Die Frankfurter Jüdin Cilly Peiser bringt Schülern Geschichte nahe - hautnah.

Als jüdisches Kind unter Wölfen

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Zu Gast bei den Schülern der 10 a: Cilly Peiser berichtet von ihrer Jugend als Jüdin im Nationalsozialismus.

Dieburg   ‐ „Es ist krass, was damals im Dritten Reich passiert ist, das ist so schrecklich, man kann es sich gar nicht vorstellen.“ Doch an diesem Morgen gewinnt die Schülerin der Klasse 10a der Goetheschule einen authentischen Eindruck vom Antisemitismus des Naziregimes. Von Ursula Friedrich

Die gebürtige Frankfurterin Cilly Peiser berichtet von Judenverfolgung, Konzentrationslagern, der Reichspogromnacht und Mitmenschen, die andere ans Messer liefern. Cilly Peiser, geborene Levitus, war dabei, mitten im Überlebenskampf deutscher Juden im Dritten Reich.

„Hitler erzählte ja vor seiner Wahl, was seine Absichten waren. Als er Reichskanzler wurde, wussten wir: Es wird richtig schlimm“, berichtet die 1925 geborene Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Gebannt hängen die Schüler an ihren Lippen, als sie von ihrer Kindheit berichtet: „Unser Schulweg, das war ein Spießrutenlauf, wir hatten ja keine Rechte, waren vogelfrei“, so die Zeitzeugin. „Wir Kinder hatten Todesangst.“

Ihre traumatischen Erlebnisse hat der Autor Lutz van Dijk in der Biografie „Zu keinem ein Wort - Überleben im Versteck“ aufgearbeitet. Das Buch ist auf Grundlage der Tagebücher von Cilly Peiser im Auftrag des jüdischen Museums Frankfurt entstanden und bei Elefanten Press erschienen. Passagen des Werks, vorgetragen von der Überlebenden des Holocaust, machen im Unterrichtsraum betroffen, bestürzt, fassungslos.

Doch die Schüler empfangen die Zeitzeugin nicht sprachlos, sind vorbereitet. „Einige haben das Buch gelesen und wir haben uns die Dokumentation über Cilly Peiser, ,Das Nadelöhr', angeschaut“, berichtet Klassenlehrerin Silke Keil. Die Schüler bearbeiteten mit der Studienreferendarin Rita Felkel im Geschichtsunterricht intensiv das Geschehen im dritten Reich. Resultat ist unter anderem ein ganzer Fragenkatalog: „Konnte man sich denn nicht gegen die Soldaten wehren?“, wollen sie wissen. Und: Was war im holländischen Exil – wurde dort auch gemordet? Gefasst beantwortet die Zeitzeugin alle Fragen. Wie sie in den Niederlanden mit gefälschten Papieren untertauchte, mehrfach der Deportation entging, verraten wurde, floh, überlebte.

„Bei meinen ersten Gesprächen als Zeitzeugin des Holocaust habe ich ein Beruhigungsmittel genommen, um nicht zu weinen“, sagt Cilly Peiser. Doch ihre Mission ist es, die Schreckensära der Nazis immer aufs Neue zu vergegenwärtigen: „Solange wir leben, müssen wir darüber reden. Heute gibt es ja sogar Stimmen, die behaupten: Das war gar nicht so!“

Mit ungeheurer Tapferkeit trägt die zierliche Frau ihr Schicksal: 1945 heiratete sie einen jüdischen Soldaten, ging nach Palästina, kehrte 1957 an den Ort ihres Kindheitstraumas zurück. Als Sozial- und Sonderpädagogin sowie Psychologin war sie bis 1986 im Hessischen Schuldienst tätig, gründete im Jahr 2000 die Organisation „Child Survivors Deutschland“: Menschen, die als Kinder wegen ihres Judentums verfolgt wurden, helfen einander, mit dem Trauma umzugehen.

In Begleitung Ursula Ernsts von der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank liest und spricht Cilly Peiser immer wieder mit jungen Leuten. Das ist ihre Waffe gegen das Vergessen.

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