„Ich bin gespannt, wie die Leute auf die Bank reagieren“

Werk auf dem Marktplatz als Mahnung gegen Rassismus

Dieburg - Wenn eine Sitzbank nicht zum Sitzen ist, steckt meist ein Kunstwerk dahinter. Ein solches steht gerade auf dem Marktplatz vor der Gaststätte M22. Von Passanten wird das Objekt neugierig beäugt und mit einem Fragezeichen versehen. Von Michael Just 

Das hängt vor allem mit dessen ungewöhnlicher Erscheinung zusammen: Die eine Seite ist schwarz, die andere weiß gestrichen. Verwirrend muten die kleinen Schilder an: „Nur für Europäer“, steht auf einem, „Nur für Schweizer“ auf einem anderen. Der Hauptbotschaft kommt man ein Stück näher, wenn man die alten Schwarz-Weiß-Fotos auf der Sitzfläche betrachtet. Sie zeigen zwei beklemmende Motive aus Südafrika, als dort noch das Apartheid-Regime die strikte Trennung von Menschen mit schwarzer und weißer Hautfarbe praktizierte. Die ging soweit, dass selbst Sitzgelegenheiten mit Aufschriften wie „Nur für Weiße“ aufgeteilt wurden.

Bank mit Botschaft: Nicht zum Setzen gedacht ist eine Bank auf dem Marktplatz. Norbert Biba (im Bild mit Jasmin Sauerwein) wendet sich damit gegen Rassismus und Diskriminierung.

„Meine Bank will an diese Zeit erinnern und eine Mahnung gegen Rassismus sein“, sagt Initiator Norbert Biba. Als der Wahl-Frankfurter in den 1980er-Jahren in London war, entstanden Kontakte zur dortigen Anti-Apartheid-Bewegung. „Damals bin ich in die Materie reingewachsen“, erklärt der 59-Jährige. Bisher war er rund 15-mal in Südafrika. Dort beteiligte er sich federführend an temporären Ausstellungen, darunter 2006 im Apartheid-Museum in Johannesburg oder auf Robben Island, der ehemaligen Gefängnisinsel von Nelson Mandela. Bibas Anti-Apartheid-Bank wurde vor drei Jahren geschaffen. Um junge Menschen mit dem Thema zu konfrontieren, hat er eine Kooperation mit der Frankfurter Heinrich-Kleyer-Schule initiiert. Im Kunstunterricht widmeten sich Schüler Bau und Hintergrund. Während der Herstellung stimmte die Schweiz gerade über eine Begrenzung der Zuwanderung ab. „Das erklärt auch die Aufschrift ,Nur für Schweizer’. Damit haben die Schüler die Grundidee auf interessante Weise weitergesponnen“, sagt Biba.

In den vergangenen Monaten war die Bank schon in Frankfurt und Offenbach auf verschiedenen Straßen und Plätzen zu sehen. Auf der Suche nach Geschäften oder Restaurants, vor denen sie sich aufstellen lässt, trifft Biba nicht nur auf offene Arme. „So was passt nicht zu uns!“, bekommt er öfter zu hören. „Das Thema hat für viele etwas Unangenehmes“, lautet eine wichtige Erfahrung des gebürtigen Hanauers, der in Babenhausen aufwuchs. Auch in Dieburg auf dem Marktplatz wurde er zweimal weitergeschickt. Beim M22 traf er mit Inhaberin Jasmin Sauerwein auf eine Unterstützerin. „Mich haben die Fotos auf der Bank berührt. Das gilt vor allem für jenes mit dem weißen Mädchen, das hinter der Bank steht, weil es sich beim Gespräch mit einem dunkelhäutigen Mann nicht setzen darf“, sagt sie. „Ich bin gespannt, wie die Leute auf die Bank reagieren“, meint Sauerwein. Bisher sind die Reaktionen höchst unterschiedlich. Das rührt daher, dass die Bank über kein erklärendes Beiwerk verfügt. „Das eröffnet Raum für Spekulationen. Genau das wollten wir“, so Biba.

Das Apartheid-Regime in Südafrika endete Anfang der 1990er-Jahre. „Trotzdem ist das Thema Diskriminierung und Rassismus fortwährend aktuell“, sagt der Initiator, der im Hauptberuf Autoglaser ist und dem sein Objekt mittlerweile zum Künstlerstatus verholfen hat. Die Bank wird bis nächsten Monat in Dieburg bleiben. Dann soll ihr Weg nach Kassel führen, wo die „documenta“ ansteht.

Rubriklistenbild: © Just

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