Verkehrsschule für Behinderte: Polizei geht individuell auf jeden ein.

Und immer wieder loben

Seit fünf Jahren kümmert sich die Verkehrsschule Dieburg in den Sommerferien um die Verkehrserziehung von Behinderten. Ralf Drexelius (links) und sein Kollege Norbert Volk stellen sich dabei auf jede Form der Behinderung individuell ein.

Dieburg - „Weiter, weiter! Nicht auf den Boden gucken!“, ruft Ralf Drexelius und läuft im sportlichen Dauerlauf neben Ina her, die äußerst wackelig auf ihrem Fahrrad fährt. „Man hat ihr immer gesagt, sie könne nicht Radfahren.

Aber sie will es unbedingt“, erzählt der Polizeihauptkommissar von der Dieburger Jugendverkehrsschule. Als er nach rund 100 Metern mit einem anerkennenden „Sehr schön. Jetzt hast du allen gezeigt, was du kannst“ die 30-Jährige lobt, zaubert er ein Lächeln auf ihr Gesicht.

Auf dem Verkehrsübungsplatz der Fahrschule Völker, wo sonst Grundschüler ihre Runden drehen, sieht man derzeit Menschen mit Behinderung, die in das „Verkehrs-ABC“ eingewiesen werden. Sie kommen von den Dieburger Werkstätten für Behinderte und bringen körperliche, geistige oder auch mehrfache Behinderungen mit. Das Alter der Teilnehmer liegt zwischen 18 und 50 Jahren. Jedes Jahr in den Sommerferien rücken in der Regel drei kleine Gruppen mit bis zu fünf Personen an.

Die Verkehrserziehung ist im Fall von Ina aber erst der zweite Schritt: Sie lernt das Fahrradfahren von Grund auf. „Die Betreuer treffen zuvor eine Auswahl, wer hierher kommt“, erzählt Drexelius und ergänzt, dass sich regelmäßig so manche Überraschung einstellt: „Die Barbara wurde eigentlich für das Dreirad vorgeschlagen. Wir haben sie aber mal auf ein richtiges Fahrrad gesetzt und gemerkt, dass sie Gleichgewichtssinn hat und deshalb mehr kann.“

Norbert Volk, der von der Jugendverkehrsschule Pfungstadt kommt und Drexelius im Sommer unterstützt, kehrt gerade mit Barbara vom realen Verkehrsgeschehen zurück. „Wir waren beim Campus“, erzählt der Polizist nicht ohne Stolz vom erfolgreichen Einzelunterricht. Mit Dreiradfahrer Dominik soll‘s jetzt ebenfalls gleich raus und damit weg vom autofreien Übungsplatz gehen. „Du packst das“, deutet Drexelius in Form eines wohlwollenden Nicken in Richtung des Jungen an, der am Down-Syndrom leidet. Auch wenn Dominik nicht so gut sprechen könne, verstehe er eine ganze Menge. Um die Kommunikation zu erleichtern, hat man ganz pragmatisch eine kleine Gebärdensprache mit Daumen hoch für „Vorfahrt“ und Daumen runter für „Vorfahrt gewähren“ entwickelt.

Seit rund fünf Jahren gibt es mittlerweile diese ungewöhnliche Verkehrserziehung. In der ersten Stunde werden der Gleichgewichtssinn beziehungsweise die motorischen Fähigkeiten der Behinderten geprüft. „Wir hatten hier motorisch schon unheimlich starke Kandidaten, die einhändig im Kreis gefahren sind“, erinnert sich Drexelius. Anders als bei den Regelschülern, die sich in der Gruppe anleiten lassen, müssen sich die Polizisten bei den Behinderten auf jeden Teilnehmer individuell einstellen. „Wir taxieren alle einzeln, um den Typus zu erkennen“, sagt Volk. Hinzu kommen dann noch die sachlichen Herausforderungen in punkto Motorik oder beim Verstehen der Verkehrsregeln. Dementsprechend ist auch die Pädagogik angelegt: „Um Gottes Willen, niemals schreien“, hebt Drexelius heraus. Vielmehr gelte es, immer wieder ein motivierendes Lob übrig zu haben.

Während Volk mit Dominik unter erhöhter Wachsamkeit durch Dieburg fährt, lernt die 30-jährige Ina das Anfahren auf dem Rad. „Locker bleiben. Jetzt mit Schwung Fuß hoch und treten!“, ruft der 41-Jährige. Seine schwere Aufgabe wird auch daran deutlich, dass Ina beim Anhalten nicht die Bremse zieht, sondern mit den Füßen tippelt. „Sie hat Angst zu kippen. Die Übungen bedeuten immer wieder großen Stress für sie“, erklärt der Polizist. Seine Worte machen deutlich, dass es in diesem Fall reichlich Geduld und vieler kleiner Schritte bedarf. Auch Videoaufzeichnungen fertigen die beiden Polizisten an, um danach mit ihren Schützlingen gemeinsam die Fehler zu besprechen.

Was immer wieder auffällt, ist die Mühe der beiden Verkehrszieher, denen nie eine Hilfestellung oder mehrmaliges Erklären zu viel ist. Vor allem bei Ina ist Ausdauer gefragt. „Das dauert vorneweg noch zwei Monate“, konstatiert Drexelius. Hat er überhaupt soviel Zeit? „Die wird immer mal irgendwo einbaut. In diesem Fall auch nach den Ferien“, lautet die Antwort. Heute steht noch ein Lehrfilm auf dem Programm, denn bei den Behinderten ist wichtig, diese nicht zu überfordern. Für ihre Teilnahme an der Verkehrsschule erhalten sie eine Bescheinigung. Vor deren Aushändigung findet noch ein kleiner Test statt. Eine theoretische Prüfung gibt es nicht, sondern nur einen praktischen Teil im Straßenverkehr. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Vorfahrtsregeln und dem Linksabbiegen bei Gegenverkehr.

„Die Barbara hat das gut verstanden“, loben die beiden Polizisten. „Jeder macht Fehler. Aber die Grundregeln sind bei ihr da“, ergänzt Drexelius und schickt noch sein abschließendes Fazit hinterher, dass bei Barbara eine spürbar innere Freude auslöst: „Ich kann sie nach meiner Einschätzung alleine fahren lassen.“

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