„Aber das Dritte Reich lässt du weg!“

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Hat drei Jahre lang in den Akten gewühlt und mit Zeitzeugen gesprochen: Werner Straszewski. Sein Buch „Dieburg unterm Hakenkreuz - 1933-1945“ soll im November erscheinen.

Dieburg - Im November stellt der Heimatverein als Herausgeber das neue Buch von Werner Straszewski vor. „Dieburg unterm Hakenkreuz“ ist die erste Dokumentation über die NS-Zeit in der Stadt.

Straszewski selbst hatte die Idee, welthistorische Themen aus Dieburger Sicht zu beleuchten. Auftragsarbeiten für den Heimatverein, etwa zum Dreißigjährigen Krieg, zur Französischen Revolution und zur Deutschen Revolution 1848 machten den Anfang - doch sein aktuelles Werk ist mit Abstand sein umfassendstes. Auf 400 Seiten widmet sich Werner Straszewski (siehe auch Infokasten) unter dem Titel „Dieburg unterm Hakenkreuz, 1933-1945“ dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte und bricht es auf die Stadt an der Gersprenz herunter.

Drei Jahre lang hat Straszewski recherchiert und seine Erkenntnisse niedergeschrieben. Anne Sattig, Ehrenvorsitzende des Heimatvereins, sprach mit zahlreichen Zeitzeugen, deren Berichte die Aussagen des Buches ergänzen und die Schrift abrunden.

Nur noch gestalterische Kleinigkeiten werden derzeit rund um das Werk, das voraussichtlich zum Martinsmarkt erscheinen wird, vorgenommen. In mehreren Gastbeiträgen in dieser Zeitung wird Straszewski schon vor der Veröffentlichung des gesamten Buchs einige Aspekte rund um Dieburg in der NS-Zeit aufgreifen. Weniger über die Herrschaft der Nationalsozialisten selbst denn über die Arbeit am Buch und dessen Intension sprach DA-Mitarbeiter Jens Dörr mit dem Autor.

Herr Straszewski, bislang haben sich Ihre Arbeiten vorwiegend mit der Weltgeschichte und ihren Auswirkungen auf Dieburg im 17., 18. und 19. Jahrhundert beschäftigt. Nun der Sprung in das 20. Jahrhundert, in ein Kapitel, dessen Protagonisten teilweise noch leben. Wie kam es, dass Sie die NS-Zeit als Ihr nächstes Thema ausgewählt haben?

Werner Straszewski: Meine Familie hatte mich schon einige Zeit gedrängt: Mach’ doch mal was zum Dritten Reich. Später hat sie wie auch ich gemerkt, dass das ein Full-Time-Job ist. Da kam dann auch mal der berechtigte Vorwurf, dass ich zu wenig Zeit für die Familie hätte. Vor allem aber hatte ich gemerkt: In den Dieburger Familien wird relativ wenig über das Thema geredet.

Wieso ist das so? Zumindest die Medien haben die Zeit ja bis ins Detail aufgearbeitet ...

Der Dieburger Historiker Hans Dörr hat mir erzählt, dass er auf Widerstände gestoßen ist, als er die Geschichte Mosbachs aufarbeiten wollte. Da wurde häufiger gesagt: Aber das Dritte Reich lässt du weg! Mancher hatte wohl tatsächlich Dreck am Stecken. Viele haben aber wohl auch die Angst, dass sie über konkrete Personen erzählen sollten und diese im Buch dann angeklagt würden.

Worum es im Buch aber nicht geht?

Nein. Es geht nicht um Anklage, es geht um Information. Und die Namen der Zeitzeugen sind dergestalt anonymisiert, dass sich nicht zuordnen lässt, welcher Beitrag im Buch auf welchen noch lebenden Dieburger zurückgeht. Leider sind seit der Befragung schon zwei der Zeitzeugen gestorben sind.

Wie viele Dieburger haben Anne Sattig und Sie befragt?

Insgesamt waren es rund 30 - die meisten hat Anne Sattig interviewt. Auf den Aufruf via Zeitung haben sich zunächst nur drei Personen gemeldet, die über die NS-Zeit in Dieburg reden wollten. Auch hier hat man die Scheu gemerkt. Über persönliche Hinweise haben wir dann aber doch mehr Zeitzeugen gefunden. Die meisten waren zwischen 1933 und 1945 noch Kinder.

Welche Quellen haben Sie noch genutzt?

Ich habe im Dieburger Stadtarchiv gesucht, im Staatsarchiv in Darmstadt, im Pfarrarchiv, in Jubiläumsschriften von Dieburger Vereinen und Institutionen, im Buch „Beiträge zur Geschichte der Juden in Dieburg“. Auch hier war der Umgang mit den Juden das Schlimmste, was in der NS-Zeit passiert ist. Zurückgreifen konnte ich nach und nach auch auf Sammlungen von Texten und Fotos der Zeitzeugen. Meist handelte es sich um Artikel aus der lokalen Presse. Auch die bis 1941 erschienene „Starkenburger Provinzialzeitung“ war eine wichtige Quelle.

Die ob der Gleichschaltung der Medien sicherlich mit Vorsicht zu genießen war.

Natürlich. Darin finden Sie nichts Kritisches zum NS-Regime. Dieburg hatte damals 6000 Einwohner, auch hier schlug zum Beispiel die Reichspogromnacht hohe Wellen. In der Zeitung stand aber kaum etwas dazu drin, nur ein bisschen was von „Unruhen“. Aber die Dieburger wussten auch ohne Zeitung, was geschehen war.

Wie haben Anne Sattig und Sie die Dieburger erlebt, wenn Sie Ihnen vom Dritten Reich erzählt haben?

Die Menschen haben überwiegend ihre individuellen Geschichten erzählt - manchmal Schwänke, manchmal vom Krieg, manchmal, wie sie das System überlisteten. Es war nicht so, dass bei den Interviews die Tränen geflossen wären.

Wo haben Ihre Recherchen Grenzen gefunden?

Ich konnte beispielsweise nicht die ganzen Gerichtsakten lesen – ich hatte Zugriff, zeitlich war das aber einfach nicht leistbar. Auch das Thema Sport kommt zu kurz. Ein großes Kapitel meines Buchs widme ich hingegen der Kirche, vorwiegend der katholischen. Denn die Katholiken waren für die Nationalsozialisten neben Kommunisten und Sozialdemokraten der am meisten gefürchtete Gegner, hatten aber weit weniger zu leiden als die beiden anderen Gruppen. Mein Buch endet mit dem Einmarsch der Amerikaner.

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