Neujahrsempfang

„Irgendwer meckert immer“

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Aufmerksame Zuhörer: Über 350 Bürger waren gestern Nachmittag zum Neujahrsempfang der Stadt in die Römerhalle gekommen.

Dieburg - Klingende Sektgläser, gemütliche Gespräche am Stehtisch, aufmerksames Zuhören bei den Ansprachen von Stadtverordnetenvorsteher Dr. Harald Schöning und Bürgermeister Dr. Werner Thomas: Mehr als 350 Dieburgern kamen gestern zum Neujahrsempfang der Stadt in die Römerhalle. Von Lisa Hager

Begrüßten die Bürger gemeinsam: Bürgermeister Dr. Werner Thomas (links) und Stadtverordnetenvorsteher Dr. Harald Schöning.

Der Saal füllte sich zusehends – „es sind mehr als im vergangenen Jahr“, bemerkte ein Beobachter und griff sich ein Sektglas von einem der Tabletts, die Römerhallen-Pächter Tobias Niestatek und seine Helfer gekonnt durch die Menge jonglierten. Viele Gäste waren schon gemütlich in Gespräche vertieft, als Werner Utmelleki am Keyboard mit monumentalen Klängen deutlich machte, dass man nun zum offiziellen Teil überging.

Als erster Bürger Dieburgs trat Stadtverordnetenvorsteher Dr. Harald Schöning auch als erster ans Rednerpult. Ihm oblag es, neben den vielen Dieburger Bürgern auch die Ehrengäste wie die Bundestagsabgeordnete Patricia Lips (CDU) und die Landtagsabgeordneten Manfred Pentz (CDU) und Wilhelm Reuscher (FDP) zu begrüßen.

In seiner Rede gab er sich betont ernst und forderte höhere ethische Maßstäbe für die Politik. Auch unangenehme Wahrheiten dürfe man als Politiker nicht verschweigen, nur weil sie eventuell das Wahlergebnis negativ beeinträchtigen könnten, meinte er. Dazu gehöre auf der kommunalpolitischen Ebene beispielsweise die Diskussion über die immensen Kosten für die Kinderbetreuung, für die man in Dieburg in diesem Jahr drei Millionen Euro ausgeben müsse. Im vergangenen Jahr seien es 600.000 Euro weniger gewesen.

Große Aufgaben

„Hier stoßen wir an unsere Grenzen“, sagte Schöning. Hier müssten die Eltern beteiligt werden, anders sei das nicht zu stemmen. Nach einer Umfrage habe sich in Dieburg bei den U-3-Plätzen ein Bedarf von 60 Prozent ergeben. Da kämen große Aufgaben auf die Stadt zu.

„Die Diskussion über die Betreuung wird leider nicht aus der Sicht der Kinder geführt“, schnitt er auch das Thema Betreuungsgeld an – seiner Meinung nach zu Unrecht als „Herdprämie“ diffamiert. „Das kann doch nichts Verwerfliches sein, wenn man sich dafür entscheidet, sein Kind zu Hause zu betreuen“, sagte er. Nicht alle Kinder seien gleich, für manche sei eine persönliche Bindung zu einem Elternteil sehr wichtig für die Entwicklung. „Wir müssen auf diesem Gebiet alle zusammen nach kreativen Lösungen suchen“, appellierte er.

Bürgermeister Thomas legte andere Schwerpunkte, nachdem er Grüße vom früheren Guardian der in Dieburg jetzt bereits schmerzlich vermissten Kapuziner, Bruder Berthold, überbrachte. Abseits des kommunalpolitischen Tagesgeschehens forderte er die Bürger auf, negative Erlebnisse und Entwicklungen nicht überzubewerten. In einer Umfrage des DA habe man erfreulicherweise lesen können, dass die meisten Befragten das kommende Jahr und ihre eigene Situation positiv sehen. „Man sollte sich immer um Ausgewogenheit bei der Sicht der Dinge bemühen und sich auf Tatsachen berufen, weniger auf Gerüchte“, sagte er.

Kritik an den Medien

Damit räumte er auch das anscheinend immer noch kursierende Gerücht aus der Welt, Römerhallen-Pächter Niestatek wolle das Serviertuch schmeißen. „Wie man sieht, ist er aber immer noch da und ich sehe keinen Grund, warum sich daran in den nächsten Jahren etwas ändern sollte“, so Thomas eindeutig.

Er verband seine Ansprache auch mit einer Kritik an den immer schneller mit Nachrichten um sich werfenden neuen Medien, die die Menschen mit ungesteuerter Kommunikation zusehends verunsicherten. „Ich appelliere an alle, doch besser wieder einmal selbst nachzudenken, als schnell mal bei Google oder Facebook zu recherchieren“, so das Stadtoberhaupt. Er erlaube es sich selbst durchaus, einiges nicht zu wissen und schloss das Thema mit einem Zitat von Isaac Newton: „Das, was wir wissen, ist ein Tropfen, das was wir nicht wissen, ein Ozean.“

Was die Stadt und ihre Bürger hingegen viel dringender bräuchten, sei ein Klima der gegenseitigen Rücksichtnahme, sagte er. „Und das wäre für uns werbewirksamer als jede Marketingkampagne.“

Schließlich – wer hätte es anders erwartet – griff das stimmgewaltige Stadtoberhaupt (Bass) zum pinkfarbenen Mikro und sang sich auf humoristische Weise noch ein bisschen Frust von der Seele. „Du kannst klotzen, du kannst kleckern“, erschallte es von der Bühne, „irgendwer wird immer meckern.“ Da konnten ihm seine Zuhörer, die nicht mit Applaus sparten, sicher zustimmen.

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