Intensiver Wille, Deutsch zu sprechen

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Aus Äthiopien, Bulgarien, Eritrea, Indien, Polen und der Türkei sind diese Schüler erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen. Mit Hilfe von Lehrerin Ursula Zimmermann wollen sie schnell Deutsch lernen.

Dieburg - Zehn Schüler stehen auf und begrüßen ihre Lehrerin. Zehn Schülerarme stoßen in die Luft, wenn die Lehrerin eine Frage stellt. Einige Finger schnipsen. Von Barbara Hoven

Zehn Schüler wirken… wissensdurstig, kann das sein? „Vor den Ferien kommen manchmal Schüler an mein Pult und betteln um Arbeitsblätter für die freien Tage.“ Ursula Zimmermann schildert Szenen, in denen sich tausende ihrer Kollegen in Deutschland wohl lieber heftig kneifen würden, als diesen schönen Pädagogentraum weiter zu träumen und irgendwann in der Realität hart aufzuschlagen. Die Lehrerin Zimmermann hat beizeiten nicht gekniffen. Vor allem vor der Herausforderung, eine Intensivklasse zu übernehmen.

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Mehr Informationen über die Intensivklasse an der Dieburger Goetheschule finden Sie hier.

2005 war das, an der Stephan-Gruber-Schule in Eppertshausen. Sieben Jahre lang hatte die heute 56-jährige Pädagogin zuvor in Russland gelebt. Als sie in ihre Heimat zurückkehrte, sagt sie, „wusste das Schulamt nicht so recht was mit mir anzufangen. Da dachten die wohl: Wenn die Frau schon im Ausland war, dann soll sie doch `ne Intensivklasse leiten.“ Solche Klassen stehen Kindern von Migranten offen, die erst seit Kurzem in Deutschland leben. Weil ihnen mangels deutscher Sprachkenntnisse der normale Unterricht nichts bringen würde, werden sie ein Jahr lang auf den Regelunterricht oder die Berufsschule vorbereitet. Die Intensivklasse zog vor zwei Jahren an die Dieburger Goetheschule um. Die ist besser erreichbar für die Schüler - wobei das Stühlerücken und Fingerschnipsen, der offensichtliche Eifer und die Dankbarkeit im Klassenzimmer von Ursula Zimmermann jeden Zweifel daran beseitigen, dass Yemarwa, Dilan, Özgür, Andzhelika, Daria, Abel, Sebastian, Betelihiem, Kavin und Aman notfalls auch schwierige Wege in Kauf nehmen würden, um Deutsch zu lernen.

„Alle sind wirklich hoch motiviert und es ist fantastisch zu sehen, wie schnell die lernen“,schwärmt die Lehrerin. Dass sie an den bemerkenswerten Fortschritten ihrer Schützlinge aus der Türkei, Äthiopien, Polen, Eritrea, Indien und Bulgarien maßgeblichen Anteil hat, wird schnell deutlich - auch wenn die bescheidene Frau das so nie sagen würde. Stattdessen sagt sie: „Meine Schüler sind zwischen elf und 17 Jahren alt und haben völlig unterschiedliche Kenntnisstände. Klar ist es da schwierig, den Unterricht so zu gestalten, das für alle etwas dabei ist.

Ist es, was sich schon beim Blick auf optisch abenteuerlich anmutende Werke an der Wand erschließt: Zimmermann hat jeden Schützling Tolstois Gedicht „Drei Brote und ein Brötchen“ in dessen Muttersprache – und damit in der Mutterschrift – aufschreiben lassen. „Da ich weder Urdu, Punjabi oder Amharisch beherrsche, kommt beispielsweise ein normaler Vokabeltest nicht in Frage“, erklärt die Pädagogin. Also hat sie, als Ergänzung zu speziellen Lehrbüchern für „Deutsch als Fremdsprache“, selbst Lernspiele entwickelt, Vokabelkärtchen gebastelt.

Auch ein Kassettenrekorder ist ihr ständiger Begleiter. Denn das Hörverstehen zu fördern, ist neben dem Leseverstehen, Lesen und Schreiben ein wichtiger Bereich des Unterrichts. Neben Deutsch und noch mal Deutsch stehen aber auch Mathe, Englisch, Kunst, Arbeitslehre und Sport auf dem Stundenplan. Außerdem unternimmt Zimmermann mit ihren Schülern immer wieder Ausflüge. In dieser Woche ging´s nach Darmstadt in den Zoo. Natürlich auch, um die deutschen Namen der Tiere zu lernen. „Schon mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin zu fahren, ist für die Schüler eine Herausforderung und hilft ihnen, die Sprache zu lernen.“

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