Bedrohte Existenz von Hebammen

Keine Alternative in Sicht

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Der kleine Firefighter Jona ist ebenso wie Lia und Sophia mit Hilfe der Hebamme Susanne Benke zur Welt gekommen. Benke (rechts) unterhält sich hier mit Laura Agu.

Dieburg - Steigende Prämien für die Haftpflicht bedrohen die Existenz freiberuflicher Hebammen. Von Sonja Achenbach 

Der Gesetzgeber garantiert werdenden Müttern eine Wahlfreiheit, ob sie ihr Kind im Krankenhaus, zu Hause, oder in einem Geburtshaus zur Welt bringen wollen. Diese gibt es an vielen Orten aber schon jetzt nicht mehr. Als Grund dafür werden sinkende Geburtenzahlen und steigende Prämien für Haftpflichtversicherungen aufgeführt. Ein Blick hinter die Kulissen.

Susanne Benke ist ständig auf Abruf. Jederzeit kann das Telefon klingeln. Jederzeit können bei einer ihrer Patientinnen die Wehen einsetzen. Dann fährt die Hebamme in die St. Rochus Klinik und weiß nicht genau, wann sie Feierabend haben wird. Als Beleghebamme ist sie nämlich bis zum Schluss bei der Geburt dabei – ein vertrautes Gesicht für die Frauen. „Bei mir hat die Geburt 17 Stunden gedauert. Je nach Schichtplan hätte ich ohne sie drei Klinikhebammen kennengelernt“, so die junge Mutter Tamara Künzel. Noch fünf Monate nach der Geburt steht sie in regem Kontakt mit ihrer Hebamme. „Erst vor kurzem ging es meinem Sohn Jona nicht gut und mit ihr hatte ich sofort eine Ansprechpartnerin.“ Regelmäßig trifft sich Künzel gemeinsam mit anderen Frauen zum Stilltreff in der Hebammenpraxis von Susanne Behnke, Kristin Maiwald und Maryam Maneshkarimi.

Sie alle sind sich einig darüber, wie wichtig es für sie war, in einer Situation wie der Geburt eine Vertraute an der Seite zu wissen, zu der sie einen echten Bezug hatten und weiterhin haben. Ansonsten ähnele die Geburt eher einem „Glücksspiel, bei dem man auch jemanden erwischen kann, bei dem die Chemie nicht stimmt“.

Hebammen demonstrieren in Frankfurt

Wenn zum 1. Juli die Prämien für die Haftplichtversicherung der Freiberuflichen Hebammen erneut angehoben werden - auf rund 5000 Euro pro Jahr - dann ist Benke nicht die einzige Vertreterin ihres Berufsstandes, die sich in ihrer Existenz bedroht sieht. „Irgendwann muss ich mir dann doch überlegen, ob es sich noch lohnt.“ Ihrer Meinung nach hat medizinische Versorgung zwar ihren Preis, „es muss aber auch ein Weg gefunden werden, um die Kosten zu decken“. Benke sieht die Politik in der Pflicht und ist damit einer Meinung mit dem deutschen Ärztepräsidenten Frank Ulrich Montgomery: Auf dem Ärztetag in Düsseldorf hat er ein Staatshaftungsmodell als Lösung vorgeschlagen. „In diesem Modell könnte man dann auch den Krankenkassen den Regress auf die Behandler verbieten“, sagte Montgomery. „Damit würden die Schadenssummen erheblich gemildert.“ Weiter abgefedert werden könnte dies durch einen Hochrisiko-Pool. Außerdem könnten die Steuern auf Haftpflichtversicherungen von 19 Prozent auf elf Prozent gesenkt oder ganz abgeschafft werden. Verhandlungen der Hebammen mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) über den finanziellen Ausgleich für steigende Versicherungskosten waren zuvor gescheitert.

Eine Alternative zu dem Angebot einer Beleghebamme sehen die jungen Mütter nicht. „Wer soll die Arbeit denn zusätzlich noch übernehmen?“, fragt Susanne Benke. Ärzte seien bereits jetzt zeitlich ausgelastet. Klinikhebammen sind nur für die Geburt zuständig und wer zusätzlich noch Vor- und Nachsorge anbiete, der habe auch begrenzte Kapazitäten. Zusätzlich dazu fehle in der heutigen Gesellschaft noch der Anschluss an eine Großfamilie. „Früher haben Eltern und Großeltern die junge Familie mit ihrer Erfahrung unterstützen können, heute gibt es dieses Sicherheitsnetz oft nicht mehr.“

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