Kämpferisches Polit-Urgestein

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Mit großen Gesten unterstreicht Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble seine Worte. Beifall kommt von Bundestagsabgeordneter Patricia Lips und Landtagsabgeordnetem Manfred Pentz.

Dieburg - Zu den Klängen von „Final Countdown“ zieht er ein in den voll besetzten Saal der Römerhalle. Von Lisa Hager

Die Bodyguards haben die Zuschauer, die den Star des Abends mit stehenden Ovationen empfangen, fest im Blick – da ist aber nichts Böses zu befürchten für Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble. Auf seiner Wahlkampftour – er kam gerade aus Usingen – hat er am Donnerstagabend, 31 Tage vor der Bundestagswahl, in Dieburg Station gemacht. Rund 650 Bürger – darunter viele CDU-Anhänger und Parteifreunde – wollen hören, was der Herr über die Finanzen zu sagen hat.

Nach seiner Rede ließ Dr. Wolfgang Schäuble spontane Fragen aus dem Publikum zu: Dieser Bürger wollte wissen, was die CDU für den Schutz der Familie tun wolle. Auch die Lohnpolitik und die immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Arm und Reich beschäftigte die Fragesteller.

Mit großen Gesten, freier kämpferischer Rede und verschmitztem Schwaben-Humor hat er den Saal schnell im Griff. Vor 18 Jahren war er schon einmal hier, erinnert er sich an „Dibborsch“, wie er schnell lernt – zum 50. Jubiläum der örtlichen CDU. Landtagsabgeordneter Manfred Pentz und Bundestagsabgeordnete Patricia Lips übernehmen die Moderation auf dem Podium. Dass Pentz seine Freude über den Besuch des CDU-Urgesteins wortreich ausdrückt, kommentiert Schäuble mit: „Und deshalb haben Sie sich gleich eine neue Frisur verpassen lassen.“ Mit solchen pfiffigen Bemerkungen hat er die Lacher schnell auf seiner Seite.

Dann wird es aber ernst und still im Saal: Mit Leidenschaft verteidigt Schäuble die Rettung des Euro und der Märkte. Hätte man es nicht getan und in der Finanzkrise („Die hätte uns um ein Haar umgebracht“) die Banken über die Klinge springen lassen, müssten es heute vor allem die Deutschen büßen. „Wir sind noch nicht über dem Berg“, sagt er eindringlich, „aber auf einem guten Weg.“ Selbst in Griechenland gäbe es wirtschaftliche Fortschritte. In Spanien und Portugal seien sogar schon ganz klare Verbesserungen zu spüren.

Aber es wäre keine Wahlkampfveranstaltung, wenn es vom stellvertretenden Bundesvorsitzenden der CDU nicht auch Seitenhiebe ins andere politische Lager gäbe. „Rotgrün verhindern“, sei die Parole. Schäuble aber bleibt gemäßigt, was die Schelte für die Opposition angeht. Dem Kanzlerkandidaten der SPD bestätigt er sogar, „solide Arbeit“ geleistet zu haben – allerdings damals als Bundesfinanzminister in der großen Koalition mit Angela Merkel.

Die Bundesfinanzen, so rechnet Schäuble vor, entwickelten sich gut. 2014 sei eine schwarze Null angestrebt und 2015 hofft er, „ganz ohne Neuverschuldung auszukommen“. Er erteilt Steuererhöhungen ebenso eine Absage wie dem „Veggietag der Grünen“ („der Diktatur von gutmeinenden Besserwissern entsprungen“) und dem Mindestlohn. „Wir müssen ein Umfeld schaffen, in dem Wirtschaft wachsen kann, ohne die soziale Gerechtigkeit aus den Augen zu verlieren“, konstatiert Schäuble.

Ein paar kritische Fragen – beispielsweise zur umstrittenen Griechenland-Hilfe und den EU-Beitrittskriterien für Schwellenländern – kommen zum Abschluss aus dem Publikum. Er pariert sie souverän, ohne überheblich zu klingen. „Vielleicht kam der Beitritt bei dem einen oder anderen Land zu früh“, räumt Schäuble nachdenklich ein. Aber nur, um gleich darauf wieder heftig für die EU und den Euro zu werben. Dem Ruf nach mehr Restriktionen für Länder unter dem Rettungsschirm stellt er die deutsche Historie entgegen: „Wir können andere nicht kommandieren, dann haben wir schnell die ganze EU gegen uns. Dann heißt es, die Deutschen fangen schon wieder an.“

Dem spektakulären Auftritt folgt ein unspektakulärer Abgang: Noch ein Foto mit dem Darmstädter Direktkandidat Charles M. Huber im Gang, dann rollt Schäuble – wie immer mit eigener Muskelkraft – die barrierefreie Rampe zum Hinterausgang hinunter. Dort patroulliert ein Polizeibeamter mit Spürhund, ein paar Kollegen beobachten die Szene aus der Entfernung, die ein oder andere Handykamera blitzt kurz auf. Und schon ist die silbergraue Limousine mit dem Bundesfinanzminister verschwunden.

Auf Schäuble warten die nächsten Wochen noch viele Auftritte dieser Art. „Jetzt heißt’s kämpfen!“, hatte er in der Römerhalle vor dem Absingen der Nationalhymne zum Abschied als Parole ausgegeben. „Ausruhen können wir uns am 22. September – aber nicht vor 18 Uhr.“

Quelle: op-online.de

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