„Ist das da etwa Zeckenöl?“

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Keinerlei Berührungsängste: die Kindergartenkinder aus St. Wolfgang finden für ihre Fragen zum Tod viele Antworten im Bestattungsunternehmen Braun.

Dieburg ‐ „Wer will mal auf die Trage?“, fragt Helmut Braun. Die kleinen Ärmchen schießen wie auf Knopfdruck in die Höhe. „Ich, ich“, rufen die Kinder der Kindertagesstätte St. Wolfgang. Die quirligen Racker sind zu Besuch im Bestattungsunternehmen Braun und wollen mehr über das rätselhafteste Phänomen, das die Welt kennt, erfahren: den Tod. Warum stirbt ein Mensch? Was geschieht mit einem Toten? Wohin wird er gebracht und was passiert sonst noch mit ihm? Von Dirk Beutel

Geschäftsinhaber Helmut Braun ist genau der Richtige für diese Art von Fragen. Freundschaftlicher Humor, gemixt mit der nötigen Portion Fachwissen lässt bei den Vorschulkindern Schüchternheit gar nicht erst aufkommen. Sein Sohn Joachim führt ebenfalls durch das Institut und erklärt die chronologische Abfolge, wenn in ihrem Betrieb der Auftrag für eine Bestattung eingeht.

Dabei kommen die Kinder mit der Schaufeltrage in Berührung. Sie ist das wichtigste Gerät für die Bestatter, um einen Leichnam abzuholen. „Sie ist flexibel und erleichtert uns das Tragen“, sagt Helmut Braun, während sein Sohn das eine oder andere Kind zum Probeliegen hochhebt. Diese sind derart fasziniert, dass sogar Kindergartenleiterin Juliane Kempf auf die Bahre muss - zur Belustigung ihrer Schützlinge. „Die Kleinen haben keine Berührungsängste. Trotzdem wollen sie ein paar Antworten über den Tod“, sagt die Kindergartenchefin, die den Besuch zum ersten Mal macht.

Was verbirgt sich hinter der großen breiten Tür?

Im Versorgungsraum schildert Joachim Braun inzwischen das weitere Prozedere, geht aber bewusst nicht auf Details ein. „Ist das da drüben etwa Zeckenöl?“, will die fünfjährige Lene wissen und deutet auf kleine braune Fläschchen am Fenster. „Nein, dass braucht man, wenn es hier anfängt zu riechen“, erklärt der Juniorchef. Aber was verbirgt sich hinter der großen breiten Tür? Zum Glück stellt sich heraus, dass der Kühlraum leer steht, Juliane Kempf ist erleichtert. „Selbst wenn da fünf Särge drin gewesen wären, hätten die Kinder die trotzdem sehen wollen“, weiß Joachim Braun, der schon so manche Kinderführung in dem Familienbetrieb mitgemacht hat.

Im Abschiedsraum geht der Frage-Marathon munter weiter. Antonius (5) fallen sofort die Teelichter auf. „Das kann doch hier alles abbrennen“, gibt er zu bedenken. Aber Maria Enders-Otto, Mitarbeiterin bei Familie Braun, erklärt in aller Ruhe die Funktion des Raums und warum die Menschen hier gerne ein paar Kerzen stehen haben.

„Einstein“ und „Miss Piggy“ lenken ab

Zum Ende der Tour lernen die Kinder die kleine Kapelle kennen. Der offen aufgestellte Sarg zieht sofort die Aufmerksamkeit der Racker auf sich. „Wie weich das da drin ist“, stellt die fünfjährige Breanna fest, während sie das Innenfutter, Decke und Kissen akribisch inspiziert.

Jetzt besuchen wir noch unsere Hausschweine“, ruft Maria Enders-Otto die Kinderschar zusammen. Schweine? Die grunzenden „Einstein“ und „Miss Piggy“ sind fortan das Gesprächsthema Nummer eins, dem sich sofort und umfassend gewidmet werden muss. Trotzdem schafft es Helmut Braun, die Kinder - zumindest die meisten - mit den im Garten wachsenden Himbeeren schon wieder von den faszinierenden Haustieren wegzulocken. „Er ist wie der Rattenfänger von Hameln“, scherzt sein Sohn.

Juliane Kempf jedenfalls ist mit dem Besuch zufrieden: „Es ist beeindruckend, wie unbekümmert die Kinder sich mit dem Tod auseinander gesetzt haben. Selbst ich bin dadurch lockerer geworden.“

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