„Frag doch mal den Seelsorger“

Interview mit Dieburger Gefängnis-Seelsorger Andreas Reifenberg

+
Der katholische Gefängnisseelsorger Andreas Reifenberg.

Dieburg - Gefängnisseelsorge ist eine wichtige Aufgabe der Kirche. Auch in der Justizvollzugsanstalt Dieburg gibt es Seelsorger – einen katholischen, einen evangelischen und einen muslimischen. Im Interview mit Julius Prior erzählt der Katholik Andreas Reifenberg von sich und seinem Beruf.

Herr Reifenberg, was haben Sie vor der Gefängnisseelsorge gemacht? 
Ich arbeite seit sechseinhalb Jahren als Gefängnisseelsorger in Dieburg. Vorher war ich sieben Jahre in einer Pfarrgemeinde und elf Jahre als Dekanatsreferent im Dekanat Darmstadt tätig. Meine Berufsbezeichnung ist Pastoralreferent. Das ist ein Beruf, mit dem man innerhalb der Kirche die verschiedensten Einsatzfelder belegen kann. Im Gefängnis habe ich nur eine halbe Stelle, mit der anderen halben Stelle mache ich die Dekanatsarbeit im Dekanat Dieburg weiter. Das ist ein etwas kleineres Dekanat, deshalb ist nur eine halbe Stelle dafür vorgesehen.

Wie sind Sie zur Gefängnisseelsorge gekommen?

Ich habe gern mit Menschen zu tun, das ist der große Reiz der kirchlichen Berufe. In der Gefängnisseelsorge habe ich gute Möglichkeiten dafür.

Was ist das Spannende an der Gefängnisseelsorge?

Das Spannende ist, dass ich sehr konkret mit Menschen zu tun habe. Im Gefängnis kann ich Menschen auf einer schwierigen Wegstrecke begleiten. Sie vertrauen sich den Seelsorgern an. Weil sie bei uns Gelegenheit haben, in Ruhe zu reden, ohne dass offenkundig wird, was gesagt wurde. Und eben dieser Kontakt mit Menschen ist interessant.

Wieso gibt es eigentlich Seelsorge im Gefängnis?

Es gibt zwei Hauptgründe. Der eine ist die Möglichkeit, unter Verschwiegenheit mit jemandem zu reden. Der andere ist, dass auch Gefangene das Recht auf Religionsausübung haben. Das heißt, sie müssen die Möglichkeit haben, das zu tun, was man als Christ so tut. Wir feiern jeden Sonntag Gottesdienst, abwechselnd evangelisch und katholisch. Es kommt auch mal vor, dass jemand getauft werden oder eine Beichte ablegen möchte. Da kommt Pfarrer Alexander Vogl, weil ich ja kein Pfarrer bin. Denn Menschenrechte bleiben im Gefängnis bestehen – auch wenn mancher das nicht glaubt. Die Strafe besteht nur im Entzug der Freiheit.

Seelsorger haben einen Sonderstatus im Gefängnis. Wie genau sieht dieser aus?

Seelsorger sind im Gefängnis die Einzigen, die über ihre Gespräche mit den Gefangenen nichts sagen müssen und nichts sagen dürfen. Alle anderen sind oder können Teil des Vollzugsplans sein. Das heißt: Alles, was gesagt oder nicht gesagt wird, hat positive oder negative Auswirkungen auf die Haftstrafe. Als Seelsorger verpflichtet mich gegenüber der Kirche das Seelsorgegeheimnis, gegenüber dem Staat schützt mich das Zeugnisverweigerungsrecht. Aussagen darf ich nur, wenn der Gefangene mich vom Seelsorgegeheimnis entbindet.

Bilder: Polizeiübung rund um das Dieburger Gefängnis

Wie oft haben Sie Gespräche mit Gefangenen?

Täglich. Die Gefangenen können nicht einfach zu mir kommen. Die müssen ein Anliegen schreiben für alles, was außerhalb ihrer Zelle geschieht. Ob es um Geld geht, ein Gespräch mit dem Psychologen oder der Sozialarbeiterin – sie müssen für alles etwas schreiben. Eben auch an die Seelsorge. Und ich habe immer mehr Anliegen, als ich abarbeiten kann.

