Judenretter als Schüler-Vorbild

Dieburg - (hov) Was kann Schüler heute noch an Karl Plagge interessieren, einem Darmstädter Wehrmachtsoffizier? „Eine ganze Menge“, weiß Werner Stoklossa.

Mit 18 Schülern des Fachoberschul-Religionskurses der Landrat-Gruber-Schule hat der Religionslehrer und evangelische Pfarrer das Thema „Verantwortung und Gewissen unter Zwangsverhältnissen“ als Halbjahresprojekt bearbeitet. Da kam die Geschichte vom Leben und Wirken Plagges als Vorbild für Nächstenliebe trotz Nazi-Zeiten gerade recht.

Der couragierte Darmstädter Wehrmachtsoffizier und Maschinenbau-Ingenieur Karl Plagge (1897-1957) riskierte während des zweiten Weltkrieges sein Leben, um das von mehr als 250 Juden zu retten. „Wir haben gelernt, dass es trotz der krassen Denkweisen und des Mitläufertums, dass in Zeiten der Nazi-Diktatur teils in der Bevölkerung herrschte, Leute gab, die gegen den Strom geschwommen sind und etwas unternommen haben“, sagt der 22-jährige Schüler Jan-Paul Lefèvre. „Mir war wichtig, den Schülern zu zeigen, dass jeder Einzelne etwas bewirken kann, wenn er sich seiner gesellschaftlichen Verantwortung stellt“, betont auch Lehrer Stoklossa.

Dafür ist Karl Plagge in der Tat ein geeignetes Vorbild: Als Leiter eines Heeres-Kraftfahrparks im litauischen Wilna schützte er Judenfamilien vor brutalen SS-Übergriffen, indem er ihnen Arbeit gab. Nach dem Krieg machte er daraus keine Heldentat und geriet in Vergessenheit, bis 2002 Nachkommen von Überlebenden aus den USA die Spurensuche per Internet aufnahmen. Mit Hilfe der Darmstädter Archivarin Marianne Viefhaus führte die Suche auf die richtige Fährte - 2005 wurde Plagge als einer der „Gerechten der Völker“ in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt. Auch die Heimatstadt Darmstadt würdigte seine Verdienste: 2006 wurde die Pfungstädter Frankensteinkaserne in „Major-Karl-Plagge-Kaserne“ umbenannt.

Seit Januar haben 18 Schüler des Religionskurses in Zweiergruppen recherchiert und Infomaterial zum Thema erstellt. Zusammen mit der Wanderausstellung „Karl Plagge, ein Gerechter unter den Völkern“ der Darmstädter Geschichtswerkstatt, die Stoklossa jetzt mieten konnte, ist in der Landrat-Gruber-Schule eine informative und sehenswerte Ausstellung entstanden. Bis Montag, 30. März, stehen die Infotafeln in der Eingangshalle, in jeder Pause stehen daneben zwei kompetente Schüler als Ansprechpartner. Ebenso wie der Geschichtswerkstatt diente auch den LGS-Schülern eine Biografie als Basis für ihre Arbeit: „Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete“ von Michael Good. Der Sohn einer von Plagge geretteten Jüdin stellt Karl Plagge, sein Tun sowie historisch-politische Hintergründe der Holocaust-Jahre vor.

„Die Ausstellung ist ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen“, sagt Schulleiter Dieter Staudt. „Ich hoffe sehr, dass meine Schüler und auch die Schüler der Nachbarschulen das Angebot ausgiebig nutzen. Von dem vielen Text sollte sich niemand abschrecken lassen, denn alles ist gut gegliedert und aufbereitet.“ Auch interessierte Bürger können die Ausstellung mit zwölf Tafeln in der Eingangshalle der Landrat-Gruber-Schule (Auf der Leer 11) montags bis freitags zwischen 8 und 15 Uhr anschauen. Einzelgäste werden um Anmeldung im Sekretariat gebeten, Gruppen wenden sich für eine geführte Besichtigung an Werner Stoklossa, 06162/915055.

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