Heimatverein Dieburg

Erntedankfest - nur zu Propagandazwecken

„Dieburg unterm Hakenkreuz“ heißt die Schrift, die der Heimatverein im November herausgibt.

Dieburg - Vor 80 Jahren ergriffen die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland und gestalteten das Land um. Der Heimatverein Dieburg gibt im November eine Schrift heraus, die diese Zeit in Dieburg schildert. Von Werner Straszewski

Eines der Themen der Schrift wird hier wiedergegeben: Das Erntedankfest - einmal anders.

Alljährlich am ersten Sonntag im Oktober wird in den Kirchen das Erntedankfest begangen. Der Altarraum wird mit „Früchten der Erde und der menschlichen Arbeit“, wie es in den Gebeten heißt, geschmückt, und die Gläubigen danken dem Schöpfer für die Gaben der Natur im Bewusstsein, dass nicht alles nur vom Willen des Menschen und seinen Fähigkeiten abhängt. Von den Gottesdiensten abgesehen, geht dieser Tag heutzutage in unserer Gegend für die meisten Zeitgenossen unbeachtet vorüber. Immer weniger Menschen arbeiten in der Landwirtschaft oder bauen selbst noch Obst und Gemüse in einem Garten an. Die Angebote der Lebensmittelmärkte gaukeln uns ständige Verfügbarkeit von Agrarprodukten aller Art unabhängig von den Jahreszeiten und den Gewalten der Natur vor. Zudem gibt es genügend Feste im Laufe des Jahres, die heimische landwirtschaftliche Produkte einer Region zum Thema machen: Von Spargelfesten im Frühjahr über Kirschenfeste bis zu den Kartoffel-, Sauerkraut oder Weinfesten im Herbst, um nur einige zu nennen.

So ist der Erntedanktag schon lange kein eigentliches Fest mehr, sondern dient eher der Traditionspflege. Vor 80 Jahren, am Erntedanktag am 1. Oktober 1933, war dies völlig anders.

Feste und öffentliche Feiern dienten den Nationalsozialisten stets immer auch als Bühne für politische Propaganda, zur Verbreitung ihrer Ideologie und zur Festigung der Volksgemeinschaft. Im Rahmen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zur Behebung der Wirtschaftskrise Ende der zwanziger und zu Beginn der dreißiger Jahre und gemäß der Blut-und-Boden-Ideologie spielten die Landwirtschaft und das Bauerntum eine besondere Rolle. Von daher kam dem Erntedankfest ein besonderer Platz bei den Festen im Jahreskreis zu. 1934 wurde es sogar zum gesetzlichen Feiertag am ersten Sonntag nach dem Fest des Erzengels Michael am 29. September. Dieser Tag war seit dem frühen Mittelalter ein wichtiger Termin für die Anstellung oder Entlassung von Knechten und Mägden und für die Zahlung von Pacht, Miete und Zins.

Das Erntedankfest 1933 wurde als „Tag des deutschen Bauern“ gefeiert. Die Dieburger konnten sich von 7.45 Uhr bis 8 Uhr durch die Eröffnungsrede von Reichspropagandaminister Goebbels im Rundfunk auf den Tag einstimmen lassen.

Um 9.30 begannen die Fest-Gottesdienste beider Konfessionen. Von 11 bis 12 Uhr sorgte die Kapelle des Reichsarbeitsdienstes, der im Arbeitshaus (Gefängnis) untergebracht war, auf dem Marktplatz für Feststimmung. Für das Mittagessen in den Familien blieb vor allem für die in Parteigruppierungen organisierten Mitbürger anschließend nicht viel Zeit, denn bereits um 13 hieß es, sich auf dem Marktplatz zu versammeln. Und so stellten sich Parteimitglieder, Mitglieder der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädel, die SA-Männer und die Reserve-SA, die Mitglieder weiterer Parteigruppierungen wie Frauenschaft, Betriebszellenorganisation, Beamtenfachschaft sowie des Arbeitsdienstes in Gruppen auf und marschierten dann geschlossen nach Groß-Zimmern zum dortigen Festzug. Dies geschah auf Anordnung der Reichsleitung der Partei, die Parteigenossen aus städtisch geprägten Ortsgruppen wie in Dieburg sollten ihre Gesinnungsgenossen in ländlichen Ortsgruppen zahlenmäßig verstärken. Als Gegenleistung dafür hatten dann die Genossen aus Groß-Zimmern und anderen Gemeinden vierzehn Tage später am Handwerkertag in Dieburg teilzunehmen. Nach dem Festzug wurde dann wieder nach Dieburg zurückmarschiert. Man kam gerade zurecht, um dann zu Hause oder in verschiedenen Gaststätten sowie im Rathaussaal von 17 bis 19 Uhr die im Rundfunk übertragene Rede Hitlers bei der Feier zum Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln anzuhören. „Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass jeder Volksgenosse die Übertragungen ungestört hören kann.“

„Niemand ist berechtigt, einen deutschen Volksgenossen beim Anhören der Rede des Führers zu stören. Es sind Parteigenossen beauftragt, in den einzelnen Wirtschaften darüber zu wachen, das in der Zeit von 5 bis 7 Uhr keinerlei Störung durch Kommen und Gehen usw. stattfindet“, heißt es in einem Aufruf der Ortsgruppe Dieburg am Vorabend des Festes.

Wer nach Hitlerrede und Abendessen zu Hause noch in Feierlaune war, konnte anschließend noch ab 20.30 Uhr in verschiedenen Dieburger Gaststätten bei „Deutschem Tanz“ zum gemütlichen Teil des Festes übergehen. Der Eintritt dazu war frei, allerdings wurden die Besucher aufgefordert, hierbei - wie schon den ganzen Tag über - das Festabzeichen zu tragen. Das Festabzeichen war in den Tagen zuvor und am Festtag selbst von BdM-Mädchen zum Kauf angeboten worden. Im Aufruf heißt es dazu: „Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass alle deutschen Volksgenossen dieses Abzeichen tragen. Vor allem zeigen alle Nichtmitglieder der NSDAP. durch das Tragen des Abzeichens ihre Verbundenheit mit den Absichten der Reichsregierung.“

Wen das bis dahin Gesagte noch nicht überzeugt hatte, dem wurde nun im Aufruf indirekt gedroht: „Wer sich zum Erntedankfest bekennt, bekennt sich zu Adolf Hitler und seinem Aufbauprogramm. Wer sich aber an dem Erntedankfest zurückhält und den Veranstaltungen ohne dringenden Grund fernbleibt, zeigt damit, dass er keine innere Anteilnahme am Schicksal des deutschen Volkes nimmt.“

So schnell konnte man damals zum Außenseiter der Volksgemeinschaft werden und sogar als Staatsfeind gelten. Auch der Ablauf des Tages zeigt, wie die Menschen damals ständigem Druck ausgesetzt waren und wie sehr fehlendes Mitmachen gefährlich werden konnte. Leider gibt es keine verlässlichen Aussagen darüber, inwieweit die Dieburger dem Aufruf der Parteileitung freiwillig oder unter Druck gefolgt sind und zahlreich am Fest teilgenommen haben.

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