Worum geht es in den Gesprächen? Persönliche Anliegen, die Straftat oder die Situation im Gefängnis?

Das ist sehr gemischt. Manchmal sind es sehr persönliche Dinge, manchmal ist es einfach Tabak oder Kaffee oder ein Telefonat. Es gibt immer mal Gefangene, die Angst haben, eine Frist zu versäumen und ihre Therapie oder vorzeitige Entlassung zu riskieren. Aber oft genug sind es andere Dinge: Wenn sie nicht wissen, was sie nach der Entlassung machen sollen, oder sich für die Freiheit nicht fit genug fühlen. Oder eben Beziehungssachen. Mal geht es darum, zum Vater wieder in Kontakt zu kommen, mal um die Beziehung mit Frau und Kindern.

Hatten Menschen, die zu Ihnen kommen, schon vor der Haft Kontakt zu Seelsorgern?

Das ist unterschiedlich. Manche sind oder waren in einer christlichen Gemeinde, waren in ihrer Jugend bei der KjG, also der Katholischen jungen Gemeinde, oder bei den Messdienern. Die sind zum Teil auch in der Bibelstunde und im Gottesdienst. Es gibt aber andere, die noch keinen Kontakt zur Seelsorge hatten. Die brauchen auch mal jemanden, mit dem sie vertraulich reden können. Wir hören oft, dass wir als Seelsorger empfohlen werden. Wenn jemand telefonieren muss oder Tabak braucht, heißt es: „Frag doch mal den Seelsorger.“

Dann sind Sie die Vertrauensperson im Gefängnis? Die Leute kommen eher zu ihnen als zum Psychologen oder zum Sozialarbeiter?

Ich denke, es gibt auch welche, die können mit dem Psychologen gut reden. Das Problem ist: Der Psychologe muss den Gefangenen beurteilen. Das ist beim Seelsorger nicht so. Ich denke auch, dass es wichtig ist, dass es dieses Ventil gibt. Diese eine Person, die Schweigen bewahrt und den Druck vom Kessel nimmt. Wenn man da helfen kann und jemand erst mal beruhigt ist, weiß man, weswegen man das macht.

Haben Sie auch nach der Haftstrafe Kontakt zu den Menschen?

Ja, manche, mit denen ich viel zu tun hatte, rufen noch mal an. Dieser Tage kommen zwei, mit denen trinke ich einen Kaffee. Das finde ich sehr schön, man möchte ja wissen, wie es weitergegangen ist – gerade bei denen, die einem nahe gekommen sind. Manche sehe ich wieder, weil sie die Therapie abgebrochen haben und den Rest absitzen müssen oder weil sie wieder straffällig geworden sind.

Leisten Sie Seelsorge für Angehörige der Inhaftierten?

Angehörige brauchen manchmal genauso jemanden zum Reden wie die Männer im Gefängnis. Da telefonieren wir schon mal länger. Ich treffe mich aber nicht mit ihnen. Ich sehe zu, dass ich in meiner Arbeit immer transparent bin. Ich horche etwa nicht die Frau über den Mann aus oder umgekehrt. Wenn es schwierig wird, biete ich einen Sonderbesuch in meinem Büro oder ein Telefonat an, um ihnen ein emotionales Plus zu geben. Ich finde es wichtig, dass Beziehungen, die da sind, die Haftzeit überleben. Es geht ja immer um die Chance – und die will ich Paaren und Familien geben.

Seelsorger schaffen ja auch mit materiellen Kleinigkeiten Abhilfe. Wie handhaben Sie das?

Wir sind großzügig mit kleinen Dingen. Das heißt, wenn jemand sagt: „Ich brauch mal ‘ne Briefmarke“, dann bekommt er eine Briefmarke – oder auch zwei. Wenn es um Kaffee geht, gibt es nicht das ganze Glas, sondern eine kleinere Portion. Bei Tabak bekommt jemand, wenn er neu kommt, auch nicht den ganzen Koffer. Stattdessen packen wir zehn Gramm ab und ein paar Blättchen dazu. Wir geben das, was wir leicht verschenken können, ohne dass es den Rahmen sprengt.

