Keine Angst vor der Flut

Melanie Wehrle leitet die „Tanzschule Wehrle“. Zum Tanzen kommt die Chefin selbst aber nur noch selten. Foto (Archiv): Dörr

Dieburg - Vor Hochwasser muss Melanie Wehrle keine Angst mehr haben: Um den ersten Stock des Vereinsheims des SC Hassia Dieburg zu erreichen, müssten die Wellen schon äußerst hoch schlagen. Von Jens Dörr

Hochwasser? In Dieburg? Gab’s mal, 1995 war das: „Ich hatte gerade erst das Kindertanzen beendet, als das Wasser reinschoss“, erinnert sich Wehrle an den Tag, der ihr noch bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Ihre Tanzschule, die mittlerweile weit über die Tore Dieburgs hinaus bekannte „Tanzschule Wehrle“, befand sich damals noch in der Darmstädter Straße, dort, wo sich heute der Anbau des „Fitness-Treff“ befindet. Die Kinder brachte Wehrle noch rechtzeitig vor dem Wasser der Gersprenz in Sicherheit, sie selbst musste von der Feuerwehr gerettet werden. „Das hat mich damals finanziell ganz schön gefetzt“, sagt sie, denn gegen die Naturgewalt habe man sich nicht versichern können. „Doch ich habe mich immer wieder aufgerappelt.“

Schon der Großvater war vorbelastet

Auf den Füßen ihrer Oma machte die energiegeladene Frau ihre ersten Tanzschritte. „Die hat mich einfach draufgestellt und ist mit mir durchs Wohnzimmer getanzt“, erinnert sich Wehrle lachend. Überhaupt war die Familie tänzerisch „vorbelastet“: Ihr Großvater Roland fungierte einst als Ballettmeister in Zürich, Vater Rudi Wehrle verdingte sich auf dem Lande schon früh als Gasttänzer. „Auch früher waren schon immer mehr Frauen als Männer in den Kursen“, merkt Wehrle an. Während der Vater beruflich aber nicht in die Fußstapfen von Melanies Großvater trat, bahnte sich das bei der Enkelin doch noch an. „Mit 14 Jahren habe ich meinen ersten Tanzkurs gemacht, ab diesem Zeitpunkt hat mich das nicht mehr losgelassen.“ Mit 18 Jahren begann sie ihre Ausbildung zur Tanzlehrerin – den Turniertanz musste sie indes immer öfter sein lassen, da sich das zeitlich mit der Arbeit überschnitt. „Da habe ich dann mehr Showtanz gemacht, das war besser mit dem Job vereinbar.“

Erste Kurse im Pater-Delp-Haus absolviert

Wenn Melanie Wehrle von „Job“ spricht, klingt das maßlos untertrieben. Die Tanzschule nimmt einen Großteil ihres Lebens in Anspruch. Unzählige Stunden pro Woche verbringt sie seit Beginn ihrer Selbständigkeit mit Management und Unterricht. 1990 ging es los, seit 1991 ist Wehrle in Dieburg tätig. „Die ersten Kurse habe ich mit den Paaren im Pater-Delp-Haus absolviert“, blickt Wehrle zurück. Die Kurse im Gesellschaftstanz kamen derart gut an, dass sie fortan die Bleibe in der Darmstädter Straße bezog. Dort baute sie auch nach dem Hochwasser wieder auf, 1999 folgte der große Umzug: Seitdem hat die „Tanzschule Wehrle“, in der die Chefin mit einem Team von sieben Mitarbeitern tätig ist, ihr Quartier im Vereinsheim der Hassia.

1 500 Jugendliche für Abschlussball ausbilden

Sportlich unterwegs ist die gebürtige Dieburgerin mittlerweile vor allem in dem Sinne, dass sie ständig auf den Beinen ist. „Zum selber Tanzen komme ich leider viel zu wenig“, bedauert sie. Denn nicht nur in der Tanzschule selbst bietet sie Kurse vom Gesellschafts- bis zum Videoclip-Tanz an: „Wir sind mit unseren Angeboten auch ganz viel draußen unterwegs, fahren bis nach Rai-Breitenbach im Odenwald.“ Eine Hausnummer zur Größenordnung der Tanzschule, die Wehrle selbst als „die größte in der Region“ bezeichnet: Alleine im Winter bringt ihr Unternehmen 1 500 junge Leute durch die Abschlussbälle. Die wiederum macht die Tanzschule aktuell in der Babenhäuser Stadthalle; wobei Wehrle nach Eröffnung der neuen Dieburger Stadthalle das gerne ins Gersprenzstädtchen verlagern würde. Dafür müssten aber vor allem im Hinblick auf die Zahl der Sitzplätze bei Bankettbestuhlung die Voraussetzungen da sein – letztlich sei den Leuten relativ egal, wo sie ihren Ball abhielten.

Mit Herzblut bei der Sache

Wer denkt, die Frau voller Power könne sich nicht auch zurückhalten, täuscht sich: „Ich bin eigentlich eine eher Stille, die mit viel Herzblut ihre Arbeit macht“, sagt sie. Andere behaupten über Melanie Wehrle, sie tanze unvergleichlich ausdrucksstark, wenn sie doch noch einmal dazu kommt. Sie selbst wiegelt dann bescheiden ab. Entlocken lässt sie sich dann allenfalls eine Satz à la „Es ist wichtig, von sich selbst zu wissen, was man kann.“

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