Hindernisse lauern überall – auch im Kopf

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Wodurch ist man „behindert“? Mitarbeiter der Stadtverwaltung machen eigene Rollstuhl-Erfahrung. Mitarbeiter der Stadtverwaltung beim Überwinden von Barrieren. Eva Rosenau (links im Hintergrund) zeigt, wie es geht.

Dieburg - Die Rampe zu steil, der Gehweg verstellt, die Nebengeräusche zu laut, der Text zu kompliziert: Es sind vielfältige Barrieren, auf die ein Rollstuhlfahrer, ein Hörgeschädigter oder ein geistig behinderter Mensch treffen können. Von Lisa Hager 

Doch ist man bereits ein behinderter Mensch aufgrund von körperlichen Einschränkungen oder erst aufgrund von Hindernissen? Diesem weiten Feld haben sich jetzt die Mitarbeiter des Dieburger Rathauses bei einer Fortbildungsveranstaltung gewidmet. Eva Rosenau vom Verein Barrierefreies Dieburg und selbst Rollstuhlfahrerin, stellte gleich der Veranstaltung vorweg, dass man sich bewusst das Dieburger Rathaus für diese Pilotveranstaltung ausgesucht habe. Nicht aufgrund dessen, dass hier besonderer Handlungsbedarf bestehe, sondern weil die Verwaltung als Multiplikator für die gesamte Bürgerschaft diene.

Auch Frank Schäfer, Behindertenbeauftragter des Landkreises Darmstadt-Dieburg und Martin Michel vom Verein für Behindertenhilfe Dieburg und Umgebung sind mit angetreten, um den Mitarbeitern des Rathauses die Bedürfnisse gehandicapter Personen näher zu bringen. Später sollen diese dann im Rathaus noch intensiver berücksichtigt werden. Es gilt Hemmungen und Vorurteile zu entfernen, räumliche und im Kopf errichtete Barrieren abzubauen. Um Hindernisse zu beseitigen, muss man allerdings zuerst einmal wissen, wo sie lauern.

Im theoretischen Teil wurden zunächst Definitionen, unterschiedliche Behinderungen und brauchbare Umgangsformen angesprochen. Der praktische Teil, dem viele zunächst vorsichtig gegenüberstanden, stellte sich schnell als interessant und gar unterhaltsam heraus. Frank Schäfer vom Landkreis, der selbst auf einen Langstock beim Gehen vertraut und ein elektronisches Lesegerät für Blindenschrift nutzt, demonstrierte das richtige Führen einer blinden Person.

Ein Rollstuhlselbsttest, der durch den Park von Schloss Fechenbach und die Fußgängerzone führte, wurde von Passanten neugierig beäugt. Doch ohne Scheu testeten die Mitarbeiter des Rathauses die Möglichkeiten unterschiedlicher Rollstühle und die Techniken zur korrekten Benutzung. Am Schluss gab Eva Rosenau auf Nachfrage verschmitzt zu, dass derzeit die Baustelle Zuckerstraße ihr auch viel Spaß bereitet: „Da kann mein geländegängiger Rollstuhl mal zeigen, was er drauf hat.

Bürgermeister Dr. Werner Thomas zog nach der ungewöhnlichen Veranstaltung eine positive Bilanz. Es lag ihm viel daran, dass es zu diesem Test-Nachmittag kam. „Schließlich ist das Projekt, Dieburg zu einer herausgehobenen Stadt für Barrierefreiheit in allen Bereichen zu machen und die Integration behinderter Menschen zu fördern, ein wichtiger Teil unseres Stadtleitbilds“, erinnerte er. Gern möchte er anderen Bürgermeisterkollegen im Landkreis eine solche Veranstaltung zur Nachahmung empfehlen. „Wichtig bleibt letztendlich ein rücksichtsvoller und vorurteilsfreier Umgang miteinander“, ist sein Fazit nach diesem Nachmittag.

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