Können Sie auch Kontakte zu Gefangenen herstellen oder Bücher und Spiele ins Gefängnis bringen, wenn sich jemand für die Inhaftierten einsetzen möchte?

Es besteht die Möglichkeit, sich im Gefängnis ehrenamtlich zu engagieren, zum Beispiel durch Einzelbegleitung eines Gefangenen. Dafür gibt es einen Mitarbeiter. Bei uns ist derzeit der Psychologe für alle Ehrenamtlichen zuständig. Und wenn jemand Bücher bringt für die Gefängnisbücherei, ist die pädagogische Kraft zuständig. Aber weil mir immer wieder Bücher angeboten werden, mache ich das auch. Oder wenn Spiele verschleißen, bringe ich auch neu gespendete rein. Es gibt zum Beispiel nie genug Backgammon-Spiele im Gefängnis.

Neun Klöster für eine spirituelle Auszeit

Es gibt mehrere Seelsorger im Gefängnis; neben Ansprechpartnern für beide christliche Konfessionen auch einen Imam, der einmal pro Woche kommt. Werden Sie nur von Katholiken aufgesucht?

Es wird manchmal vermutet, dass das so ist. Aber wir sind für alle Menschen im Gefängnis da. Also natürlich für die Gefangenen, aber auch für die Bediensteten und Sozialarbeiter. Allerdings teilen wir unsere Kontakte auf. Wenn jemand als Erstes mit dem evangelischen Seelsorger Guido Hinz in Kontakt gekommen ist, bleibt er auch bei Pfarrer Hinz. Wenn er zuerst bei mir war, bleibt er auch bei mir. Sonst würden wir vielleicht doppelt in Anspruch genommen. Zu uns kann jeder kommen, wir sind nicht wählerisch – aus Prinzip. Als Kirchenmänner müssen wir für alle da sein, wie Christus für alle da gewesen ist.

Sie begleiten Gefangene außerdem auf Freigängen. Bekommen Sie oft Anfragen?

Manchmal ja. Wenn jemand gegen Ende seiner Strafe die Aussicht hat, allein rauszugehen, aber vorher noch einmal in Begleitung rausgehen soll, gehe ich mit. Das ist ein „begleiteter Ausgang“, bei dem es reicht, wenn ein Seelsorger oder ein Sozialarbeiter dabei ist.

Und wohin gehen Sie mit den Menschen?

Ich war mal mit jemandem beim Standesamt in Frankfurt. Das hatte ich bisher zweimal, dass Familienangehörige geheiratet haben. Oder dass einer mit Frau und Kindern zusammen einfach mal auf den Spielplatz geht. Damit kehrt ein bisschen das Gefühl von Normalität zurück. Die Menschen sitzen in Dieburg maximal zwei Jahre hinter Gittern, aber in der Zeit vergisst man schon ein wenig, wie die Welt draußen aussieht.

Dieser Ausgang ist also dazu da, die Gefangenen wieder an die Freiheit zu gewöhnen?

Ja, im Prinzip schon. Ich bin sehr dafür, dass das gemacht wird – eben zur Vorbereitung auf die Entlassung und das normale Leben. Es gibt eher zu wenige Lockerungsmaßnahmen, was aber damit zusammenhängt, dass die Vorhandenen leider immer wieder missbraucht werden. Und das macht es immer schwer, einen Ausgang zu genehmigen. Aber ich finde es trotzdem wichtig, dass es gemacht wird.

Weil Sie vorhin Ihre halbe Stelle im Dekanat Dieburg angesprochen haben – was machen Sie dort?

Es geht um die Zusammenarbeit zwischen den Pfarrgemeinden und den anderen katholischen Seelsorgefeldern sowie der Caritas. Wir stehen in den Pfarrgemeinden alle vor denselben Fragen und machen uns auf die Suche nach Antworten. Wir wissen, dass wir in zehn bis 15 Jahren von allem weniger haben werden – weniger Geld, weniger Gemeinden, weniger Kirchenmitglieder –, auch wenn wir das nicht wollen. Aber wir müssen uns damit befassen, sodass wir zukünftig auch in der Fläche noch immer eine lebendige Kirche darstellen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.