden.

Alexander Krahmer: Für 2011 liegen die Einsatzzahlen bereits vor: Die ehrenamtlichen Notfallseelsorger kümmerten sich in diesem Jahr 92 mal um Mitmenschen. Darunter waren auch etwa ein Dutzend Suizide, vor allem junger Menschen bis zum Alter von 30 Jahren.

Wie sind Sie auf das Thema aufmerksam geworden und wie ging  es  dann bei Ihnen weiter?

Fröhlich: Wir sind beide über Zeitungsartikel aufmerksam geworden. Wer als Notfallseelsorger etwas für die Gesellschaft tun möchte, erhält zunächst eine 40-stündige Ausbildung, absolviert kleine Praktika bei Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst und erhält dann eine Beauftragung durch die evangelische Kirche. Anschließend nehmen wir immer wieder an Fortbildungslehrgängen teil, zum Beispiel zum Verhalten bei Amokläufen an Schulen oder Übungen mit Feuerwehr und Rettungsdiensten, zum Beispiel im Lohbergtunnel.

Krahmer: Kommt es dann zum Notfall und die Notfallseelsorge wird gebraucht, informiert in der Regel der Notarzt oder die Polizei die Rettungsleitstelle. Über diese werden wir dann über Funkmelder alarmiert. Wir fahren dann entweder alleine oder zu zweit zum Einsatzort. In unserer Tätigkeit sind Christine und ich schon seit fünf Jahren ein Team. In dieser Zeit - pro Monat hat man etwa 100 Bereitschaftsstunden, also rund vier Tage - sind wir zu etwa 50 bis 60 Einsätzen gefahren. Dabei gilt der Anspruch, innerhalb von 20 Minuten nach der Alarmierung vor Ort zu sein.

Was erleben Sie, wenn Sie vor Ort ankommen?

Fröhlich: Die Reaktionen sind unterschiedlich: Wenn die Welt der Betroffenen zusammenbricht, ist jede Gefühlsreaktion möglich - Stille, Weinen, die Frage nach dem Warum. Unsere Aufgabe ist es, Stabilität und Ordnung in das seelische Chaos der Menschen zu bringen. Wir fungieren als eine Art Bremsfallschirm für die Seele, als Rettungsanker in der ersten Zeit nach dem Unglück.

Krahmer: Wichtig ist aber zu sagen, dass wir keine Therapeuten sind und die Menschen auch gar nicht therapieren möchten. Wir sind alle Laien. Allerdings wird bei der Ausbildung der Notfallseelsorger darauf geachtet, dass sie – neben einem einwandfreien polizeilichen Führungszeugnis –gewisse mentale Fähigkeiten mitbringen. Dennoch ist es für uns Erwachsene zum Beispiel bei Kindern nicht immer einfach, sich einzufühlen, da Kinder eine andere Art zu trauern haben als erwachsene Personen.

Inwiefern?

Krahmer: Die Trauerbewältigung von Kindern unterscheidet sich gänzlich von unserer, aber auch hier kommt es natürlich auf das jeweilige Alter des Kindes an. Wir kamen einmal zu einem Kind von acht Jahren, dessen Mutter gestorben war. Das Kind hat erst einmal geheult, dann wollte es mit uns spielen. Dann hat es wieder geweint, dann sind wir zusammen mit dem Hund spazieren gegangen. Der Halt und Zuspruch, den wir geben, kann ganz unterschiedlich aussehen und kommt immer auf die Situation an. Das Wort Mitleid bekommt hier die wirkliche Bedeutung: Notfallseelsorge heißt „mitleiden“.

Bei all den traurigen Schicksalen, die Sie über die Jahre miterlebt haben: Wie gehen Sie selbst mit diesen Erfahrungen um?

Fröhlich: Man muss versuchen, es auf emotionalen Abstand zu halten. Unser Einsatz ist meist nach zwei bis drei Stunden beendet. Danach haben wir in der Regel keinen Kontakt mehr zu den Menschen, die wir betreut haben. Da Alexander und ich meist zu zweit unterwegs sind, stabilisieren wir uns auch gegenseitig. Außerdem gibt es regelmäßig eine gemeinsame Nachbereitung der Einsätze. Solch eine Nachbereitung bietet die Notfallseelsorge durch ausgebildete Mitarbeiter wiederum auch für andere, etwa Feuerwehrleute, an.

Krahmer: Ganz klar: Ein dickes Fell anlegen geht nicht. Man kann an dieser Aufgabe wachsen und ein bisschen selbstsicherer werden. Insgesamt ist es trotz aller trauriger Schicksale und der Erkenntnis, wie vergänglich das Leben ist, eine sehr schöne ehrenamtliche Tätigkeit. Für die suchen wir jederzeit auch noch Leute, die dabei mittun. Wer sich das vorstellen kann, nimmt am besten mit dem Pfarramt für Notfallseelsorge, Pfarrer Winfried Steinhaus (06162 962729), Kontakt auf. Weitere Informationen gibt es auch auf www.nfs-darmstadt-dieburg.de.

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