Heute möglich: Jungfernfahrt durch den Tunnel

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Dieses Bild mit Blick bis zum Horizont nach Münster ist schon Historie: Feierten die Dieburger gestern nach der offiziellen Einweihung das Großereignis mit einem Tunnelspaziergang Richtung Festzelt, fahren seit heute Morgen bereits die Autos durch die Bahnunterführung.

Dieburg - Schrankenlose Fahrt in Dieburg: 18 Jahre nach erstem Bürgerentscheid Hessens ist die Bahnunterführung freigegeben. Von Lisa Hager

Mit so einem Geburtstagsgeschenk zum 65. konnte Charles Lewis nicht rechnen: Gestern wurde die Bahnunterführung freigegeben. Er war unter denen, die das rotweiße Absprerrband durchschnipseln durfte. Mit dabei Weggefährten der Bürgerinitiative „Pro Bahnunterführung“ wie Helmut Schelter, Wolfgang Schupp und der frühere Bürgermeister Peter Christ (CDU), in dessen Amtszeit die Grundlagen für den gestrigen Freudentag gelegt worden waren. „Schön, dass ich diese Früchte ernten darf“, gab sich der amtierende Bürgermeister Dr. Werner Thomas gewohnt bescheiden. Er hat die über dreijährige Bauphase intensiv begleitet. Besonders dankte er als bekennender Radfahrer seinem Vorgänger, dass sich dieser damals für die die Unterführung begleitenden Fahrradwege stark gemacht hatte.

Fotostrecke der Tunnel-Eröffnung

Nach langem Warten: Bahnunterführung feierlich eröffnet

Stadtverordnetenvorsteher Dr. Harald Schöning meinte, diese Unterführung sei mehr als ein bloßes Bauwerk, das den Verkehrsfluss erleichtert: „Es ist ein großer Tag für Dieburg, aber auch ein großer Tag für Hessen. Schließlich habe die BI damals mit dem ersten Bürgerentscheid Hessens einen Meilenstein der direkten Demokratie gesetzt. Er gab der Hoffnung Ausdruck, dass Dieburg jetzt mit dem Industriegebiet Nord besser zusammenwachse und die „Dieburger nicht mehr nach Zimmern zum Einkaufen fahren müssen“. „Die sind uns aber sehr willkommen“, ließ sich CDU-Landtagsabgeordneter Manfred Pentz aus der südlichen Nachbargemeinde augenzwinkernd vernehmen.

Ein unerwartetes Geburtstagsgeschenk

„Ich freu mich natürlich riesig über mein Geburtstagsgeschenk“, sagte Lewis strahlend, obwohl er einräumte, zwischenzeitlich immer mal wieder an der Realisierung gezweifelt zu haben. Und einen Blick zurück warf auch Bürgermeister Thomas in seiner Rede, der sich für die Geduld sowohl der Anwohner als auch der während der Bauzeit teilweise abgeschnittenen Geschäftsleute im Industriegebiet bedankte. Schneller als im Jahr 1858, als die Rhein-Main-Bahn zwischen Mainz und Aschaffenburg eröffnet wurde (vier Stunden Fahrtzeit), gehe es heute. Mit der Erfindung des Automobils kam dann der Individualverkehr hinzu. Mit der Motorisierung stieg der Pendelverkehr und „Dieburg entwickelte sich durch den notwendig gewordenen beschrankten Bahnübergang zu einer geteilten Stadt“, so Thomas. Frage man einen älteren Dieburger, wie viel Zeit er im Laufe seines Lebens vor den geschlossenen Schranken verbracht habe, „wird er im günstigen Fall grinsen, nachdenken, rechnen und stöhnen“. Und: „Diese Zeit liegt endgültig hinter uns.“

Ein Schild habe lange am Übergang an den Bürgerentscheid erinnert. Helmut Schelter, Designer aus dem Gewerbegebiet, hatte einen Standplatz für das Schild von der Bahn gemietet, um das Ziel nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Ihm und seinen Mitstreitern dankte Thomas ausdrücklich. Er werde versuchen, einen endgültigen Platz für das Schild, das den ersten Bürgerentscheid Hessens verkörpere, zu finden.

„Das Warten hat ein Ende“, sagte Hessens Verkehrsstaatssekretär Steffen Saebisch. Das Bauwerk der „Dieburger Tunnel“ sei innerhalb von drei Jahren fertiggestellt worden. Die Gesamtkosten belaufen sich auf zwölf Millionen Euro, die zu je einem Drittel vom Bund, der Deutschen Bahn AG und dem Land Hessen gemeinsam mit der Stadt Dieburg (750 .000 Euro für Geh- und Radwege) getragen werden.

Einige Überraschungen bei den Bauarbeiten

Seit dem ersten Spatenstich 2008 hatte der Bau auch einige Überraschungen zu bieten: Bauarbeiter trafen auf instabilen Baugrund, woraufhin die Fundamente des Bauwerks geändert und stabilisiert werden mussten. Zudem gab es zusätzliche umwelttechnische Anforderungen. Mit Schadstoffen belasteter Boden und durch Mineralöl kontaminiertes Grundwasser musste umweltgerecht entsorgt werden. Seit Mitte 2010 wurde deshalb einsickerndes Grundwasser aufwändig in Filteranlagen gereinigt und erst dann wieder dem Wasserkreislauf zugeführt. Der zurückliegende strenge Winter mit seinen frostigen Temperaturen trug dazu bei, dass die Bauarbeiten stellenweise langsamer als geplant vorangingen. Saebisch: „Trotzdem konnte der geplante Verkehrsfreigabetermin eingehalten werden.“

Und Gisbert Brauner von der DB Netz AG freute sich vor allem darüber, dass die gesamte, nicht einfache Bauzeit unfallfrei verlaufen ist. „Hier fahren am Tag rund 15 000 Autos durch und queren 160 Züge“, sagte er. „Heute können wir sagen, dass beide Verkehrsströme hier freie Fahrt haben.“

Neben Franz Eckhardt, dem Vizepräsident des Hessischen Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen, begrüßte Siegfried Rinke vom Bundesministerum für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, die Dieburger, die zu hunderten am Geländer des bereits vor einiger Zeit freigegebenen Fuß- und Radwegs standen. Nach dem offiziellem Termin wurde mit einem kleinen Fest im Zelt und einer Rockparty gefeiert. Trotz Freigabe ist aber noch nicht Schluss mit den Bauarbeiten rund um den Tunnel: Es werden noch Gehwege hergestellt. Die Unterführung wird dann in Richtung Bahnhofstraße weitergebaut, bis voraussichtlich im Frühjahr auch dieser Abschnitt und damit die gesamte Unterführung inklusive der Zufahrt zum Bahnhof für den Autoverkehr fertig wird. Alle Arbeiten an den Außenanlagen werden bis Mitte 2012 beendet sein.

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